{"id":564,"date":"2010-05-25T12:42:09","date_gmt":"2010-05-25T10:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=564"},"modified":"2010-05-25T12:42:09","modified_gmt":"2010-05-25T10:42:09","slug":"vielen-dank-fur-ihr-geheucheltes-interesse-hamburger-abendblatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=564","title":{"rendered":"\u00bbVIELEN DANK F\u00dcR IHR GEHEUCHELTES INTERESSE\u00ab (HAMBURGER ABENDBLATT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Kampnagelfabrik feierte eine schonungslose &#8222;Intolleranza II&#8220; mit und von Regisseur Christoph Schlingensief die Deutschlandpremiere.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Klaus Witzeling<\/em><\/p>\n<p>Hamburg. Schmaler K\u00f6rper, schmales Gesicht. Christoph Schlingensief ist gezeichnet vom Kampf mit Afrika und seiner Krebserkrankung. Beides hat ihn an einen Punkt der schonungslosen Einsichten gebracht. Selten klar, knapp und konzentriert haut der Regisseur und Performer in seiner neuen Produktion, &#8222;Via Intolleranza II&#8220;, dem Publikum seine Wahrheiten um die Ohren &#8211; nicht ohne die gewohnte Energie und Selbstironie. Nach der Urauff\u00fchrung beim Br\u00fcsseler Kunstfestival Mitte Mai hatte die Kampnagel-Koproduktion nun eine gefeierte Deutschland-Premiere in der voll besetzten gro\u00dfen Halle K6 der Barmbeker Kulturfabrik.<\/p>\n<p>In der assoziativen Szenencollage mit Akteuren aus Burkina Faso und Europa zieht Schlingensief eine vorl\u00e4ufige Bilanz seiner Erfahrungen mit dem von ihm angesto\u00dfenen Operndorf-Projekt &#8222;Remdoogo&#8220; nahe der Hauptstadt Ouagadougou. Selbstkritisch, auch w\u00fctend erz\u00e4hlt er von der eigenen Naivit\u00e4t, vom Versagen der europ\u00e4ischen Kunst vor der Kraft der afrikanischen Kultur und harten Lebensrealit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich dem revolution\u00e4ren, f\u00fcr Gerechtigkeit k\u00e4mpfenden Bergarbeiter und Helden in Luigi Nonos szenischer Aktion &#8222;Intolleranza 1960&#8220; ist Schlingensief &#8211; eine Art sendungsbewusster &#8222;reiner Tor&#8220; des guten Willens &#8211; nach Burkina Faso ausgezogen, um die &#8222;armen Afrikaner&#8220; durch ein europ\u00e4isches Kulturprojekt zu begl\u00fccken. Mit &#8222;Remdoogo&#8220;, dessen Grundstein er Anfang Februar gelegt hat, wollte er wohl auch nebenbei dem seit seiner &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung verhassten Festspielhaus Bayreuth eine lange Nase drehen &#8211; und sich ein Denkmal setzen. Nun baut der aus Burkina Faso stammende Architekt Francis Ker\u00e9 am Geb\u00e4udekomplex mit Schulen f\u00fcr Kunststudenten, einer Krankenstation und dem spiralf\u00f6rmigen Festspielhaus.<\/p>\n<p>In Anspielung auf den Erl\u00f6ser und den Kreuzweg, die Via Dolorosa, erz\u00e4hlt Schlingensief in &#8222;Via Intolleranza II&#8220; schonungslos von seinem afrikanischen Leidensweg und den Foltern der Krebsbehandlung. Auf der &#8222;Stra\u00dfe der Intoleranz&#8220; sich selbst und den Fremden gegen\u00fcber gelangt der europ\u00e4ische Kulturheilsbringer zur heilsamen Einsicht: Eine &#8222;Gesellschaft von Selbstbesch\u00e4digten&#8220; kompensiert in den Hilfsaktionen f\u00fcr Afrika lediglich ihre Unf\u00e4higkeit, sich selbst helfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Halbhohe, wei\u00dfe &#8222;Brecht-Gardinen&#8220; strukturieren das Durcheinander aus Tischen, St\u00fchlen, einem Schaukasten und Requisiten auf der B\u00fchne. Sie dienen auch als Leinwand f\u00fcr Dokumentarfilme, Projektionen des Operndorf-Modells oder Passagen aus dem italienischen Stummfilm &#8222;L&#8217;Inferno&#8220; von Giuseppe De Liguoro. Als hei\u00dfe H\u00f6lle haben die &#8222;Wei\u00dfnasen&#8220; die Savannen-Gebiete empfunden und mehr als einmal dachte Schlingensief an Flucht im Taxi und fragte sich bei den Proben zynisch nach dem Sinn des absurden Unternehmens: &#8222;Wir holen Schwarze aus Burkina Faso und wei\u00dfe Mitarbeiter von mir sollen dort sterben?!&#8220;<\/p>\n<p>Aber: &#8222;Kunst definiert sich durch die Unwahrscheinlichkeit ihres Zustandekommens&#8220;, hei\u00dft es an einer Stelle. Dass sie schlie\u00dflich doch gelungen ist, die h\u00f6hnische Satire auf Luigi Nonos Utopie von der Revolution durch experimentelle Musik, ist Schlingensiefs Improvisationsgenie, auch seinem und dem Durchhalteverm\u00f6gen des ganzen Teams zu verdanken. Zuweilen herrscht pures Probenchaos auf der B\u00fchne. &#8222;Was macht ihr da?&#8220;, ruft der Regisseur in gespieltem Erstaunen. Doch erzielt er einen gut getimten Szenen-Rhythmus durch Wechsel von Dunkel- und Helligkeit, von Doku und Spiel, von Rap und Rezitation, von Ruhe und Bewegung, von Solo- und Ensemble-Auftritten. Mit der &#8222;Fat African Mama&#8220; oder dem kleinw\u00fcchsigen Amado Komi zitiert Schlingensief parodistisch Carl Hagenbecks Hamburger V\u00f6lkerschauen aus dem vorigen Jahrhundert, demaskiert durch ausgestellte \u00dcbertreibung in seiner &#8222;Show&#8220; den Exotismus und Rassismus.<\/p>\n<p>In der &#8222;Einf\u00fchrung in den europ\u00e4ischen Kultur-Kodex&#8220; nimmt er den eurozentristischen Blick und postimperialistischen Gestus der franz\u00f6sischen &#8222;Tanzf\u00f6rder&#8220;-Programme in Westafrika aufs Korn. Ein satter wei\u00dfer T\u00e4nzer demonstriert einem farbigen Kollegen, was er alles tanzen kann: Armut, Liebe oder Hunger. Er benutzt dabei Trippelschritte und gezierte Geb\u00e4rden. Achmed Soura hingegen zieht beim &#8222;Hunger-Tanz&#8220; nur seinen Bauch ein und verzerrt mit aufgerissenem Mund das Gesicht zur Verzweiflungsmaske. Einfach und doch bewegend wie Munchs &#8222;Schrei&#8220;. Ohne die Kraft des Lebens ist eben die Kraft jeder Kunstform tot.<\/p>\n<p>Weil Christoph Schlingensief seine Kunst lebt, bleibt sie sich gleich &#8211; und ver\u00e4ndert sich doch st\u00e4ndig. Nur zu gut wei\u00df er: Das Publikum will hip und politisch korrekt sein, wenn es seine &#8222;Show&#8220; besucht. Dabei ist &#8222;Via Intolleranza II&#8220; im Vergleich zu seinen vorigen Projekten viel weniger Schau als eine irritierende, direkte Abrechnung mit sich selbst und den falschen Idealen eines selbstbez\u00fcglichen Gutmenschentums und falschen Kulturmessianismus.<\/p>\n<p>Mit &#8222;Via Intolleranza II&#8220; &#8211; eingeladen zu den Wiener Festwochen, an die Bayerische Staatsoper M\u00fcnchen und mit der Operndorf-Installation &#8222;Remdoogo&#8220; zu den Kunstfestspielen Herrenhausen in Hannover &#8211; kann und will er sich den Spott \u00fcber den Kunstevent-Zirkus, aus dem er vergeblich versucht auszubrechen, nicht verkneifen. Seiner irritierten, saturierten Bildungsgemeinde erteilt er zum Abschluss noch rasch eine charmant-h\u00f6fliche Abfuhr: &#8222;Vielen Dank f\u00fcr Ihr geheucheltes Interesse.&#8220; Sp\u00e4testens da bleibt einem die Spucke weg. Und nur noch \u00fcbrig, endlich selbst zu handeln &#8211; aber angemessen, nicht anma\u00dfend. <\/p>\n<p><em>Quelle: Hamburger Abendblatt vom 25.5.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Kampnagelfabrik feierte eine schonungslose &#8222;Intolleranza II&#8220; mit und von Regisseur Christoph Schlingensief die Deutschlandpremiere.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=564"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}