{"id":59,"date":"2005-12-16T18:16:45","date_gmt":"2005-12-16T16:16:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=59"},"modified":"2005-12-16T18:16:45","modified_gmt":"2005-12-16T16:16:45","slug":"gehirnlabyrinth-und-lebensbuhnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=59","title":{"rendered":"Gehirnlabyrinth und Lebensb\u00fchnen"},"content":{"rendered":"<p>Wien \u2013 Am Anfang, war \u2013 sagen wir jetzt einmal, weil wir ja irgendwo anfangen m\u00fcssen \u2013 Bayreuth. Am Anfang war ein Regisseur, der bei der Arbeit am Parsifal sagte: &#8222;So, das wird zu statisch. Wir haben ein Problem. Wir brauchen eine Drehb\u00fchne.&#8220; Und die B\u00fchne, \u00fcberf\u00fcllt wie ein Wellblechgetto, begann sich zu drehen, bis man nicht mehr wusste, wo vorne und hinten war, und Filme, auf mehrere Leinw\u00e4nde projiziert, erg\u00e4nzten sich im Rhythmus der Musik, sprachen miteinander, st\u00f6rten einander, erregten manchen Opernfreund, und viele riefen nachher vor dem Festspielhaus: Was f\u00fcr eine heillose \u00dcberforderung!<\/p>\n<p>Wie so oft, wenn Christoph Schlingensief sein Heil in der Heillosigkeit gefunden hat, war genau diese \u00dcberforderung Impuls f\u00fcr Neues: Der Theater- und Filmemacher entwickelte einen &#8222;Animatographen&#8220;, eine Reise-, Spiel-, Kino- und Lebensb\u00fchne. Eine Drehscheibe, an jedem Ort, wo sie errichtet wird, neu gef\u00fcllt mit containerartigen Gebilden, in und auf denen sich in steter Bewegung Kinobilder und Spielsituationen von selbst in- und \u00fcbereinander schneiden. Oft aktionistisch und live begleitet von Schlingensief und Laien wie dem ehemaligen Kerzendreher und Beatles-\u00dcbersetzer Klaus Beyer oder der kleinw\u00fcchsigen Karin Witt.<\/p>\n<p>Parkett frei?!<\/p>\n<p>Die ziehen dann als Odin, Hagen von Tronje und Ebba auf die Suche nach den Wurzeln der Weltesche, versenken Twin Towers an Meeresgestaden oder nehmen den Kampf mit Drachen und anderen Kreaturen auf. Und was sie erleben und ertr\u00e4umen, ergibt wieder Bilder f\u00fcr den Animatographen, der in den letzten Monaten eine Weltreise angetreten hat: nach Island, dann nach Neuhardenberg in Ostdeutschland, schlie\u00dflich nach L\u00fcderitz in Namibia, ehemals Deutsch-S\u00fcdwestafrika, wo \u2013 DER STANDARD war vor Ort \u2013 die Drehscheibe von schwarzen Bewohnern der Township &#8222;Area 7&#8220; wie ein kultischer Spielplatz begr\u00fc\u00dft wurde. Weitere Stationen in Nepal und Brasilien sind angedacht. Galeristen und Sammler rei\u00dfen sich um die Kunstobjekte, die dabei entstehen.<\/p>\n<p>An dieser Schnittstelle zwischen Theater, Kino und bildender Kunst wird sich ab J\u00e4nner 2006 auch das Wiener Burgtheater auf- und entladen, wenn Christoph Schlingensiefs &#8222;Matth\u00e4usexpedition&#8220; Area 7 erstmals vorgestellt wird. Gleich f\u00fcnf Animatographen sollen sich da auf der B\u00fchne und im weit gehend frei ger\u00e4umten Parkett drehen \u2013 darunter auch jener aus Namibia, rund um den Schlingensief im Oktober seinen ersten Kinofilm seit acht Jahren, The African Twin Towers drehte. Urspr\u00fcnglich sollte die Gro\u00dfaktion an der Burg Sadochrist Matth\u00e4us hei\u00dfen, Schlingensief befasste sich vor wenigen Monaten noch eingehend mit Johann Sebastian Bach. Doch auf den Reisewegen des rastlosen K\u00fcnstlers ergeben sich immer neue Konstellationen, Themen und Motive verschwinden, werden wie Bilder billiger Digitalkameras pl\u00f6tzlich verschluckt, um pl\u00f6tzlich in neuer Gestalt wieder aufzutauchen.<\/p>\n<p>Verzerrte Vorlagen<\/p>\n<p>So hat Elfriede Jelinek wieder einen Text f\u00fcr Schlingensief geschrieben, nachdem sie \u00fcber seine Adaption von Bambiland (seiner ersten Arbeit an der Burg, 2003) mehr als begl\u00fcckt war. Parsifal (Lass o Welt o Schreck lass nach) diente schon bei den Dreharbeiten in Afrika als eine von mehreren Textgrundlagen. Wie immer bei Schlingensief besteht durchaus die Chance, dass man diese Vorlagen sp\u00e4ter kaum wiedererkennt.<\/p>\n<p>Ebenfalls an die Burg kommen, quasi als &#8222;Deb\u00fctanten&#8220;, die deutsche Schauspielerin und ehemalige Fassbinder-Heldin Irm Hermann und der junge \u00f6sterreichische Kinostar Robert Stadlober (Crazy).<\/p>\n<p>Beide hatten ebenso am Dreh in Namibia mitgewirkt wie die US-Punkrockmusikerin Patti Smith (Horses), die es auf denkbar erratischen Wegen ins &#8222;Ensemble&#8220; verschlagen hat: F\u00fcr die Zeit hatte sie im vergangenen Sommer eine Reportage \u00fcber den Bayreuther Parsifal geschrieben und war derart fasziniert, dass sie Schlingensief versprach, mit ihm \u2013 lediglich ausgestattet mit einem schwarzen l\u00f6chrigen Mantel und ihrer Klarinette \u2013 nach L\u00fcderitz zu reisen. Woraus sich jetzt wieder ein Engagement an die Burg ergab. Zumindest bei den Er\u00f6ffnungsvorstellungen von Area 7 wird Smith dabei sein, wie und in welcher Funktion, das wei\u00df man \u2013 wie immer bei Schlingensief \u2013 (noch) nicht. <\/p>\n<p>Nur eines ist jetzt schon klar: Es wird praktisch das ganze Burgtheater &#8222;Area 7&#8220; sein \u2013 der Publikumsraum ebenso wie die gesamte B\u00fchne, die sich die Besucher quasi selbst ergehen, erschlie\u00dfen und erobern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie sagte Christoph Schlingensief am Sonntag im Rahmen der RadioKulturhaus-Matinee Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch: &#8222;Da haben wir die gigantisch gro\u00dfe Drehb\u00fchne der Burg. Darauf ist das Gehirn, da gehen Sie als Zuschauer rein. Sie werden gef\u00fchrt, es gibt organisierte F\u00fchrungen, w\u00e4hrend vorne auch ein bisschen Theater \u2013 mit und ohne Joseph Beuys \u2013 gespielt wird, und dann gehen Sie in das Labyrinth und sehen Bilder aus Island, aus Afrika, Sie sehen die genetische Verwandtschaft zwischen Odin und Wotan, Sie sehen, dass das eine Person ist. Sie sehen die genetische Verwandtschaft zwischen Jesus und Mohammed.&#8220;<\/p>\n<p>Droht jetzt eine gewaltige Konfusion? Glaubt man Schlingensief, so arbeitet er in rasenden Rundumbewegungen eher an einem &#8222;mystischen Abgrund&#8220;: &#8222;Theater wird wieder eine Passionsgeschichte. Hier wird etwas aufgebaut, dort wird etwas stehen gelassen \u2013 dann gibt es eine Halbwertszeit, eine Viertelzeit, und dann wird es wieder abgebaut. Was ein Arbeitsplatz war, ist heute schon ein mystischer Abgrund. Den kennt wohl jeder Arbeitslose.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Sonderbeitrag, Der Standard (gleiche Ausgabe)<br \/>\n<strong>&#8222;Riesenfehler&#8220; als Produktivkraft<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nAm Donnerstagabend in &#8222;Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch&#8220; auf \u00d61:<br \/>\nSchlingensief \u00fcber &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; Inspiration f\u00fcr den Animatographen: &#8222;Also man muss vielleicht so anfangen \u2013 irgendwann habe ich festgestellt, dass, wenn ich die Tageszeitung morgens am Fr\u00fchst\u00fcckstisch lese, und ich lese einen Artikel, dann will der wohl etwas bedeuten. Da habe ich einmal durch Zufall beim Lesen mit der Zeitung im Kreis gedreht, und da hat sich die Bedeutung des Artikels ge\u00e4ndert. Er hat eine andere Aussage gehabt. Ich kann bis jetzt nicht genau erkl\u00e4ren, warum, aber es ist so. Es geht da nat\u00fcrlich um Monopole der Betrachtung. Das Monopol der Zentralperspektive w\u00fcrde ich das nennen. Ich sitz da unten und ihr schreibt oder spielt da vorne. Ich bin aber lieber vorne und hinten, oben und unten zugleich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8230; Astronauten: &#8222;K\u00fcrzlich habe ich Ernst Messerschmidt kennen gelernt, diesen deutschen Astronauten. Der ist ins All raufgeflogen, und als er oben war, machte er am Morgen die Augen auf, und alles stand auf dem Kopf. Er war geschockt und hat runtertelefoniert zur Bodenstation. Da schrie ein Wissenschaftler: &#8218;Messerschmidt, Sie geh\u00f6ren zu den f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung, die dieses Problem haben!&#8216; Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann macht es die Augen auf, und in dem Moment wird das Geh\u00f6r geeicht, und dann wei\u00df es, dass da, wo die F\u00fc\u00dfe sind, wohl unten ist. Diese Eichung ist bei ihm umgeklappt. Und dann rief nochmal ein Wissenschaftler da oben an und sagte: &#8218;Vergessen Sie alles, was wir mit Ihnen vorhatten! Sie sind ein Riesenfehler im System gerade, aber das ist die gr\u00f6\u00dfte Produktivkraft, die wir uns vorstellen k\u00f6nnen. Machen Sie alles, was Sie k\u00f6nnen, h\u00f6ren Sie Musik, putzen Sie sich die Z\u00e4hne, laufen Sie an der Wand rum, und dann schildern Sie, was passiert!&#8216;<\/p>\n<p>Es sind genau diese f\u00fcnf Prozent, auf die ich letzten Endes auch vertraue: dass exakt da Dinge in Bewegung kommen, wo Indifferenzen passieren. Dass sich eine T\u00fcr \u00f6ffnet, die mir eine Dimension zeigt, die ich mal in mir hatte und die ich verlernen musste, weil das System darauf bestanden hat, dass man eben &#8218;wei\u00df&#8216;: Da unten, da sind die F\u00fc\u00dfe.&#8220;<\/p>\n<p>&#8230; Bayreuth und die Burg: &#8222;Du kommst da rein, du merkst eine Aufladung, siehst eine Ahnengalerie und denkst: Was hast du hier zu suchen? Aber so geht&#8217;s mir auch, wenn ich bei Aldi einkaufen gehe. Was habe ich hier zu suchen? Was finde ich da unten im Regal? Das h\u00f6rt sich jetzt wieder f\u00fcr einige Leute wie Bl\u00f6dsinn an, aber es ist ein Grundprinzip des Lebens, einen Raum zu betreten, und zu kapieren: Der Raum \u00fcberpr\u00fcft mich, und nicht ich den Raum.&#8220;<\/p>\n<p>&#8230; Elfriede Jelinek: &#8222;Sie schreibt wohl aus dem gleichen Grund, wie ich Bilder produziere: Nicht unbedingt, weil ich sage, ich will jetzt das und das ausdr\u00fccken, darum schreibe ich das jetzt mal runter, sondern es kommt halt, und es passiert tats\u00e4chlich was. Das ist mir ganz wichtig: Die Schleusen m\u00fcssen offen gehalten werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Standard: Vorabbericht \u00fcber &#8222;AREA7&#8220; &#8211; Die Matth\u00e4usexpedition an der Wiener Burg<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=59"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/59\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=59"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=59"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=59"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}