{"id":561,"date":"2010-05-23T16:41:12","date_gmt":"2010-05-23T14:41:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=561"},"modified":"2010-05-23T16:41:12","modified_gmt":"2010-05-23T14:41:12","slug":"menschen-machen-mir-angst-shz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=561","title":{"rendered":"\u00bbMENSCHEN MACHEN MIR ANGST\u00ab (SHZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur Christoph Schlingensief bringt morgen sein Werk &#8222;Via Intolleranza II&#8220; in der Hamburger Kampnagelfabrik auf die B\u00fchne.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief (49) hat Lungenkrebs. Trotzdem arbeitet er wie ein Besessener. Er baut in Burkina Faso ein Operndorf, obendrein hat er mit afrikanischen Laiendarstellern sein St\u00fcck &#8222;Via Intolleranza II&#8220; inszeniert. Die Initialz\u00fcndung daf\u00fcr gab Luigi Nonos Oper &#8222;Intolleranza 1960&#8220;. Sie lie\u00df Schlingensief hinterfragen, warum Wei\u00dfe Afrikanern st\u00e4ndig helfen wollen.<\/p>\n<p><strong>Herr Schlingensief, Sie sollten Nonos Oper &#8222;Intolleranza 1960&#8220; in Budapest inszenieren. Warum haben Sie das abgelehnt?<\/strong><\/p>\n<p>Weil ich es dekadent fand, eine Geschichte \u00fcber Konzentrationslager, Folter und Landflucht in einem Opernhaus aufzuf\u00fchren. Wenn ein durchtrainierter S\u00e4nger solche Sachen vortr\u00e4gt, mag das akustisch vielleicht ein Genuss sein. Nur stimmt das Bild f\u00fcr mich nicht, darum h\u00e4tte ich inhaltlich nichts mehr geregelt gekriegt.<\/p>\n<p><strong>Passt diese Thematik f\u00fcr Sie eher nach Afrika?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe die Bewohner von Burkina Faso gefragt, was sie mit Landflucht verbinden. Sie antworteten: &#8222;Wir kennen dieses Problem gar nicht.&#8220; In Afrika geht man in die Stadt, weil man sich dort f\u00fcr seine Familie eine bessere Einnahmequelle erhofft. Mit Abhauen hat das nichts zu tun, zumal die meisten sogar wieder zu ihren Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p><strong>Klingt, als konnten die Afrikaner mit Nonos Werk nichts anfangen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist doch genau der Punkt. Wir Europ\u00e4er glauben zu wissen, was in den Afrikanern vorgeht, was sie brauchen. Dabei wurden diese Berichte, die wir \u00fcber den schwarzen Kontinent sehen, zu 95 Prozent von Wei\u00dfen gemacht. Das sind reine Trugbilder, die letztlich keine Relevanz haben.<\/p>\n<p><strong>Welchen Eindruck haben Sie denn von den Afrikaner gewonnen, als Sie mit Ihnen an &#8222;Via Intolleranza II&#8220; arbeiteten?<\/strong><\/p>\n<p>Dieses K\u00fcnstlergetue &#8222;Meine Stimme ist weg, ich brauche eine Pause&#8220; kennen die gar nicht. Sie sind weniger wehleidig als wir. Durch sie bin ich auch wieder robuster geworden. Vor den Proben war ich v\u00f6llig im Eimer, ich kam morgens nicht aus dem Bett. Bis ich mir sagte: Jetzt mach\u2019 mal Schluss mit dem kranken Theater und geh\u2019 in die Vollen.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4hern Sie sich Ihrer Arbeit heute eigentlich anders an als fr\u00fcher?<\/strong><\/p>\n<p>Als ich 1998 meine Partei Chance 2000 gr\u00fcndete, dachte ich: Wir m\u00fcssen jetzt alle zusammen irgendwas in diesem Land machen. Davon habe ich mich gel\u00f6st. Ich kann mit Menschen nicht mehr so viel anfangen, im Moment machen sie mir eher Angst.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Weil wir so eine Gesellschaft von Selbstgesch\u00e4digten sind. Sobald jemand halbwegs gesund ist, haben wir ein Problem damit. Das Sch\u00f6ne, das Normale k\u00f6nnen wir gar nicht mehr ertragen. Nur was irgendwie krank oder kaputt wirkt, ist halbwegs akzeptabel f\u00fcr uns. Andererseits sind wir Weltmeister im Verkleiden, um blo\u00df nicht die Wahrheit sehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen Sie den Euro, da wollen wir die Totalkatastrophe nicht wahrhaben. Wir reden uns ein: Wird schon alles gut. Trotzdem ist ganz tief in uns eine H\u00f6llenangst. <\/p>\n<p><em>Quelle: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag,  22. Mai 2010<br \/>\nVon Dagmar Leischow<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur Christoph Schlingensief bringt morgen sein Werk &#8222;Via Intolleranza II&#8220; in der Hamburger Kampnagelfabrik auf die B\u00fchne.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/561"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=561"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/561\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}