{"id":590,"date":"2010-06-29T07:39:04","date_gmt":"2010-06-29T05:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=590"},"modified":"2010-06-29T07:39:04","modified_gmt":"2010-06-29T05:39:04","slug":"die-dezenten-konkurrenten-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=590","title":{"rendered":"DIE DEZENTEN KONKURRENTEN (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hinterhof, Sp\u00e4tkauf, Laternenmast: Die Kreuzberg Biennale ist perfekt in den Kiez integriert &#8211; und nicht zu verwechseln mit der Berliner Biennale.<\/strong><\/p>\n<p>In einem Sp\u00e4tkauf in der Sch\u00f6nleinstra\u00dfe hat der Besitzer den Fernseher zwischenzeitlich ausgeschaltet. Er k\u00f6nne den Loop nicht den ganzen Tag ertragen, au\u00dferdem die ganzen Menschen, die reink\u00e4men, mit dem immer gleichen Satz, dass das doch eine alte Arbeit sei. \u201eKeine Ahnung, kann schon sein\u201c, sagt er dann, mit Kunst hat er nichts zu schaffen. Auf dem Getr\u00e4nkek\u00fchlschrank hoch oben steht der Fernseher, gezeigt wird das Video \u201eDie Jagd\u201c, inzwischen ein Klassiker des Konzeptk\u00fcnstlers Christian Jankowski aus dem Jahr 1992. Man sieht, wie Jankowski ausgestattet mit Pfeil und Bogen einen Hamburger Supermarkt betritt, er erlegt Tiefk\u00fchlh\u00e4hnchen und Toastbrot. Mit unbewegter Miene zieht die Kassiererin alle Waren, in denen noch die Pfeile stecken, \u00fcber das Band. \u201eKannst ja immer anmachen, wenn einer reinkommt und es sehen will\u201c, sagt Tjorg Douglas Beer zu dem Mann hinter dem Tresen. Er ist K\u00fcnstler, Betreiber des Kneipen-Galerie-Hybriden Forgotten Bar, in dem Kunst immer nur einen Abend gezeigt wird \u2013 und nun auch Organisator der ersten Berlin Kreuzberg Biennale.<\/p>\n<p>Nicht zu verwechseln mit der Berlin Biennale, die zeitgleich l\u00e4uft und ebenso Kreuzberg als Ausstellungsort f\u00fcr sich entdeckt hat. Die Namensverwandtschaft sei dem Umstand geschuldet, \u201edass wir dadurch die M\u00f6glichkeit haben, sie in zwei Jahren wieder zu veranstalten\u201c \u2013 so formuliert es der Organisator. Aber nat\u00fcrlich sei es sch\u00f6n, wenn Besucher der anderen Biennale auch zu seiner k\u00e4men. Wie dem auch sei, fest steht: Das Motto der gro\u00dfen Biennale \u2013 \u201eWas drau\u00dfen wartet\u201c \u2013 w\u00fcrde auch sehr gut zu der kleinen Konkurrenzveranstaltung passen. Wenn nicht sogar besser.<\/p>\n<p>Viele der mehr als 40 Arbeiten verschiedener K\u00fcnstler sind auf der Stra\u00dfe zu entdecken. Klangvolle Namen stehen auf dem ausufernden \u00dcbersichtsplan: neben Jankowski auch Olaf Metzel, Terence Koh, Christoph Schlingensief, Klaus Mettig, Ilse Melsheimer oder Gregor Hildebrandt. Diese Ausstellung ist eine Schnitzeljagd durch den Bezirk. Sie f\u00fchrt hinaus aus dem Galerieraum, feiert die Unabh\u00e4ngigkeit: Es gab kein Budget, es gibt kein Aufpasserpersonal, keine Pressestelle, und wenn das Werk kaputtgeht oder zerst\u00f6rt wird oder geklaut, dann ist das eben so. Oder wird vom K\u00fcnstler pers\u00f6nlich ersetzt. \u201eDie Kreuzberg Biennale ist auch ein Geschenk an uns selbst\u201c, sagt Beer, der wie viele andere Beteiligte im Kiez lebt und arbeitet. Eine Jamsession f\u00fcr bildende K\u00fcnstler, ein Spiel, ein Spa\u00df. Poetische Momente f\u00fcr Passanten.<\/p>\n<p>Wer die Objekte nicht findet, weil sie so sehr mit ihrer Unauff\u00e4lligkeit kokettieren, ruft einfach die Telefonnummer auf dem Plan an. \u201eSteht doch drauf\u201c, sagt Tjorg Douglas Beer, \u201efor any questions\u201c. F\u00fchrungen gibt es auch zu den Parkb\u00e4nken, Laternenmasten, Copyshops, Buchl\u00e4den und Hinterh\u00f6fen. Mit Beer als Begleiter gr\u00fc\u00dft man nicht nur den halben Kiez, es f\u00e4llt auch immer wieder eine kleine Geschichte ab, wie etwa jene vor der Glaserei in der Graefestra\u00dfe: In der Auslage versteckt sich das Kristallgebirge von Isa Melsheimer. Die K\u00fcnstlerin werde schon darauf angesprochen, dass es da einen Laden gebe, der ihre Arbeiten kopiere, erz\u00e4hlt Beer. Die Anekdote trifft den Kern des Konzepts: Hier kann man Kunst finden, die da ist und fast schon wieder nicht. Auf der Grenze zwischen Camouflage und Provokation. Zwischen Ayran und Yoga \u2013 so hei\u00dft das Motto der Biennale.<\/p>\n<p>In der Oranienstra\u00dfe steht ein Schaltkasten. Der K\u00fcnstler Raul Walch benutzt ihn als Bartresen. Wenn er da ist, gibt es Getr\u00e4nke aus dem Laden hinter ihm. Aber wann genau er da steht, wei\u00df nur er selbst. Die \u201eCorner Bar\u201c existiert nur, wenn Walch sie zum Leben erweckt. Daniel Knorr hat den Oranienplatz etikettiert: \u201e\u00d6ffentlicher Raum \u2013 ein Jahr Garantie.\u201c Franz Stauffenberg beklebt M\u00fclleimer mit Dialogen von Investmentbankern. Antonie Renard veredelt ein altes Fahrrad mit einem Sitz, der aussieht wie ein geschliffener Edelstein. In der Auslage einer Buchhandlung hat Olaf Metzel eine Art Vorstudie zu seiner monumentalen Skulptur \u201eTurbokapitalismus\u201c gelegt, die vor \u00fcber zehn Jahren im Haus am Waldsee zu sehen war: Ein B\u00fcndel Zigarrenh\u00fclsen mit der Aufschrift \u201eIndependent\u201c \u2013 hier zwischen zwei Abhandlungen \u00fcber Globalisierung. In einem Fachgesch\u00e4ft f\u00fcr Aquarien laufen Tierfilme von Christoph Schlingensief, die die Kuratorin Anna- Catharina Gebbers zusammengestellt hat.<\/p>\n<p>Wenn der Niederl\u00e4nder Marc Bijl einen Masten an der Ecke Wassertor- und Bergfriedstra\u00dfe mit Klebeband umwickelt, dann ist das ein Minimaleingriff in den \u00f6ffentlichen Raum. Und damit fast elit\u00e4r. Denn nur wer die Codes kennt, die Programmzettel, die alle im Dunstkreis der Arbeiten h\u00e4ngen, erkennt auch die Kunst. Oder geht es darum gar nicht?<\/p>\n<p>Ingo Gerken sammelt jeden Morgen auf dem Weg von seiner Wohnung in sein Atelier am Kottbusser Tor Dinge ein. Abfall, den Gesch\u00e4fte hinausgestellt haben, Fundst\u00fccke vom Stra\u00dfenrand. Seine Beute ver\u00e4ndert er ein wenig, eine Papprolle bekommt rote Schlagbaumringel \u2013 und dazu \u00fcblicherweise den Hinweis aufgeklebt: Free. Dann stellt er das Ding zur\u00fcck vor die T\u00fcr, zur\u00fcck in den Kreislauf. Oft sind irgendwann die Teile weg, haben Gefallen gefunden bei einem Passanten. Ob sie wissen, dass sie ein Kunstobjekt mitgenommen haben?<\/p>\n<p>Bis 31. Juli, Begleitprogramm mit Performances und Vortr\u00e4gen, Informationen unter: <a href=\"http:\/\/www.berlin-kreuzberg-biennale.org\" target=\"_blank\">www.berlin-kreuzberg-biennale.org<\/a>. F\u00fchrungen unter Tel.: 0178 \/ 294 26 75<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=581\">10 Animal Films by Christoph Schlingensief im Rahmen der Kreuzberg Biennale<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: Der Tagesspiegel vom 28.06.2010 21:48 Uhr, von Anna Pataczek<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinterhof, Sp\u00e4tkauf, Laternenmast: Die Kreuzberg Biennale ist perfekt in den Kiez integriert &#8211; und nicht zu verwechseln mit der Berliner Biennale.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/590"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=590"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/590\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}