{"id":559,"date":"2010-05-19T10:53:48","date_gmt":"2010-05-19T08:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=559"},"modified":"2010-05-19T10:53:48","modified_gmt":"2010-05-19T08:53:48","slug":"was-du-siehst-ist-nicht-immer-was-du-bist-hamburger-abendblatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=559","title":{"rendered":"WAS DU SIEHST, IST NICHT IMMER, WAS DU BIST (HAMBURGER ABENDBLATT)"},"content":{"rendered":"<div class=\"inhalt\" style=\"margin-top:20px; padding-bottom:10px;\"><strong>Christoph Schlingensief zeigt seine Afrika-Produktion &#8222;Via Intolleranza II&#8220; mit Menschen aus Burkina Faso auf Kampnagel. <\/strong><\/div>\n<p>VON ARMGARD SEEGERS<\/p>\n<p>Hamburg. Im Januar 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Zur selben Zeit hatte er die Idee f\u00fcr ein Opernhaus in Afrika, das derzeit in Burkina Faso entsteht. Mit Menschen von dort zeigt er nun &#8222;Via Intolleranza II&#8220; vom 23. bis 26. Mai als Koproduktion auf Kampnagel.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief sagt, er habe sich immer schon die Frage gestellt, ob seine Arbeit sinnvoll sei oder &#8222;einfach nur Trara.&#8220; Und wenn man sich mit dem Tod besch\u00e4ftigt, fragt man sich mehr als zuvor, was von einem bleiben wird. &#8222;Was ist wichtig gewesen? Diesen Gedanken bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Theater kann es jedenfalls nicht sein. Auch. Aber eben nicht nur.&#8220; Selbst eine bejubelte Auff\u00fchrung ist irgendwann abgespielt. Kunst weckt aber auch Sehns\u00fcchte. &#8222;Nat\u00fcrlich m\u00f6chte man etwas ausdr\u00fccken, was andere Menschen ber\u00fchrt. Aber am Ende bleibt trotzdem nichts, au\u00dfer Gedanken.&#8220; Bei einem Opernhaus allerdings ist das etwas anderes.<\/p>\n<p>&#8222;Theater ist eine fl\u00fcchtige Kunst&#8220;, sagt der Regisseur, der zu Beginn der 90er-Jahre Filme wie &#8222;100 Jahre Adolf Hitler&#8220; oder &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220; gedreht hatte, der 1993 am Theater deb\u00fctierte und Ende der 90er soziale Aktionen mit Obdachlosen wie &#8222;Die Bahnhofsmission&#8220; am Deutschen Schauspielhaus gestartet hatte. Bei den Bayreuther Festspielen 2004 inszenierte Christoph Schlingensief &#8222;Parsifal&#8220;, seine erste Oper. 2007 pr\u00e4sentierte er im brasilianischen Manaus Wagners &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; als Volksoper. Hier hatte er auch die Idee zu dem Opernhaus in Afrika. Inzwischen soll ein ganzes Operndorf entstehen, mit Kirche, Hotel, einer Schule, Werkst\u00e4tten, Wohnmodulen und einem Krankenhaus. Im Februar war Grundsteinlegung in der Savanne, eine knappe Stunde au\u00dferhalb der Hauptstadt Ouagadougou. &#8222;Das war immer schon mein Traum, eine Oper mit einem Krankenhaus zu verbinden. Ges\u00e4nge f\u00fcr die Seele, wie bei den alten Griechen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Inszenierung ist eine &#8222;begleitende Forschungsarbeit&#8220; zum Operndorf und eine Antwort auf Luigi Nonos Oper &#8222;Intolleranza&#8220;, die sich mit Rassismus, Intoleranz und staatlicher Gewalt befasst. Schlingensief erforscht, was durch die Verlagerung nach Afrika mit Nonos Werk passiert. &#8222;Ich m\u00f6chte begreifen, warum wir st\u00e4ndig Afrika helfen wollen, obwohl wir uns selber schon lange nicht mehr helfen k\u00f6nnen,&#8220; sagt der Regisseur. &#8222;Von Afrika lernen&#8220;, hei\u00dft sein Motto. &#8222;Als Bewohner Europas finde ich in Burkina Faso viel mehr kreative Energie als in mancher &#8218;Kreativfabrik Deutschland&#8216;. Mir geht es um die gro\u00dfe F\u00e4higkeit der Menschen dort zur Improvisation, ohne die kein Schauspiel auskommt. So gesehen, bin ich ein blasses, wei\u00dfes Blatt, das zur Belichtung nach Burkina geht. Mit der kleinen Hoffnung, dort das eigene Scheitern zu begreifen, um wieder zu gesunden.&#8220;<\/p>\n<p>Seit beim Nichtraucher Schlingensief ein Tumor festgestellt und ihm ein Lungenfl\u00fcgel entfernt wurde, muss er regelm\u00e4\u00dfig Medikamente nehmen und sich untersuchen lassen. Die Gefahr eines Wachstums des Tumors ist nicht gebannt. Eine Begleiterscheinung der Krankheit ist, dass er sich seitdem mit der Frage plagt, dass er k\u00fcnstlerisch noch nicht alles gezeigt habe, was er kann. Dass die ihm noch bleibende Zeit zu kurz sei, um zu beweisen, wie ernst ihm seine Arbeit ist.<\/p>\n<p>&#8222;Mich ber\u00fchren die Gedanken von Luigi Nono aus den 60er-Jahren nicht mehr&#8220;, sagt Christoph Schlingensief, &#8222;und ich frage mich, warum?&#8220; Nono suchte revolution\u00e4re Antworten auf Themen wie Klassenkampf, Gewalt gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen, B\u00fcrgerkrieg oder Widerstand. &#8222;Aber wenn Menschen aus Burkina Faso, die selbst gefl\u00fcchtet sind, anfangen, dar\u00fcber zu reden, bekommt der Text eine ganz andere Dimension.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Wir alle suchen Ablenkung, sind viel zu rastlos&#8220;, wei\u00df Schlingensief heute. 40 Prozent seiner Arbeit sei Selbstdarstellung gewesen. Talkshows geh\u00f6rten dazu, die Gr\u00fcndung der Partei &#8222;Chance 2000&#8220; oder Aktionen wie die Einladung an vier Millionen deutsche Arbeitslose, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden, ihn zum \u00dcberlaufen zu bringen und dadurch das Urlaubsdomizil von Helmut Kohl zu fluten. Aber die restlichen 60 Prozent waren ein ernster, &#8222;zum Teil auch risikoreicher Weg&#8220;: &#8222;Wir alle unternehmen st\u00e4ndig etwas, um uns nicht mit uns selbst besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Diese Ablenkung kostet viel Kraft. Wir haben Angst zu erkennen, dass wir nicht dem Menschen entsprechen, zu dem wir als Kind werden wollten. Deshalb bricht die Sehnsucht nach dem Sch\u00f6nen aus&#8220;, glaubt Schlingensief. &#8222;Die urspr\u00fcngliche Botschaft des Theaters ist es ja zu zeigen: Es kann auch alles anders werden. Und das ist sowieso einer meiner Glaubenss\u00e4tze: Was du siehst, ist nicht unbedingt das, was du bist.&#8220;<\/p>\n<p>200 Menschen hat Schlingensief Anfang April in Burkina Faso f\u00fcr die Produktion gecastet, neun dann ausgew\u00e4hlt. &#8222;Das Besondere war f\u00fcr mich die Erfahrung, dass dort keine exzentrischen &#8218;Theatertypen&#8216; oder ,Kunstfreunde&#8216; auftauchten. Das sind zwar alles Selbstdarsteller, aber keine Schauspieler&#8220;, sagt der Regisseur. &#8222;Mich langweilt die sogenannte Kunstwelt mehr denn je.&#8220; Schlingensief findet, Mainstream habe er noch nie gekonnt. Er k\u00f6nne Experimentalfilme, Happenings, Aktionskunst. Seine Kunst war sehr oft auch laut und schnell. Aber im Kern war sie eher melancholisch als euphorisch. Braves kam dabei selten vor. &#8222;Ich hatte das Gef\u00fchl, dass auch in mir ein b\u00f6ses Unbehagen lebt.&#8220;<\/p>\n<p>Stets hat Schlingensief sich ge\u00e4rgert, wenn man ihn als Clown, Selbstdarsteller oder Provokateur abtat. &#8222;Ich habe es ja immer ernst gemeint&#8220;, sagt er. All seine Arbeiten sind Autobiografien, die die Grenz\u00fcberschreitung brauchen und bewusst Dilettantismus verwenden. Die das theatralische Ereignis feiern wie ein Hochamt.<\/p>\n<p>Schlingensief glaubt, dass jeder Mensch das Leben sozial und kreativ gestalten kann. Ein besonderes Talent zum K\u00fcnstler sei daf\u00fcr nicht n\u00f6tig. Kunst soll nicht nach dem Au\u00dfergew\u00f6hnlichen streben, sondern nach dem Normalen. &#8222;Via Intolleranza II&#8220; wird auch so etwas sein. &#8222;Trommler und Bilder vom bezaubernden Afrika kommen bei mir nicht vor. Die Leute, die bei mir mitmachen, haben normale Berufe. Sie wissen nichts von Luigi Nono, aber alles von seinen Themen.&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensief interessiert, wie viel von der Nono-Oper \u00fcbrig bleibt, wenn man sie mit der komplexen afrikanischen Kultur konfrontiert. &#8222;Wir haben bei 40 Grad im Schatten gedreht. Da ich nur noch einen Lungenfl\u00fcgel habe, hat es bei mir wie wild gepumpt. Mein Blut ist dann wie dickfl\u00fcssiges Motor\u00f6l. Ich hab mich beim Drehen furchtbar \u00fcbergeben m\u00fcssen, konnte gar nicht mehr aufh\u00f6ren. Eine meiner Darstellerinnen wollte eigentlich nicht mehr mitspielen. Sie war sehr dick, sollte sich einen Berg hochschleppen und erz\u00e4hlen, dass sie aus Burkina kommt und f\u00fcr G\u00fcnter Grass schw\u00e4rmt. Nachdem sie mich beobachtet hatte, sagte sie: ,Er scheint es ernst zu meinen. Eigentlich ist er fertig, aber er macht weiter.&#8216; Von Aussteigen war nicht mehr die Rede.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Abhauen geht nicht&#8220;, sagt Christoph Schlingensief auch \u00fcber seine eigene Motivation. &#8222;In meinem Leben ist ja eine riesige Ungewissheit, deshalb brauche ich f\u00fcr meine Inszenierung so wenig Ungewissheit wie m\u00f6glich. Die Arbeit in Afrika ist ja auch ein Geschenk. Da passieren wirklich viele sch\u00f6ne Dinge.&#8220;<\/p>\n<p>Via Intolleranza II 23.-26.5., 20.00, Kampnagel (U Saarlandstra\u00dfe), Jarrestra\u00dfe 20, Karten 10,- bis 36,- unter T. 27 09 49 49<\/p>\n<p><em>Quelle: Hamburger Abendblatt vom 19.5.2010<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief zeigt seine Afrika-Produktion &#8222;Via Intolleranza II&#8220; mit Menschen aus Burkina Faso auf Kampnagel. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/559"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=559"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/559\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}