{"id":596,"date":"2010-07-13T13:22:25","date_gmt":"2010-07-13T11:22:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=596"},"modified":"2010-07-13T13:22:25","modified_gmt":"2010-07-13T11:22:25","slug":"es-schlaft-ein-lied-monopol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=596","title":{"rendered":"ES SCHL\u00c4FT EIN LIED (MONOPOL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Biennale reicht nicht in Berlin, fand der K\u00fcnstler Tjorg Douglas Beer und organisierte gemeinsam mit der Kuratorin Anna Catharina Gebbers und anderen Mitstreitern aus der hauptst\u00e4dischen Kunstszene die Berlin Kreuzberg Biennale<\/strong><\/p>\n<p><em>von Elke Buhr<\/em><\/p>\n<p>Unter dem sch\u00f6nen Titel \u201eAyran und Yoga\u201c haben \u00fcber 40 K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen den \u00f6ffentlichen Raum zwischen Kreuzk\u00f6lln, Urbankrankenhaus und Oranienplatz bespielt. Die Namen auf der Liste h\u00e4tten auch einer offiziellen Biennale gut gestanden, von Terence Koh \u00fcber Christian Jankowski und Isa Melsheimer bis zu Olaf Metzel.<\/p>\n<p>Entscheidender Unterschied: Die Berlin Kreuzberg Biennale arbeitet ohne Etat, jeder der eingeladenen K\u00fcnstler realisiert sein Werk komplett in eigener Regie: ein gro\u00dfes Off-Festival selbstbestimmten Arbeitens. Dementsprechend punkten die Werke durch Idee und Witz statt durch gro\u00dfen Materialeinsatz. Das Prinzip ist den schnellen Eingriffen der Street-Art entliehen, die Haltung durchweg zur\u00fcckhaltend: Es geht hier um die kleine Geste und nie um Formalismus, sondern immer um direkte Interventionen in die soziale Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Gleich am Oranienplatz, wo der von den Ausstellungsmachern vorgeschlagene Rundgang beginnt, hat Daniel Knorr die Ansage \u201e1 Jahr Garantie \u2013 \u00f6ffentlicher Raum\u201c per Schablone an die Wand gespr\u00fcht: ein deutlich subtilerer Kommentar zur Gentrifizierungsdebatte als normalerweise in Kreuzberg zu h\u00f6ren. In der Graefestra\u00dfe stellt Antoine Renard ein altes Fahrrad in einen Hinterhof, das statt des Sitzes ein Glaskristall hat: \u201eThe Jewel\u201c hei\u00dft das Werk. Terence Koh h\u00e4ngt in der Urban Stra\u00dfe jede Woche einen neuen Auszug aus seinem Online-Tagebuch an einen Baum (nachzulesen hier) und Gregor Hildebrandt wickelt ein St\u00fcck Kassettenband um einen Strauch am Urbanhafen. \u201eEs schl\u00e4ft ein Lied in all den Dingen\u201c hei\u00dft die Arbeit.<\/p>\n<p>Einer veritablen Skulptur am n\u00e4chsten kommt noch James Krone, der aus G\u00fcrteln und Stahlstangen eine Struktur zusammengebaut hat, die ein Badminton-Netz darstellen soll. Ansonsten gehen die Arbeit eher ins Immaterielll-Poetische: April Lamm etwa stellt ein Schild mit der Aufschrift \u201eThis is a Single Sock\u201c in einem Teich in der \u201eJapanischen Oase\u201c hinter dem Fraenkelufer. Der Rest der Socken-Geschichte ist Imagination.<\/p>\n<p>Die Outdoor-Projekte dieser alternativen Biennale sind per Karte, anhand der Werkbeschreibungen und mit einigem detektivischen Sp\u00fcrsinn zu erlaufen und verleiten so zu einer urbanistischen Forschungsreise. Viele andere Arbeiten f\u00fchren in halb\u00f6ffentliche Innenr\u00e4ume, und auch hier ergeben sich ungew\u00f6hnliche Einblicke: Abstrakte Fotografien Arno Auers h\u00e4ngen im Imren Grill in der Boppstra\u00dfe, Isa Melsheimers wundersch\u00f6ne Glasskulptur \u201eZwischengebirge\u201c f\u00fcgt sich perfekt in das Schaufenster einer Glaserei in der Graefestra\u00dfe, Christian Jankowskis bekannter Film \u201eDie Jagd\u201c (1992), in demer mit Pfeil und Bogen in den Supermarkt geht, findet eine perfekte Heimat in einem kleinen Lebensmittelgesch\u00e4ft, und Christoph Schlingensiefs Filme \u00fcber Tiere konnten nirgendwo anders als im Aquariengesch\u00e4ft an der Skalitzer Stra\u00dfe gezeigt werden. Und wenn Malte Urbschat die Ergebnisse seiner Recherche \u00fcber neu entwickelte nicht-t\u00f6dliche Waffen auf kopierten Zetteln an die Wand eines Copyshops h\u00e4ngt, dann spiegelt er nicht zuletzt die bestehende \u00c4sthetik des Ortes mit seinen \u00fcberbordenden Zettelw\u00e4nden.<\/p>\n<p>Als No-Budget-Veranstaltung auf Netzwerk-Grundlage ohne institutionelle Basis ist diese spontan und mit bewundernswertem Engagement aus dem Boden gestampfte Berlin Kreuzberg Biennale f\u00fcr viele der teilnehmenden K\u00fcnstler eine Art Lockerungs\u00fcbung. Gleichzeitig oder gerade deshalb hat sie immer wieder erstaunlich viel Substanz \u2013 und eine \u00e4u\u00dferst angenehme Art, ihrem Ort, n\u00e4mlich Kreuzberg, die Referenz zu erweisen.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzt wird das Programm durch eine Serie von Abendveranstaltungen, Filmscreenings, Pr\u00e4sentationen und Dinners in Ateliers und Studios des Viertels.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=581\">100 Animal Films by Christoph Schlingensief. Noch bis 31. Juli 2010 im Rahmen der Berlin Kreuzberg Biennale an verschiedenen Orten im Berliner Stadtteil Kreuzberg.<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: MONOPOL vom 18.06.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Biennale reicht nicht in Berlin, fand der K\u00fcnstler Tjorg Douglas Beer und organisierte gemeinsam mit der Kuratorin Anna Catharina Gebbers und anderen Mitstreitern aus der hauptst\u00e4dischen Kunstszene die Berlin Kreuzberg Biennale<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/596"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=596"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/596\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=596"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}