{"id":592,"date":"2010-06-25T21:18:28","date_gmt":"2010-06-25T19:18:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=592"},"modified":"2010-06-25T21:18:28","modified_gmt":"2010-06-25T19:18:28","slug":"gutmenschen-fur-afrika-merkur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=592","title":{"rendered":"GUTMENSCHEN F\u00dcR AFRIKA (MERKUR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am\u00fcsant und krampflos: Er\u00f6ffnung der M\u00fcnchner Opernfestspiele mit Christoph Schlingensiefs \u201eVia Intolleranza II&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Am nettesten ist ja das Goethe-Institut. \u201eVia Intolleranza II&#8220;, so wird auf der Homepage verlautbart, sei \u201eSchlingensiefs Versuch, Nonos Werk nach Afrika zu exportieren und dort von den Burkinern selbst interpretieren zu lassen&#8220;. Eine \u201eKontextverlagerung&#8220; erhofft sich dabei das Institut. Ein paar Euro Unterst\u00fctzungszahlung wom\u00f6glich der listige Initiator. Und wie zum Hohn gibt es tats\u00e4chlich Luigi Nonos Protest-Oper \u201eIntolleranza&#8220;: als wenigsek\u00fcndiges Klangkr\u00e4chzen vom Handy, das ins Mikro gehalten wird. Mehr geht nicht, entschuldigt sich Schauspieler Stefan Kolosko. Die Auff\u00fchrungsrechte, Sie verstehen.<\/p>\n<p>Dass Christoph Schlingensief mit \u201eVia Intolleranza II&#8220; die Opernfestspiele jener Stadt er\u00f6ffnet, in der viel und gern \u00fcbers Konto abgewickelt wird, ist nat\u00fcrlich die gr\u00f6\u00dfte Pointe des Gastspiels. Und so ist M\u00fcnchen, nach Br\u00fcssel, Berlin und Wien, vielleicht der logischste Auff\u00fchrungsort dieser Performance. Von was der 90-Min\u00fcter erz\u00e4hlt, der zugleich den Pavillon 21 auf dem Marstallplatz einweiht? Nat\u00fcrlich von Christoph Schlingensiefs schneckenf\u00f6rmigem Operndorf in Afrika, das sich mit Schule, Kunst und Krankenstation als multiple Heilsbringungsanstalt versteht. Vor allem aber wird erz\u00e4hlt vom Scheitern solcher Anstrengungen. Von der Peinlichkeit mitteleurop\u00e4ischer Good-Will-Haltungen, vom Pawlow&#8217;schen Griff in den eigenen Geldbeutel, der immer wieder durch den Dreischritt Hungerbauch &#8211; Fernsehbericht &#8211; Spendenkonto ausgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Schlingensief hat dazu in Burkina Faso gecastet. Ein Professor f\u00fcr Ethnosoziologie im Fantasie-Diktatoren-Anzug ist dabei, eine Komikerin, dazu S\u00e4nger, T\u00e4nzer und Musiker. Der Meister l\u00e4sst sich durch Stefan Kolosko als von afrikanischer Unorganisiertheit genervtem Alter Ego vertreten, kommt aber auch zweimal selbst auf die B\u00fchne. Erz\u00e4hlt dann von seiner gescheiterten Film-Ausbildung in M\u00fcnchen und beginnt in anklagenden Monologen und Wortschleifen bis zur Kurzatmigkeit hei\u00df zu laufen. \u201eIch habe Krebs und nur noch eine Lunge&#8220; &#8211; hastig und nebenbei gesprochen, das reicht.<\/p>\n<p>Es wird gesungen, gerappt, geklatscht. Francesco Bertolinis Film \u201eL&#8217;inferno&#8220; von 1911 l\u00e4uft als vielsagender Kommentar \u00fcber die Vorh\u00e4nge, dazu aktuelle Videos aus Burkina Faso. Ein Kleinw\u00fcchsiger gibt sich als Kind aus und buhlt im Publikum um die Damenwelt. Und dass all dies nicht in ein b\u00f6ses, weinerliches, zeigefingerndes Betroffenheitstheater rutscht, ist vielleicht das gr\u00f6\u00dfte Verdienst von \u201eVia Intolleranza II&#8220;. Denn am meisten erz\u00e4hlen die 90 Minuten nat\u00fcrlich von Schlingensief selbst. Der hat losgelassen. Dr\u00e4ngt einem die Krankheit mit dem K-Wort nicht mehr wie in der \u201eKirche der Angst&#8220; als Passionsoratorium auf, hat auch die schmerzlich-sch\u00f6ne Tragikom\u00f6die \u201eMea Culpa&#8220; hinter sich gelassen. Und ist nun in einer Phase am\u00fcsierter Distanz angekommen. Ohne den krampfigen Anklagegestus fr\u00fcherer Abende und Installationen, ohne die hemdaufrei\u00dfende Selbststilisierung.<\/p>\n<p>\u201eVia Intolleranza II&#8220; ist also die Weiterentwicklung von Nonos Appellwut: ein gelichteter, konzentrierter Performance-Wust, ein kakophones Kabarett, das mit Voyeurismus, Betroffenheitspathos und Peinlichkeiten jongliert. \u201eAb heute ist der Gutmensch erledigt&#8220;, empfiehlt Schlingensief. Doch der hat am Ausgang, wo der Ethno-Professor ein Alufolien-umwickeltes Gef\u00e4\u00df bereith\u00e4lt, schon wieder den Geldbeutel gez\u00fcckt.<\/p>\n<p><em>Quelle: Merkur Online, 25.6.2010, von Markus Thiel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am\u00fcsant und krampflos: Er\u00f6ffnung der M\u00fcnchner Opernfestspiele mit Christoph Schlingensiefs \u201eVia Intolleranza II&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/592"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/592\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}