{"id":569,"date":"2010-05-26T08:24:51","date_gmt":"2010-05-26T06:24:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=569"},"modified":"2010-05-26T08:24:51","modified_gmt":"2010-05-26T06:24:51","slug":"post-moderne-revue-uber-die-vergeblichkeit-nzz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=569","title":{"rendered":"POST-MODERNE REVUE \u00dcBER DIE VERGEBLICHKEIT (NZZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Burkina Faso, in der N\u00e4he der Hauptstadt Ouagadougou, betreibt der deutsche Theatermacher Christoph Schlingensief das Projekt eines Operndorfes. Einen Ableger davon hat er nun nach Hamburg gebracht: \u00abVia Intolleranza II\u00bb, wo vorab der Titel an Luigi Nono erinnert.<\/strong><\/p>\n<p><em>Marcus St\u00e4bler<\/em><\/p>\n<p>\u00abIch will doch nur helfen! Ich will doch nur helfen!\u00bb ruft der blonde Mann am vorderen B\u00fchnenrand immer wieder, w\u00e4hrend ein kleinw\u00fcchsiger Afrikaner zappelnd versucht, sich aus seiner Umklammerung zu befreien. Vergeblich. Der Deutsche l\u00e4sst nicht locker. Er weiss ja, was gut ist f\u00fcr den Schwarzen. \u2013 Steht es wirklich so schlimm? Ist die Hilfswut der Europ\u00e4er gegen\u00fcber Afrika letztlich ein hilfloser Akt der Gewalt, geboren aus falschem missionarischem Eifer? Christoph Schlingensiefs St\u00fcck \u00abVia Intolleranza II\u00bb, das in der Hamburger Kampnagelfabrik seine Deutschland-Premiere erlebte, wirft viele solcher Fragen auf. Fragen, die ihn umtreiben, seit er in Burkina Faso sein OperndorfProjekt Remdoogo realisiert.<\/p>\n<p><strong>Multimedialer Dauerbeschuss<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr das j\u00fcngste St\u00fcck hat Schlingensief neun Menschen aus Burkina Faso \u2013 darunter professionelle K\u00fcnstler, aber auch Laien \u2013 mit einer Handvoll europ\u00e4ischer Darsteller zusammengew\u00fcrfelt. Mit diesem Ensemble und einer kleinen Band inszeniert (und improvisiert?) er eine neunzigmin\u00fctige Collage aus Spiel- und Tanzszenen, Videosequenzen und Textprojektionen, die den Zuschauer durch ein Bombardement an Eindr\u00fccken, verschiedenen Sprachen und Musikstilen zwischen \u00abTristan\u00bb und Trivialgedudel \u00fcberw\u00e4ltigt und letztlich auch \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Schlingensief nutzt den multimedialen Dauerbeschuss, um einen Ausschnitt des kraftvollen Kulturlebens in Burkina Faso zu dokumentieren \u2013 und gleichzeitig die Unm\u00f6glichkeit eines \u00abauthentischen\u00bb Afrikabildes vor Augen und Ohren zu f\u00fchren. Ob Voodoo-Kult, religi\u00f6se Ekstase oder vertanzter Hunger: Jede der pr\u00e4gnant choreografierten Assoziationen kippelt an der Grenze zwischen realem Anspruch und klischeehafter \u00dcberspitzung. Zwei in hektischem Rhythmus hin und her bewegte Gardinen behindern, verschleiern und unterteilen dabei den Blick auf die nur sp\u00e4rlich erleuchtete B\u00fchne mit St\u00fchlen, Tischen, Rednerpult und Glasvitrine. Hier sieht niemand ganz klar.<\/p>\n<p>Mit der Vorlage, der Oper \u00abIntolleranza 1960\u00bb von Luigi Nono, teilt Schlingensiefs Szenengewitter vor allem einige strukturelle Ber\u00fchrungspunkte. In beiden St\u00fccken geht es um den Versuch, die vermeintliche Hochkultur aus dem selbst gew\u00e4hlten Elfenbeinturmgef\u00e4ngnis zu befreien und wieder auf den Boden der Lebenswirklichkeit herunterzureissen. Nonos Musik wird allerdings nur kurz, per Handyaufnahme, angespielt und ebenso als unzeitgem\u00e4ss abgelehnt wie seine Texte.<\/p>\n<p><strong>Alte Macht- und Denkmuster<\/strong><\/p>\n<p>Nono sei \u00fcberholt \u2013 und unter dem Deckmantel des Altruismus verberge sich eine eurozentristische Haltung, die bloss alte Macht- und Denkmuster zementiere. So lautet die Arbeitshypothese des Tempotheatermachers Schlingensief, der auch selber auftritt und atemlos von schwierigen Produktionsbedingungen, seiner Krebserkrankung und dem Operndorfprojekt erz\u00e4hlt. Er persifliert und ironisiert politisch korrektes Gutmenschentum und bekennt sich zum Prinzip der Brechtschen Brechung, womit er gleich noch eine weitere Metaebene installiert. \u2013 Wann genau er etwas richtig ernst meint, l\u00e4sst sich, wie gewohnt, nur schwer erkennen \u2013 in seiner post-postmodernen Revue \u00fcber die Vergeblichkeit mit ihren beklemmenden, aber auch urkomischen und mitunter poetisch anr\u00fchrenden Momenten. Aber eine Botschaft ist doch herauszulesen: Wir Europ\u00e4er sollten aufh\u00f6ren, st\u00e4ndig helfen zu wollen.<\/p>\n<p><em>Quelle: Neue Z\u00fcricher Zeitung vom 26.5.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abVia Intolleranza II\u00bb, das multimediale Projekt von und mit Christoph Schlingensief, in der Hamburger Kampnagelfabrik<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/569"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=569"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/569\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}