{"id":565,"date":"2010-05-25T18:12:18","date_gmt":"2010-05-25T16:12:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=565"},"modified":"2010-05-25T18:12:18","modified_gmt":"2010-05-25T16:12:18","slug":"raus-aus-afrika-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=565","title":{"rendered":"RAUS AUS AFRIKA (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief inszeniert in Hamburg das Scheitern seiner hochfliegenden Operndorf-Pl\u00e4ne in Burkina Faso. Fazit: Das &#8222;bessere Beyreuth&#8220; gibts nur mit Raushalten.<\/strong><\/p>\n<p><em>VON MAXIMILIAN PROBST<\/em><\/p>\n<p>Der Festivalsommer beginnt und Christoph Schlingensief ist einer seiner Stars. Mit einer Truppe afrikanischer Schauspieler will er auf sein Operndorf-Projekt in Remdoogo in Burkina Faso hinweisen und ist damit vielfach eingeladen. Doch klipp und klar l\u00e4sst sich nur eins sagen, nachdem das St\u00fcck &#8222;Via Intolleranza II&#8220; auf Kampagel in Hamburg \u00fcber die B\u00fchne gerauscht ist: Der Theatermacher zeigt sein Scheitern in Afrika.<\/p>\n<p>Ein globales Kunstprojekt sollte das Operndorf werden, ein besseres Bayreuth, das geheilt ist vom Wahn des Gesamtkunstwerks, die Kunst vom gr\u00fcnen H\u00fcgel holt und mitten im Leben ansiedelt. Schulen, Sportpl\u00e4tze, B\u00fcros, Werkst\u00e4tten, Siedlungen, Krankenstationen und Agrarfl\u00e4chen sind da nicht minder wichtig als das Festspielhaus, die Theaterb\u00fchne und Musikr\u00e4ume. Seit Januar 2010 w\u00e4chst diese Utopie bereits in traditioneller, aber \u00f6kologisch h\u00f6chst moderner Lehmbauweise in der N\u00e4he der Hauptstadt von Burkina Faso. Und nun, aus der Traum?<\/p>\n<p>Gescheitert, und darin besteht die Pointe des Abends, ist Schlingensief allerdings nur mit SEINEM Operndorf &#8211; was die Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass das Operndorf als Operndorf der Burkiner gelingen kann. &#8222;Raus aus Afrika&#8220; lautet nun Schlingensiefs Parole, an sich selbst und all die adressiert, die meinen, Afrika helfen zu m\u00fcssen, und sich nicht mal selbst helfen k\u00f6nnen. Auch wenn diese Kritik an NGOs, Gutmenschen und staatlichen Entwicklungshelfern nicht ganz neu ist, so muss man Schlingensief zugute halten, dass er sie am Scheitern seines eigenen Projekts aufs Gl\u00e4nzendste zu Kunst umm\u00fcnzt und uns zur Erfahrung werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&#8222;Via Intolleranza II&#8220; ist wie das Leben selbst: in seiner F\u00fclle ein Strich durch alle Rechnungen der Besserwisserei. F\u00fcr den Zuschauer folgt daraus die Zumutung, nur in Bruchst\u00fccken zu verstehen, was da auf der B\u00fchne los ist. Als Ger\u00fcst des St\u00fcckes dienst Luigi Nonos Oper &#8222;Intolleranza 1960&#8220;, eine gradlinige Anklage gegen Rassismus und staatliche Repression, aber die von Schlingensief gecasteten burkinischen Schauspieler und S\u00e4nger haben mal eben den Text umgeschrieben und stellen lieber sich selbst dar oder das, was wir daf\u00fcr halten. Dazu flimmern Filmaufnahmen aus Burkina Faso und ein Schwarz-Wei\u00df-Streifen nach Dantes &#8222;G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die&#8220; auf Vorh\u00e4ngen, die fortw\u00e4hrend auf und zu gezogen werden vor einem permanent in Bewegung begriffenen B\u00fchnenbild aus Papph\u00fctten, Bier- und Schreibtischen, einem kleinen Salonorchester und einem gro\u00dfen gl\u00e4sernen K\u00e4fig.<\/p>\n<p>Vieles der Show, die nach Hamburg noch bei den Festwochen Wien und in der Bayrischen Staatsoper Station macht, erscheint dabei improvisiert, anderes wieder erstaunlich sauber komponiert. Der Glask\u00e4fig zum Beispiel. In dem werden immer wieder die europ\u00e4ischen Projektionen auf Afrika ausgestellt. Auf Kampnagel geht das St\u00fcck auf Hamburg ein, in dem es auf die Verstrickungen von Hagenbecks Tierpark in den Kolonialismus anspielt, in M\u00fcnchen oder Wien k\u00f6nnte diese Episode gar nicht funktionieren.<\/p>\n<p>Zum Schluss h\u00e4ngt dann im K\u00e4fig eine ausgediente Maske aus Pappmach\u00e9. Da erst f\u00e4llt auf, das diese Maske die Form von Afrika hat, allerdings, so will man aus eurozentrischer Sicht sagen, eines Afrikas, das auf dem Kopf steht, mit der Spitze nach oben. Selbst hier noch europ\u00e4ischen Blick zu entlarven, das ist schon spitze und verdient, was Schlingensief f\u00fcr Afrika und das Operndorf-Projekt in Burkina Faso fordert: sich raushalten. Mit einem Blankoscheck.<\/p>\n<p><em>Quelle: taz vom 25.5.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief inszeniert in Hamburg das Scheitern seiner hochfliegenden Operndorf-Pl\u00e4ne in Burkina Faso. 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