{"id":58,"date":"2005-12-16T18:13:01","date_gmt":"2005-12-16T16:13:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=58"},"modified":"2005-12-16T18:13:01","modified_gmt":"2005-12-16T16:13:01","slug":"ein-reifrock-macht-noch-keinen-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=58","title":{"rendered":"Ein Reifrock macht noch keinen Sommer"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Berlin inszeniert Katharina Wagner, die Urenkelin von Richard Wagner, zum ersten Mal eine italienische Oper. Lesen Sie Ausz\u00fcge aus einem Interview mit der Netzzeitung (15.12.05) &#8211; \u00fcber die Aktualit\u00e4t von Puccini, hartn\u00e4ckige Klischees und neue Ideen f\u00fcr die Bayreuther Festspiele.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Netzeitung: Sie f\u00fchren erstmals bei einer italienischen Oper Regie. Wollen Sie sich mit Giacomo Puccinis \u00abTrittico\u00bb von dem hohen Erwartungsdruck befreien, der bei Wagner-Auff\u00fchrungen auf Ihnen lastet?<\/p>\n<p>Katharina Wagner: Die Erwartungen an meine Person sind wohl immer sehr hoch. Ich nehme jede Inszenierung gleicherma\u00dfen ernst, egal, ob ich Wagner oder wie jetzt Puccini auf die B\u00fchne bringe.<\/p>\n<p>Netzeitung: Dennoch d\u00fcrfte die Aufmerksamkeit am gr\u00f6\u00dften sein, wenn bei Ihnen Wagner auf dem Programm steht&#8230;<\/p>\n<p>Wagner: Das stimmt sicherlich, allein schon deshalb, weil es bereits viele Inszenierungen von Wagner-Opern gibt, die extreme Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt haben. Man kann v\u00f6llig andere Vergleiche als beim \u00abTrittico\u00bb ziehen. Dadurch steht man als Regisseur nat\u00fcrlich auch mehr unter Druck. <\/p>\n<p>Netzeitung: Ihre bisherigen Arbeiten sind in der \u00d6ffentlichkeit ziemlich kontrovers diskutiert worden. Wie gehen Sie damit um?<\/p>\n<p>Wagner: Ich unterscheide zwischen Kritik, die sich auf das St\u00fcck bezieht, und Kritik, die sich vor allem gegen meine Person richtet. Wenn jemand unvoreingenommen \u00fcber die Inszenierung schreibt, finde ich das in Ordnung. Kritiker, die auf ein Niveau unterhalb der G\u00fcrtellinie zielen und mich nur herunterschreiben wollen, nehme ich dagegen nicht ernst. Dass Regiearbeit vom Publikum kontrovers aufgenommen wird, finde ich in jedem Fall wichtig. Es darf nicht passieren, dass Leute sofort nach der Auff\u00fchrung denken: \u00abSo, und jetzt muss ich meine Steuererkl\u00e4rung machen.\u00bb Das ist das Schlimmste, was passieren kann.<\/p>\n<p>Netzeitung: Wie reagiert Ihr Vater auf Ihre Arbeiten?<\/p>\n<p>Wagner: Er h\u00e4lt sich grunds\u00e4tzlich zur\u00fcck, allerdings nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Regisseuren. Das ist wahrscheinlich der beste Weg, denn so werde ich weder verunsichert noch zu sehr best\u00e4rkt. <\/p>\n<p>Netzeitung: St\u00f6rt es Sie, st\u00e4ndig gefragt zu werden, ob Sie die Nachfolge von Wolfgang Wagner auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel antreten wollen?<\/p>\n<p>Wagner: Diese Frage kann ich niemandem verdenken. Allerdings ist sie zum jetzigen Zeitpunkt v\u00f6llig m\u00fc\u00dfig. Meinem Vater geht es gut und er m\u00f6chte so lange weitermachen, wie er sich geistig und k\u00f6rperlich dazu in der Lage f\u00fchlt. Mich wundert es, \u00fcber welch einen langen Zeitraum nun schon \u00fcber die Nachfolge in Bayreuth spekuliert wird. Es wird erst dann eine Entscheidung geben, wenn sie tats\u00e4chlich getroffen werden muss. <\/p>\n<p>Netzeitung: K\u00f6nnen sich denn generell auch eine Frau als Festspiel-Chefin vorstellen?<\/p>\n<p>Wagner: Sicher, es geht hier weniger um die Frage, ob Mann oder Frau, sondern um die Qualifikation, die diese Person mitzubringen hat. <\/p>\n<p>Netzeitung: Die \u00d6ffentlichkeit scheint mit der Geschlechterfrage aber noch nicht so unbefangen umzugehen &#8211; wie vor kurzem noch das Beispiel von Angela Merkel gezeigt hat.<\/p>\n<p>Wagner: In Bayreuth ist das ja nicht unbedingt etwas Neues, da gibt es bereits eine gewisse Tradition&#8230; <\/p>\n<p>Netzeitung: Wie sollten sich die Festspiele Ihrer Ansicht nach weiterentwickeln? <\/p>\n<p>Wagner: Wir m\u00fcssen unterschiedliche Erwartungen des Publikums erf\u00fcllen und somit ein Gleichgewicht zwischen konservativen und progressiven Produktionen schaffen. Ein Teil des Publikums sch\u00e4tzt gewisse Regieexperimente nicht, auf der einen Seite wollen wir auch j\u00fcngere Leute ansprechen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Oper entstaubt wird. Bereits im Schulunterricht sollten nicht mehr die g\u00e4ngigen Opern-Klischees bedient werden &#8211; nicht alle S\u00e4nger wiegen 120 Kilo und tragen Reifr\u00f6cke. Und f\u00fcr den \u00abFliegenden Holl\u00e4nder\u00bb brauchen wir auf der B\u00fchne nicht unbedingt ein Schiff.<\/p>\n<p>Netzeitung: Welche Inszenierungen der vergangenen Jahre waren f\u00fcr Bayreuth besonders richtungsweisend?<\/p>\n<p>Wagner: Das ist schwierig zu beurteilen, wenn man so nah dran sitzt. Christoph Schlingensief hat beispielsweise mit seinem \u00abParsifal\u00bb ganz neue Ma\u00dfst\u00e4be angelegt. Aus der R\u00fcckschau kann man ganz sicher sagen: Richtungsweisend waren der \u00abJahrhundert-Ring\u00bb von Patrice Ch\u00e9reau und der \u00abFliegende Holl\u00e4nder\u00bb von Kupfer. Ob sich neue Ans\u00e4tze wie die von Schlingensief l\u00e4ngerfristig durchsetzen, wei\u00df ich nicht. Die permanente Reiz\u00fcberflutung durch die vielen Bilder in seinen Inszenierungen fordert nicht nur das Publikum. Auch die Konzentration der S\u00e4nger wird stark beansprucht. Immerhin ist es Schlingensief wohl mit Abstand am besten gelungen, die Leute daran zu hindern, nach der Vorstellung einfach abzuschalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin inszeniert Katharina Wagner, die Urenkelin von Richard Wagner, zum ersten Mal eine italienische Oper. Lesen Sie Ausz\u00fcge aus einem Interview mit der Netzzeitung (15.12.05) &#8211; \u00fcber die Aktualit\u00e4t von Puccini, hartn\u00e4ckige Klischees und neue Ideen f\u00fcr die Bayreuther Festspiele.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=58"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/58\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=58"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=58"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=58"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}