{"id":571,"date":"2010-05-26T14:49:29","date_gmt":"2010-05-26T12:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=571"},"modified":"2010-05-26T14:49:29","modified_gmt":"2010-05-26T12:49:29","slug":"wenn-kulturen-aufeinander-prallen-shz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=571","title":{"rendered":"WENN KULTUREN AUFEINANDER PRALLEN (SHZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief verbindet sein Projekt &#8222;Via Intolleranza II&#8220; eng mit dem entstehenden &#8222;Operndorf&#8220; in Burkina Faso. Hamburgs Besucher verstanden seinen Appell.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Susanne Oehmsen<\/em><\/p>\n<p>Da hat vielleicht der eine oder andere gerade einer Hilfsorganisation einen Scheck \u00fcberstellt und nun das: &#8222;Haltet euch raus aus Afrika!&#8220;, donnert Christoph Schlingensief von der B\u00fchne in Halle sechs der Hamburger Kampnagelfabrik. Mit einem flammenden Appell sich nicht in die Angelegenheiten Afrikas einzumischen, beendet er nach 90 Minuten &#8222;Via Intolleranza II&#8220;, ein Projekt, das er seit M\u00e4rz dieses Jahres in Ouagadougou\/Burkina Faso sowie in Berlin entwickelt und geprobt hat. Nach der Erstauff\u00fchrung in Br\u00fcssel ist es heute zum vorerst letzten Mal in Hamburg zu sehen.<\/p>\n<p>Schlingensief selbst engagiert sich in Afrika, genauer gesagt in der N\u00e4he von Ouagadougou, wo er den Bau eines Operndorfes mit Schulen, Film- und Musikklassen, Theaterb\u00fchne und vielem mehr unterst\u00fctzt. Gebaut wird es unter Ber\u00fccksichtigung der traditionellen Lehmbauweise von einem Architekten des Landes mit dem Ziel, dort die Menschen eigene Filme und St\u00fccke \u00fcber ihr Land entwickeln zu lassen &#8211; also ohne europ\u00e4ische Einmischung. Insofern ist Schlingensiefs Projekt ganz eng mit dem Operndorf verzahnt. Und weil so ein Anliegen eben nicht auf traditionellem Weg vermittelt werden kann, w\u00e4hlt er die radikale, bei Brecht beheimatete Form der Br\u00fcche, die er aber ungleich radikaler und kompromissloser vorantreibt.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist Luigi Nonos &#8222;Intolleranza 1960&#8220;, ein musikalisches politisches Statement gegen Rassismus, Intoleranz und staatliche Gewalt und damit ein St\u00fcck Musikgeschichte f\u00fcr aufgekl\u00e4rte Bildungsb\u00fcrger. Schlingensief interessiert die Frage, inwieweit das auch auf dem afrikanischen Kontinent gilt und inwieweit europ\u00e4isches Denken dort \u00fcberhaupt etwas zu suchen hat.<\/p>\n<p>Also l\u00e4sst er beide Kulturen in seinem Projekt aufeinander prallen: Fleisch gewordene Barmherzigkeit bei der Frau vom Goethe-Institut, Mitleid und damit verbundene Spendenbereitschaft verschiedener Institutionen auf der europ\u00e4ischen Seite, Stolz in den Liedern und Statements der Spieler aus Burkina Faso. Das gehorcht trotz der auf einen wei\u00dfen Vorhang projizierten Kapiteleinteilung nicht einer chronologischen Reihenfolge, wirkt vielmehr wie gesampelt und zum Teil improvisiert. Spieler fallen aus ihren Rollen, werden zu ihrer eigentlichen Person, springen &#8211; Schlingensief inklusive &#8211; von dem privaten, wirklichen Leben zur\u00fcck ins Spiel, heben auf diese Weise eingefahrene und allseits abgenickte Denkweisen und Gewissensberuhigungen auf den Pr\u00e4sentierteller und geben sie zum Abschuss frei. Und nichts klingt absurder, als wenn Spieler aus Burkina Faso mit den Deutschen gemeinsam &#8222;Hoch auf dem gelben Wagen&#8220; singen. In Hamburg schien man verstanden zu haben, applaudierte anhaltend und stellte sich dann brav in die Schlange vor dem Spendentopf f\u00fcr\u2019s Operndorf.<\/p>\n<p><em>Quelle: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 26. Mai 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief verbindet sein Projekt &#8222;Via Intolleranza II&#8220; eng mit dem entstehenden &#8222;Operndorf&#8220; in Burkina Faso. 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