{"id":582,"date":"2010-06-15T23:15:11","date_gmt":"2010-06-15T21:15:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=582"},"modified":"2010-06-15T23:15:11","modified_gmt":"2010-06-15T21:15:11","slug":"schlingensief-wenn-afrika-wien-wird-kurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=582","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF: WENN AFRIKA WIEN WIRD (KURIER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bei der finalen Festwochen-Vorstellung von &#8222;Via Intolleranza II&#8220; spielte Christoph Schlingensief selbst mit &#8211; und meisterte technische Pannen. <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/intolleranza_20.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Via Intolleranza II (c) Aino Laberenz\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>VON PETER TEMEL<\/p>\n<p>Am Montag ging es zum dritten und letzten Mal mit Shuttlebussen zur Probeb\u00fchne des Burgtheaters im Wiener Arsenal. Zum dritten Mal waren bei &#8222;Via Intolleranza II&#8220; Teilnehmer am afrikanischen Operndorf-Projekt Remdoogo auf der B\u00fchne &#8211; aber diesmal, im Gegensatz zur Premiere am Samstag, auch der Initiator der Aktion: Regisseur Christoph Schlingensief. Es blieb nicht die einzige Besonderheit an einem Theaterabend, an dessen Beginn chaotische Zust\u00e4nde thematisiert werden. Eine Frau, die sich als Festwochen-Dramaturgin vorstellt, liest einen Text \u00fcber die Beeintr\u00e4chigungen vor, unter denen die Vorbereitungen an dem Theaterprojekt gelitten h\u00e4tten. Sie berichtet von innerfamili\u00e4ren Sorgen im Hause Hegemann, vom Vulkan-Chaos und von schweren Erkrankungen &#8211; nicht nur von jener des Regisseurs.<\/p>\n<p>Bei der Vorstellung am Montag war noch ein weiteres Problem dazu gekommen. Vor dem Beginn betrat \u00fcberraschend Matthias Hartmann die B\u00fchne. Der Burgtheater-Direktor sprach von Tonproblemen, die von der Stromversorgung ausgel\u00f6st worden seien. Nach einigen Minuten Verz\u00f6gerung konnte es aber losgehen, konnte einer der zehn Darsteller aus Burkina Faso sein erstes Lied anstimmen &#8211; dann fiel der Ton wieder kurz aus.<\/p>\n<p>Die flirrenden Videos, die Schlingensief auf transparente Vorh\u00e4nge projizieren l\u00e4sst, zeigen Bilder aus Afrika. In der szenischen Collage wird allerdings vielmehr das Afrika-Bild in Europa befragt &#8211; in vielen Teilaspekten: Das Mitleid mit afrikanischen Kindern, die Helferproblematik, unmenschliche Asyl-Politik, das zweischneidige Spenden-Sammeln oder bejubelte K\u00f6rperkunst vom &#8222;schwarzen Kontinent&#8220;. Kein einziges Mal wird allerdings die Fu\u00dfball-WM in S\u00fcdafrika erw\u00e4hnt, die ja zurzeit Afrika der \u00fcbrigen Welt angeblich n\u00e4her bringen soll. <\/p>\n<p><strong>&#8222;In Afrika k\u00f6nnte das nicht passieren&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon bei der Premiere erscheint ein Alter Ego Schlingensiefs auf der B\u00fchne: Stefan Kolosko spielt den entnervten Regisseur, dem alles \u00fcber den Kopf zu wachsen scheint. Der die Sinnlosigkeit des Unterfangens anklagt.<br \/>\nAuch wenn der Ansatz, das zeitgen\u00f6ssische Musiktheater Luigi Nonos auf Afrika-Aspekte hin zu befragen, zun\u00e4chst sehr artifiziell wirkt: Hier hat man es keinesfalls mit distanzierter &#8222;Kunstschei\u00dfe&#8220; zu tun (das Wort f\u00e4llt an diesem Abend auch). Das Projekt geht viel n\u00e4her. Und noch n\u00e4her, als sich pl\u00f6tzlich Christoph Schlingensief unter seine Akteure mischt.<\/p>\n<p>Das Chaos, das zun\u00e4chst geordnet schien, droht nun auszuufern. Schlingensief gibt sich noch eine Stufe unvers\u00f6hnlicher als sein Double. Macht sich etwa \u00fcber das eigene B\u00fchnenbild lustig, gibt klischeehafte Kalauer \u00fcber Afrika zum Besten und zieht \u00fcber die &#8211; in Form von Ministerin Claudia Schmied tats\u00e4chlich anwesende &#8211; Kulturpolitik her. Als dann auch noch der Ausfall der Videotechnik bekanntgegeben wird, meint man, sich in einem b\u00f6sen Fiebertraum zu befinden.<\/p>\n<p>&#8222;In Afrika k\u00f6nnte das nicht passieren&#8220;, gibt sich Schlingensief kopfsch\u00fcttelnd. Das gebe es nur in Wien und in Europa. Die teilweise streikende B\u00fchnentechnik hat dem Regisseur an diesem Abend einen weiteren Anlass zur Dekonstruktion von Afrika-Klischees in die H\u00e4nde gespielt. Oder: Afrika ist Wien geworden.<br \/>\nLaut Ausk\u00fcnften von den Wiener Festwochen und dem Burgtheater seien die Ausf\u00e4lle nicht inszenatorisch beabsichtigt gewesen. Um improvisatorische Wendigkeit noch nie verlegen, nutzte Schlingensief die Pause, um die Akteure aus Afrika und Europa vorzustellen. Als dann auch noch das Licht teilweise ausfiel, sprachen die Darsteller im Schein einer Taschenlampe. <\/p>\n<p><strong>&#8222;Halleluja!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Warum viele Leute erst nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung in seinen Produktionen emotionalen Tiefgang feststellen w\u00fcrden, fragt sich Schlingensief in einem seiner Monologe. Er habe doch immer das Gleiche gemacht.<br \/>\nUnd so verwendet er auch in der aktuellen Produktion bekannte Stilmittel. Als angedeutete Erl\u00f6serfigur stellt sich Schlingensief in &#8222;Via Intolleranza II&#8220; vor seine Laiendarsteller: &#8222;Halleluja! Halleluja!&#8220; ruft er immer wieder. Mit religi\u00f6sen Anspielungen hatte der katholisch Erzogene etwa bereits in der Aktion &#8222;Chance 2000&#8220; die Segnungen des Kapitalismus und die Heilsversprechen von Fernsehshows ironisiert.<\/p>\n<p>Schockeffekte setzt er &#8211; anders als in seinen Filmen &#8211; in seinem ersten Afrika-Theaterprojekt ausschlie\u00dflich verbal ein: So bezeichnet Schlingensief etwa den Bestseller-Autor Henning Mankell wegen dessen Teilnahme an der Gaza-Hilfsflotte als &#8222;Antisemiten&#8220;. Oder Festwochen-Chef Bondy und Volksb\u00fchnen-Ikone Frank Castorf als &#8222;Sesselkleber&#8220;, die sich gegenseitig Produktionen zuschieben w\u00fcrden.<br \/>\nEs ist der Schlingensief-typische, schonungslose Umgang mit Darstellern, Kollegen &#8211; und mit sich selbst. Das Publikum nimmt die Scherze allerdings dankbar auf. Denn im n\u00e4chsten Moment scheint alles wieder gut, da hebt Schlingensief Mankells Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Operndorf hervor und gibt zu, dass auch er selbst &#8211; wie Bondy und Castorf &#8211; Teil des Systems sei. Und dass er halt auch gerne in Wien inszeniere. F\u00fcr Mai 2011 ist am Burgtheater wieder ein Projekt aus dem Operndorf, mit dem Titel &#8222;Parent\u00e9 \u00e0 plaisanterie&#8220;, geplant.<\/p>\n<p><strong>Reinigung<\/strong><\/p>\n<p>Die ma\u00dflose \u00dcbertreibung, das Spiel mit der Realit\u00e4t, der bewusste Schock: Es hatte in Schlingensiefs Arbeit immer etwas Reinigendes, auch Religi\u00f6ses. So auch in &#8222;Via Intolleranza II&#8220;, sowie \u00fcberhaupt im Operndorf-Projekt: Schlingensief macht &#8222;f\u00fcr uns&#8220; die Drecksarbeit, nimmt die B\u00fcrde des Scheiterns auf sich, sagt, was gesagt werden muss &#8211; und auch, was nicht gesagt werden muss. Und hebelt es im n\u00e4chsten Moment wieder aus. Man blickt nach diesem Abend sehr wahrscheinlich mit anderen Augen auf Afrika &#8211; und auf die eigene Arroganz. Vielleicht auch mit mehr Ehrlichkeit. Aber das kann einem Schlingensief nicht auch noch abnehmen.<\/p>\n<p>Nach zwei anfordernden Stunden und dem anschlie\u00dfenden Jubel stellten sich viele an, um die zum Teil von Christoph Schlingensief signierten Produkte aus dem Operndorf zu erwerben. Der Regisseur sammelt auch weiterhin Geld f\u00fcr sein Herzensprojekt. <\/p>\n<p><em>Quelle: Der Kurier vom 15.06.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der finalen Festwochen-Vorstellung von &#8222;Via Intolleranza II&#8220; spielte Christoph Schlingensief selbst mit &#8211; und meisterte technische Pannen. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/582"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=582"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/582\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}