{"id":599,"date":"2010-07-13T22:22:13","date_gmt":"2010-07-13T20:22:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=599"},"modified":"2010-07-13T22:22:13","modified_gmt":"2010-07-13T20:22:13","slug":"der-einbruch-des-performativen-theater-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=599","title":{"rendered":"DER EINBRUCH DES PERFORMATIVEN (THEATER HEUTE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2011 kuratiert Susanne Gaensheimer, die sich mit Christoph Schlingensief einen performativen K\u00fcnstler eingeladen hat. Das stie\u00df auch auf Kritik &#8211; ein Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/gaensheimer.jpg\" width=\"450\" height=\"378\" alt=\"Theater Heute #7, Juli 2010\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>MAX GLAUNER: Susanne Gaensheimer, Sie sind zur Kommissarin des deutschen Pavillons bei der 54. Biennale von Venedig 2011 ernannt worden, der wichtigsten internationalen Leistungsschau zeitgen\u00f6ssischer Kunst. Nach Christa K\u00fchne, die 1986 den DDR-Beitrag kuratierte und Gudrun Inboden 1997 und 1999 sind Sie erst die dritte Frau in diesem Amt. Wie wird man Kommissarin des deutschen Pavillons?<\/p>\n<p>SUSANNE GAENSHEIMER: Man wird von der Kunstkommission des Ausw\u00e4rtigen Amtes vorgeschlagen und dann vom Au\u00dfenminister berufen, und ich freue mich sehr dar\u00fcber. Venedig ist eine ganz wunderbare Aufgabe und eine gro\u00dfe Herausforderung, die sich doch sehr von den t\u00e4glichen Aufgaben im Museum unterscheidet.<\/p>\n<p>MG: Ihr Vorg\u00e4nger am Frankfurter Museum f\u00fcr Moderne Kunst Udo Kittelmann, heute Direktor der Berliner Nationalgalerie, durfte zeitnah mit seinem Amtsantritt in Frankfurt wie Sie den deutschen Pavillon kuratieren. Ist es richtig, dass man mit der \u00dcbernahme des MMK automatisch auch die Venedigbiennale bespielen darf?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER (lacht) Mit der Leitung des MMK werden die Chancen f\u00fcr Venedig offensichtlich nicht geringer. Allerdings sind die Ernennungen von mir und Kittelmann zu Beginn unserer Frankfurter Zeit rein zuf\u00e4llig.<\/p>\n<p>MG: Vielleicht doch nicht ganz zuf\u00e4llig: Das MMK wurde als erstes bundesrepublikanisches Haus allein der zeitgen\u00f6ssischen Kunst gewidmet. Kann man von seinen Direktoren nicht eine gewisse Kenntnis der Szene erwarten?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Sicher, das MMK war eines der ersten Museen f\u00fcr Gegenwartskunst und ist heute immer noch international sehr anerkannt. Schon zu meiner Studienzeit in M\u00fcnchen und Hamburg Anfang der 90er Jahre, war das MMK f\u00fcr mich ein erstes Reiseziel. Aber es gibt noch eine Reihe ebenso kompetenter Institutionen der Gegenwartskunst mit ebenso kompetenten Leiterinnen und Leitern in Deutschland. mg Sie haben \u00fcber Bruce Nauman promoviert, einem K\u00fcnstler, der den K\u00f6rper, Bewegung und Performance, zu einem wesentlichen Aspekt seiner skulpturalen Arbeit erkl\u00e4rt. gaensheimer Ja, das ist richtig. Bruce Nauman halte ich unter anderem auch darum f\u00fcr eine der herausragenden K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>MG: In Ihrem ersten Jahr am MMK vermisst man allerdings performative Positionen.<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Das ist so nicht ganz richtig. Bei Jack Goldstein, von dem wir im letzten Jahr eine gro\u00dfe Retrospektive gezeigt haben, spielt die Performance eine wichtige Rolle. Ende September werden wir mit \u00abNot in Fashion\u00bb eine Ausstellung \u00fcber Mode und Fotografie in den fr\u00fchen 90er Jahren zeigen, wo die Inszenierung, die Bewegung und das Experiment eine enorme Rolle spielen. So wird die Performancek\u00fcnstlerin Vanessa Beecroft hier eine Arbeit zeigen. Und f\u00fcr 2011 planen wir eine Retrospektive von Felix Gonzalez Torres, die von dem Performance-K\u00fcnstler Tino Sehgal co-kuratiert wird.<\/p>\n<p><strong>\u2014 Ein Skandal?<\/strong><\/p>\n<p>MG: Nun haben Sie sich mit der Nominierung von Christoph Schlingensief neben Lob auch viel \u00c4rger eingehandelt. Der derzeit vielleicht renommierteste deutsche K\u00fcnstler, der Maler Gerhard Richter, spricht von einem Skandal. Haben Sie mit diesem Gegenwind gerechnet?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ich sch\u00e4tze Gerhard Richter als einen der wichtigsten K\u00fcnstler der Gegenwart sehr, doch ich bin nicht seiner Meinung. Mit Christoph Schlingensief habe ich mich ganz bewusst f\u00fcr einen K\u00fcnstler entschieden, der nicht nur inhaltlich, sondern auch formal Grenzen \u00fcberschreitet. In Bezug auf den Pavillon halte ich dies f\u00fcr einen sehr wichtigen Aspekt. In diesem Sinne freue ich mich auf eine konstruktive und auch kritische Diskussion.<\/p>\n<p>MG: Wie sind Sie auf Schlingensief gekommen?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ich kannte ihn nicht pers\u00f6nlich, aber ich kannte nat\u00fcrlich viele seiner Arbeiten. In meiner ersten M\u00fcnchner Zeit habe ich mich viel mit seinen Filmen besch\u00e4ftigt. Im Rahmen von Hans-Ulrich Obrists Venedigbiennale-Projekt \u00abUtopia Station\u00bb hat mich seine \u00abChurch of Fear\u00bb stark beeindruckt. Bei Schlingensief steht immer ein politisches oder gesellschaftliches Anliegen im Vordergrund. Das hat Kraft und Authentizit\u00e4t und bezieht sich explizit auf die spezifische Situation. Das findet man im etablierten Kunstbetrieb selten. Nach einer sehr intensiven Besch\u00e4ftigung mit der Frage der K\u00fcnstlerwahl habe ich ihn dann getroffen, und wir haben uns lange unterhalten. Da war f\u00fcr mich die Entscheidung vollkommen klar.<\/p>\n<p>MG: Richter moniert, dass man einen Performer nehme, obwohl Deutschland tausende K\u00fcnstler habe. Sehen Sie diesen Gegensatz: Performer auf der einen Seite und K\u00fcnstler auf der anderen?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Nein, nat\u00fcrlich nicht, denn er impliziert ja, dass jemand, der seinen Ausdruck im Performancebereich oder im Theater sucht, kein K\u00fcnstler ist. Ich kann nicht glauben, dass Gerhard Richter das so gemeint hat. Ich sehe diese Gattungsschranken nicht. Die Moderne lebt doch gerade davon, dass Gattungsgrenzen thematisiert, hinterfragt und \u00fcberwunden werden. Performative Momente haben die Avantgarden von Anbeginn bestimmt. Denken Sie nur an DADA, die Fluxusbewegung oder K\u00fcnstler wie Bruce Nauman. Das kann man nicht ignorieren.<br \/>\nMG: Ihre Haltung wird von konservativeren Kollegen nicht unbedingt geteilt. Sie bef\u00fcrchten eine Verw\u00e4sserung eindr\u00fccklicher Kunstwerke. Was sagen Sie denen?<\/p>\n<p><strong>\u2014 Der inhaltliche Ansatz<\/strong><\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ich bin gegen die Monumentalisierung von Ideen oder Werken und habe nie in formalen Kategorien gearbeitet. F\u00fcr mich z\u00e4hlt der inhaltliche Ansatz eines Kunstwerks, ganz gleich, in welchem Medium er ausgef\u00fchrt wird. Wenn Sie mit Gegenwartskunst arbeiten, m\u00fcssen Sie offen sein, von der Situation her denken und nicht von vornherein eine Richtung oder Tendenz ausschlie\u00dfen, die am Ende produktiv sein kann.<\/p>\n<p>MG: Es gibt gegenw\u00e4rtig eine Tendenz in der Kunst zur Inszenierung, zum B\u00fchnenbild und zum Theater. Das d\u00e4nische K\u00fcnstlerduo Elmgreen &#038; Dragset schrieben 2009 gleich den d\u00e4nischen und nordischen Pavillon zum Verkauf aus und lie\u00dfen das Publikum von zwei professionellen Schauspielern in der Rolle von Maklern durch die Ausstellung f\u00fchren. Springen Sie da mit Schlingensief nicht auf einen modischen Zug auf?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Nein, sicher nicht. Bei Elmgreen &#038; Dragset handelte es sich doch vorrangig um einen Kommentar innerhalb des Kunstbetriebs. Bei Christoph Schlingensief geht es mir gar nicht prim\u00e4r um den performativen Charakter seiner Arbeit, sondern um deren gesellschaftliche Dimension. Nat\u00fcrlich kennen die meisten Schlingensief als einen Autorenfilmer und Theatermann, aber er ist darauf nicht festzulegen. Das Spannende an seiner Arbeit ist, dass er die verschiedensten Medien bedient und dabei ein klares soziales und politisches Engagement in den Vordergrund stellt.<\/p>\n<p>MG: An wen soll sich der deutsche Pavillon richten?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: An ein heterogenes, interessiertes und offenes Publikum, also nicht an ein reines Fachpublikum. Bis zum Ende der Biennale im November kommt eine Vielzahl unterschiedlichster Leute, neugierige Besucher ebenso wie Schulklassen und unz\u00e4hlige Touristen, die zum ersten Mal mit Gegenwartskunst konfrontiert werden. Christoph Schlingensiefs Arbeit wird sich sicherlich an alle richten, und man wird mit allen Sinnen gefordert sein.<\/p>\n<p>MG: Ist mit Schlingensief ein umfassendes Erlebnis, ein syn\u00e4sthetisches Mini-Bayreuth in Venedig zu erwarten?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ja und nein. Von der Idee des Umfassenden her sicherlich ja, und auch von der Idee der Inszenierung. Aber ich k\u00f6nnte mir statt Bayreuth auch gut Afrika in Venedig vorstellen, respektive das Operndorf aus Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou. Aber das wird sich alles erst in der n\u00e4chsten Zeit zeigen.<\/p>\n<p><strong>\u2014 Transformation des Nationalen<\/strong><\/p>\n<p>MG: Am deutschen Pavillon &#8211; ein Umbau aus der NS-Zeit &#8211; hat sich viel Kritik festgemacht. Erwarten Sie von Schlingensief und seinem Afrika-Engagement eine neuerliche Transformation des Nationalen?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ja, aber wie Christoph Schlingensief bereits in einem Interview gesagt hat: Es wird \u2028keine Provokation mit Hakenkreuz und Naziparolen geben. Eine Auseinandersetzung mit\u2028 dieser Vergangenheit hat es in Venedig ja bereits\u2028 auf sehr hohem Niveau gegeben &#8211; denken Sie an \u2028Hans Haackes \u00abGermania\u00bb-Installation. Ich glaube, \u2028dass es wichtig ist, dass man von der ideologischen Besetzung dieses Geb\u00e4udes wegkommt, da\u2028 kommen wir heute nicht mehr weiter. Die deutsche Geschichte h\u00f6rt ja nicht nach dem Zweiten\u2028 Weltkrieg auf. Wichtig ist, dass man einerseits\u2028 davon ausgeht, was da ist: der deutsche Pavillon,\u2028 seine architektonische Gestalt, seine Geschichte \u2028und Aus Stellungschronik, und nat\u00fcrlich seine\u2028 Aufgabe, Deutschland zu repr\u00e4sentieren. Aber\u2028 man muss dann einen Schritt weiter gehen und \u2028die rein nationale Perspektive verlassen, man\u2028 muss transnational denken.<\/p>\n<p>MG: Sie erwarten mit Schlingensief den Schritt \u2028vom Nationalen zum Globalen?<\/p>\n<p>GAENSHEIMER: Ja, wenn Sie so wollen. Darum\u2028 interessiert mich ja auch Schlingensiefs Afrika-\u2028Projekt sehr. Damit und auch mit seinen Inszenierungen wie \u00abVia Intolleranza II\u00bb ist es ihm hervorragend gelungen, entscheidende Fragen an uns zu\u2028stellen, die uns zwar in unserem \u00abDeutsch-Sein\u00bb \u2028unmittelbar betreffen, jedoch aus einer rein nationalen Befindlichkeitsperspektive hinausf\u00fchren: \u00abWie k\u00f6nnen wir Afrika helfen, wenn wir \u2028uns nicht einmal selbst helfen k\u00f6nnen?\u00bb Es bringt \u2028uns ja nichts, uns immer innerhalb der eigenen\u2028 Grenzen zu bewegen. Weder \u00e4sthetisch noch politisch.<\/p>\n<p><em>Quelle: THEATER HEUTE #7, Juli 2010<\/em><\/p>\n<p><em>Foto: Benjamin St\u00f6ss, dpa<\/em><\/p>\n<p><strong>Diesen Artikel als PDF herunterladen (750 KB)<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2010-07-01_theater_heute_intolleranza.pdf\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/gaensheimer_pdf_preview.jpg\" width=\"450\" height=\"284\" alt=\"Theater Heute #7, Juli 2010\" class=\"centered\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2011 kuratiert Susanne Gaensheimer, die sich mit Christoph Schlingensief einen performativen K\u00fcnstler eingeladen hat. 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