{"id":563,"date":"2010-05-25T12:37:10","date_gmt":"2010-05-25T10:37:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=563"},"modified":"2010-05-25T12:37:10","modified_gmt":"2010-05-25T10:37:10","slug":"ruberdusen-mittrommeln-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=563","title":{"rendered":"R\u00dcBERD\u00dcSEN, MITTROMMELN (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220; in Hamburg<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ulrich Seidler<\/em><\/p>\n<p>Man m\u00f6chte es Christoph Schlingensief ja so gern recht machen als Zuschauer. Und man sch\u00e4mt sich, wenn man zwischendurch diese M\u00fcrrischkeit bei sich entdeckt, die mit dem Gef\u00fchl einhergeht, als Restm\u00fclleimer zu dienen. Noch peinlicher ist dieses ironische Ach-ich-verstehe-Zufriedenheitsgrinsen.<\/p>\n<p>Feierliche Andacht und Demut waren bei den Sterbemessen und -prozessionen geboten, die Schlingensief nach seiner Krebsdiagnose vor zwei Jahren feierte. Daf\u00fcr wird man von ihm inzwischen aber auch schon wieder verarscht. Wohl zu recht. Was immer passt, ist die Verbl\u00fcffung \u00fcber die torpedok\u00e4ferartige Energie des K\u00fcnstlers &#8211; ein nervlicher oder k\u00f6rperlicher Zusammenbruch ist f\u00fcr ihn noch lange kein Grund aufzuh\u00f6ren, Sinnkrisen sind seine Wegweiser. Scheitern: ja, unbedingt! Aufgeben: nein, um keinen Preis!<\/p>\n<p>Aber dann hirscht der um seine halbe Lunge beraubte, halbnackte Schlingensief mit einem \u00fcberdimensionierten Tropenhelm durch afrikanisches Savannenland und winselt nach einem Taxi. So zu sehen auf einem Videoeinspieler bei seiner keinem Genre zuzuordnenden Veranstaltung namens &#8222;Via Intolleranza II&#8220;, die in nicht mehr ganz nachvollziehbarer Weise von der gleichnamigen Revolutionsoper Luigi Bonos (1970) inspiriert sein soll. Premiere war beim Kunsten-Festival in Br\u00fcssel, Deutschlandpremiere am Pfingstsonntag auf Kampnagel in Hamburg.<\/p>\n<p>Jetzt geht das 18-k\u00f6pfige, gr\u00f6\u00dftenteils afrikanische Ensemble samt Jazz-Kapelle auf Tournee nach M\u00fcnchen, Wien, Hannover und macht bestimmt auch irgendwann mal in Berlin Station, beim HAU, dessen Chef Matthias Lilienthal zusammen mit dem Goethe-Institut Schlingensief, wie er behauptet, in den ganzen Schlamassel \u00fcberhaupt hineingetrieben h\u00e4tten. Weil er, Schlingensief, doch ein guter Mensch sei, der Asylanten helfe, Nazis in die Gesellschaft wieder eingliedere und immer die Behinderten nach vorn lasse.<\/p>\n<p>Jetzt will er aber nach Hause, in die Wanne, will die Policen checken und sich dem Schaumbadgef\u00fchl des Rundumversichertseins hingeben. Achtung, Zuschauer, jetzt nicht auch seufzen! Jetzt nicht denken: &#8222;Siehste, Christoph, h\u00e4tt\u00b4 ich dir gleich sagen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Eigentlich ist &#8222;Via Intolleranza II&#8220; n\u00e4mlich ein Making-Off zu einem chaotischen interkontinentalen V\u00f6lkerverst\u00e4ndigungshappening: Schlingensief baut in Burkina Faso ein schneckenf\u00f6rmiges Opern-Dorf mit einem Festspielhaus, das die in Bayreuth vor Neid erblassen lassen werde, mit Kino, Krankenstation, Gro\u00dfk\u00fcche und im Zentrum einer Schule f\u00fcr 400 bis 500 Kinder, samt Film-, Musik- und Tanzklassen. Geld kommt vom Ausw\u00e4rtigen Amt, der Bundeskulturstiftung, dem Goethe-Institut und von Privatspendern (Empf\u00e4nger: Festspielhaus Afrika GmbH, Kontonummer: 1128578, Bankleitzahl: 10070124, ab einer Spende von 50 Euro, plus 5 Euro Porto, gibt es einen signierten Bastelbogen).<\/p>\n<p>Auch der in Afrika engagierte Schriftsteller Henning Mankell habe 100.000 Euro gespendet unter der Bedingung, dass er nichts weiter tun muss, was Schlingensief die liebste Haltung sei und woran er sich ein Beispiel zu nehmen anschicke.<\/p>\n<p>&#8222;Via Intolleranza II&#8220; ist auch eine durchreflektierte Selbstdenunzierung Schlingensiefs als altruistischem Kulturkolonialisten, der mal eben nach Afrika d\u00fcst und ein bisschen mittrommeln will, aber eigentlich nur wieder diese eurozentrische Besserwisserei einschleppt. Der Schauspieler Stefan Kolosko \u00fcbernimmt die Rolle des durchdrehenden Stellvertreterimpresarios, der versucht Ordnung in den Ablauf des Kulturprogrammes zu bringen. Wie ein reizbarer Dompteur scheucht er die in Ouagadougou gecasteten B\u00fchnenk\u00fcnstler &#8211; S\u00e4nger, T\u00e4nzer, Rapper, Entertainer &#8211; seinem Laptop-Plan hinterher.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend diese sich den Spa\u00df an dem Projekt und den Stolz nicht verderben lassen und mit attit\u00fcdenloser Souver\u00e4nit\u00e4t machen, was sie k\u00f6nnen. Dazu kommen diverse Gardinen- und Leinwandstaffeln, Filmprojektionen, ein nicht weiter differenzierbarer Soundtrack aus Wagner-, Bono-, Volks-, Folklore- und Popmusik &#8211; und dass man insgesamt nicht viel sehen kann, weil es zu dunkel ist auf der B\u00fchne (auch wegen der vielen dunklen Haut, die &#8211; so einer der vielen sich \u00fcberlagernden Exkurse &#8211; mehr Beleuchtungsenergie verbrauche).<\/p>\n<p>Zweimal tritt Schlingensief auf, schimpft \u00fcber sein Quartier in einem nach Sperma und Vaseline stinkenden Stundenhotel in St. Pauli, referiert die widrigen Probenumst\u00e4nde (Vulkanausbruch, Krankheiten), erkl\u00e4rt, was alles falsch verstanden wurde und was eigentlich gemeint ist und parodiert sich in seiner vermutlich echten, jedenfalls ansteckenden Verzweiflung: &#8222;Lasst mich mitmachen! Ich m\u00f6chte in euren Kochtopf! Esst mich auf!&#8220;<\/p>\n<p>Das Publikum in Hamburg verhielt sich einmal mehr korrekt: Es jubelte.<\/p>\n<p><em>Quelle: Frankfurter Rundschau vom 24.5.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220; in Hamburg<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/563"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=563"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/563\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}