{"id":562,"date":"2010-05-25T01:03:17","date_gmt":"2010-05-24T23:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=562"},"modified":"2010-05-25T01:03:17","modified_gmt":"2010-05-24T23:03:17","slug":"schlingensief-erzahlt-von-europas-versagen-gegenuber-afrika-dpa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=562","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF ERZ\u00c4HLT VON EUROPAS VERSAGEN GEGEN\u00dcBER AFRIKA (DPA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir k\u00f6nnen uns selber nicht helfen, wollen aber den Afrikanern helfen. \u201eWir m\u00fcssen einfach wegbleiben\u201c, erkennt Christoph Schlingensief am Schluss seiner neuen Produktion \u201eVia Intolleranza II\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Die Szenencollage mit Akteuren aus Burkina Faso und Europa feierte nach der Br\u00fcsseler Urauff\u00fchrung Mitte Mai Deutschland-Premiere bei den \u201e1. Pfingst-Festspielen\u201c am Sonntag in der Hamburger Kampnagelfabrik.<\/p>\n<p>Der krebskranke Regisseur zieht eine vorl\u00e4ufige Bilanz der Erfahrungen mit seinem zu Jahresbeginn gestarteten Operndorf-Projekt \u201eRemdoogo\u201c bei Ouagadougou in Burkina Faso. Selbstkritisch, auch w\u00fctend erz\u00e4hlt der geschw\u00e4chte Performer und Regisseur von der eigenen Naivit\u00e4t. Vom Versagen der europ\u00e4ischen Kunst vor der Kraft der afrikanischen Kultur und Realit\u00e4t. <\/p>\n<p>Halbhohe wei\u00dfe Gardinen strukturieren das Durcheinander aus Tischen, St\u00fchlen, einem Schaukasten und Requisiten auf der B\u00fchne. Mit einem Lied zur Gitarre beginnt die Performance. Sie gleicht einer Art Probenchaos, um Luigi Nonos politisches Musiktheater \u201eIntolleranza 1960\u201c aufzuf\u00fchren. Doch den schwarzen Darstellern sagt weder die Oper etwas noch deren Inhalt.<\/p>\n<p>Angeheizt vom F\u00f6nix-Trio unter der musikalischen Leitung von Arno Waschk ergibt sich eine Mischung aus scheinbarer Improvisation und Laienspiel. Rasch geschnitten erzielt Schlingensief einen gut getimten Szenen-Rhythmus durch Wechsel von Dunkel- und Helligkeit, von Rap und Rezitation, Ruhe und Bewegung, Solo- und Ensemble-Auftritten. In seinem Multimedia-Spektakel aus Film, Gesang, Musik, Tanz und Text f\u00fchrt er die eigene Folklore (\u201eHoch auf dem gelben Wagen\u201c) und die Klischees, die wir \u00fcber Afrika im Kopf haben, ad absurdum.<\/p>\n<p>Nonos Komposition kommt nur in eingespielten Klangfetzen vor. Und wie gewohnt stellt er auch Bez\u00fcge zum Auff\u00fchrungsort her: Mit Anspielungen auf Carl Hagenbecks Hamburger V\u00f6lkerschauen, die im vorigen Jahrhundert \u201eExoten\u201c aus aller Welt vorf\u00fchrten. Schlingensief unterl\u00e4uft die eigene \u201eShow\u201c, den Exotismus, etwa mit der satirischen \u201eEinf\u00fchrung in den europ\u00e4ischen Kultur-Kodex\u201c. Da parodiert er den eurozentristischen Blick und postimperialistischen Gestus der franz\u00f6sischen \u201eTanzf\u00f6rder\u201c-Programme in Westafrika.<\/p>\n<p>Ein satter wei\u00dfer T\u00e4nzer demonstriert einem j\u00fcngeren farbigen Kollegen, wie er alles tanzen kann: Armut, Liebe und Hunger. Er ben\u00fctzt dabei immer die gleichen Trippelschritte und gezierten Geb\u00e4rden. Achmed Soura zieht beim \u201eHunger-Tanz\u201c nur seinen Bauch ein und verzerrt mit aufgerissenem Mund das Gesicht zur Verzweiflungsmaske.<\/p>\n<p>Auch in anderen flashartigen Szenen demaskiert der Regisseur Ahnungslosigkeit, Selbstgerechtigkeit, Zynismus und Besserwisserei der \u201eWei\u00dfnasen\u201c. Er gibt zu, dass es ihm unm\u00f6glich war, eine gemeinsame Melodie im St\u00fcck zu finden, die Unterschiede zu \u00fcberwinden. \u201eGeld, Essen und Trinken werden uns immer verbinden, aber alles andere ist eigentlich nur Anma\u00dfung. Die sind klasse und brauchen keinen Schlingensief.\u201c <\/p>\n<p><em>Quelle: dpa, 24.05.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir k\u00f6nnen uns selber nicht helfen, wollen aber den Afrikanern helfen. \u201eWir m\u00fcssen einfach wegbleiben\u201c, erkennt Christoph Schlingensief am Schluss seiner neuen Produktion \u201eVia Intolleranza II\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=562"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}