{"id":594,"date":"2010-07-02T14:41:00","date_gmt":"2010-07-02T12:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=594"},"modified":"2010-07-02T14:41:00","modified_gmt":"2010-07-02T12:41:00","slug":"der-emporungsmeister-fnp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=594","title":{"rendered":"DER EMP\u00d6RUNGSMEISTER (FNP)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief erregt die Gem\u00fcter, auch wenn er abwesend ist<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Dierk Wolters<\/em><\/p>\n<p>Der krebskranke Aktionsk\u00fcnstler konnte zur Vorstellung seines venezianischen Biennale-Projekts nicht nach Frankfurt kommen. F\u00fcr einen Skandal ist das Enfant terrible trotzdem immer gut.<\/p>\n<p>Der deutsche Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig ist schon immer eine Angelegenheit von nationalem Belang. Wie er beim n\u00e4chsten Mal gestaltet wird, ist eine Frage, bei der jeder, der Sinn f\u00fcr Kunst hat, mitreden will. Die als Kommissarin f\u00fcr das Jahr 2011 eingesetzte Susanne Gaensheimer, im Hauptberuf Chefin des Museums f\u00fcr Moderne Kunst Frankfurt, hat mit der Berufung Christoph Schlingensiefs einen Coup gelandet. Denn wie niemand sonst versteht es der Provokationsartist, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nach dem gro\u00dfen Auftritt von St\u00e4delschul-Rektor Daniel Birnbaum 2009 als Biennale-Kurator ist Frankfurt im kommenden Jahr abermals Aufmerksamkeit sicher.<\/p>\n<p><strong>Ein Skandal wird geboren<\/strong><\/p>\n<p>Gleich nach der Nominierung schimpfte der Maler Gerhard Richter, sonst eher f\u00fcr seine Zur\u00fcckhaltung in k\u00fcnstlerischen Meinungsfragen ber\u00fcchtigt, los: \u00abDie nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende K\u00fcnstler.\u00bb Eine Einsch\u00e4tzung, die Gaensheimer \u00ab\u00fcberhaupt nicht nachvollziehen\u00bb kann. Seine Kritik zeuge von einer \u00abkonservativen Haltung\u00bb: \u00abIch kann gar nicht fassen, dass Richter, der selbst einmal Avantgarde war, das so meint\u00bb, sagte sie bei der Vorstellung des Projekts.<\/p>\n<p>Dass Christoph Schlingensief nicht anwesend war \u2013 die Krebserkrankung, mit der er seit vier Jahren k\u00e4mpft, hatte einen kurzfristigen Besuch in Berliner Krankenh\u00e4usern notwendig gemacht \u2013 war nat\u00fcrlich eine arge Entt\u00e4uschung. So muss es weiterhin bei Mutma\u00dfungen bleiben, wie er den Pavillon in den Giardini bespielen wird.<\/p>\n<p>Doch geh\u00f6ren genau diese Mutma\u00dfungen seit jeher zum inszenatorischen Spiel der Biennale-Ger\u00fcchtek\u00fcche. Zu viel verraten darf kein Kommissar, sonst w\u00e4re der \u00dcberraschungseffekt dahin. Und so lie\u00df auch Susanne Gaensheimer, die zweite Frau, die in der 102-j\u00e4hrigen Geschichte der Biennale mit der ehrenvollen Aufgabe betraut wurde, nichts aus jenem regen E-Mail- und SMS-Verkehr verlauten, den sie nach eigener Aussage schon seit vielen Wochen mit dem Aktionsk\u00fcnstler pflegt. Stattdessen w\u00fcrdigte sie die abwesende Hauptfigur als Charismatiker und stellte das venezianische Vorhaben, von dem sie noch nichts zu wissen behauptete, in die Tradition seiner j\u00fcngsten Gro\u00dfprojekte.<\/p>\n<p>In der Performance \u00abVia Intolleranza\u00bb klagt Schlingensief schrill und nervenzerm\u00fcrbend Europas Ignoranz gegen\u00fcber Afrika an. Susanne Gaensheimer sagte, sie habe das St\u00fcck, das keine Oper, kein Theaterst\u00fcck, sondern ein Gesamtkunstwerk sei, am Wochenende in M\u00fcnchen gesehen und sei davon \u00abso komplett vereinnahmt\u00bb gewesen wie von wenigen Kunstwerken sonst. Den Ausschlag f\u00fcr ihre Entscheidung habe zuvor aber Schlingensiefs Afrika-Projekt gegeben, erz\u00e4hlte sie. In Burkina Faso will er eine Oper mit zugeh\u00f6rigem Operndorf gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>Verschont wird niemand<\/strong><\/p>\n<p>Die soziale Relevanz, sagt Gaensheimer, stehe f\u00fcr Schlingensief wie bei diesen Projekten immer im Vordergrund. Dass er sich dabei selbst immer vollkommen r\u00fcckhaltlos mit einbezieht und mit seiner Arbeit, die herk\u00f6mmliche Grenzen sprengt, neue Sichtweisen er\u00f6ffnet, k\u00f6nnte ihm f\u00fcr die Biennale 2011 tats\u00e4chlich zugute kommen. Denn der deutsche Pavillon selbst gilt seit Jahrzehnten schon als Skandal. Mittlerweile haben sich Dutzende von K\u00fcnstlern an dem Geb\u00e4ude abgearbeitet. 1909 gebaut, wurde die Villa 1938 von den Nationalsozialisten monumental umgestaltet. Schwere S\u00e4ulen pr\u00e4gen den Eingangsbereich, auf der Frontseite prangt der Schriftzug \u00abGermania\u00bb. Dass das helle Geb\u00e4ude fast anmutig in den hinteren Winkeln der G\u00e4rten gelegen ist und sein Anblick alles andere als erdr\u00fcckend wirkt, hat nicht verhindern k\u00f6nnen, dass seit Jahren wie j\u00fcngst immer wieder einmal sein Abriss gefordert wird.<\/p>\n<p>\u00abIch werde keine Nazi-Nummer geben! Warum auch!\u00bb hat Schlingensief in einem \u00abFocus\u00bb-Interview verraten. Dennoch seien seine Arbeiten \u00abimmer politisch\u00bb. Gaensheimer ist sich sicher, dass sich Schlingensief an der Frage der nationalen Repr\u00e4sentation in einer globalisierten Welt abarbeiten werde \u2013 jedoch weit \u00fcber die zigmal gef\u00fchrte Architektur-Diskussion hinaus. Auch werde Schlingensief nichts installieren, was \u00abnach der Er\u00f6ffnung statisch dasteht\u00bb. So wie bei seinem Operndorf-Projekt geh\u00f6re die Einbeziehung des Publikums f\u00fcr ihn stets dazu.<\/p>\n<p>Gaensheimer selber steht einem Abriss des Pavillons kritisch gegen\u00fcber: \u00abWir sind ja nicht stehengeblieben bei Hitler und Mussolini. Zwischen damals und heute liegen 60 Jahre Zeitgeschichte.\u00bb Deswegen auch habe sie keinen ganz jungen K\u00fcnstler ausgew\u00e4hlt, sondern einen ihrer Generation: \u00abEinen, der meine Sprache spricht.\u00bb<\/p>\n<p><em>Quelle: Frankfurter Neue Presse vom 30.6.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief erregt die Gem\u00fcter, auch wenn er abwesend ist<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=594"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}