{"id":557,"date":"2010-05-18T17:03:21","date_gmt":"2010-05-18T15:03:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=557"},"modified":"2010-05-18T17:03:21","modified_gmt":"2010-05-18T15:03:21","slug":"der-europaer-versteht-gar-nichts-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=557","title":{"rendered":"DER EUROP\u00c4ER VERSTEHT GAR NICHTS (WELT)"},"content":{"rendered":"<div class=\"inhalt\" style=\"margin-top:20px; padding-bottom:10px;\"><strong>Christoph Schlingensief arbeitet sich mit seiner Br\u00fcsseler Nono-Bearbeitung &#8222;Via Intolleranza II&#8220; an unserem Afrika-Bild ab<\/strong><\/div>\n<p>VON HARALD REITER<\/p>\n<p>Zwei Lebensthemen hatte der Theatermacher Christoph Schlingensief in den vergangenen beiden Jahren. Seine Krebserkrankung. Und Afrika. In der N\u00e4he von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, entsteht gerade sein Operndorf-Projekt Remdoogo (Festsaal). Dort werden ein Theater, eine Schule und ein Krankenhaus gebaut, es wird Tanz- und Gesangsunterricht sowie die M\u00f6glichkeit geben, mit medialen Ausdrucksformen wie Fotographie und Film zu experimentieren. Der Clou dabei soll sein, dass die Bewohner von Remdoogo diese F\u00e4higkeiten weitgehend autark erlangen. Der Europ\u00e4er stellt lediglich die Mittel bereit. Schlingensief will damit weg vom Missionarischen, weg vom \u00fcblichen &#8222;wir zeigen denen, wie es geht&#8220;.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief reibt sich an Afrika. Vor allem reibt er sich am Verh\u00e4ltnis oder besser: Nichtverh\u00e4ltnis der Europ\u00e4er zu Afrika. Diese Reibung ist auch zentrales Thema seiner Neubearbeitung, Umarbeitung von Luigi Nonos Agitationsoper &#8222;Intolleranza 1960&#8220;, die jetzt in Br\u00fcssel uraufgef\u00fchrt wurde (und anschlie\u00dfend vom 23. bis zum 26. Mai im Hamburger Kampnagel, im Juni an der Bayerischen Staatsoper sowie im Rahmen der Wiener Festwochen zu sehen sein wird).<\/p>\n<p>Ebenso wie bei Nono ist Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220; ein flammendes Pl\u00e4doyer gegen Unterdr\u00fcckung und die Verletzung der Menschenw\u00fcrde. Ebenso wie Nono greift auch er auf Lyrik und philosophische Texte zur\u00fcck. Da enden allerdings die Gemeinsamkeiten. Luigi Nonos Musik kommt lediglich in einigen kurzen Passagen durch Benutzung eines transistorradioartigen Abspielger\u00e4tes oder durch Variationen einer auf der B\u00fchne agierenden experimentellen Jazzcombo zum Einsatz. Ansonsten ist traditionelle und folkloristische Musik aus Burkina Faso zu h\u00f6ren, lustvoll geh\u00e4ssige Popul\u00e4rzitate von &#8222;Oh When the Saints&#8220; bis &#8222;Hoch auf dem gelben Wagen&#8220; sowie House und einige Versatzst\u00fccke aus Wagner-Opern. Das Klangbild aus Musik und Toneffekten w\u00fcrde man in der Clubkultur als &#8222;fett&#8220; bezeichnen.<\/p>\n<p>Den visuellen Rahmen f\u00fcr &#8222;Via Intolleranza II&#8220; bilden Ausschnitte des italienischen Stummfilms &#8222;Inferno&#8220; von 1911, der den ersten Teil von Dantes G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die in ein expressives Pand\u00e4monium \u00fcbersetzte. Das B\u00fchnenbild besteht aus Sitzgelegenheiten, Tischen und einem Stehpult sowie aus mehreren Schauk\u00e4sten. Die B\u00fchne ist, der L\u00e4nge nach, durch Vorh\u00e4nge teilbar, auf die auch projiziert wird.<\/p>\n<p>So eklektisch die Musikauswahl anmuten mag, so klar werden die Themen durchgef\u00fchrt. Die Intoleranzen, gegen die Schlingensief zu Felde zieht, sind nicht mehr die offensichtlichen wie Rassismus oder territoriale Begehrlichkeiten. Es geht ihm um das, was, von uns Europ\u00e4ern oft unerkannt, in uns sitzengeblieben ist, also das Helfen von oben herab, der noch immer stillschweigend vorhandene Glaube an die Unf\u00e4higkeit der afrikanischen V\u00f6lker sowie an die \u00dcberlegenheit der &#8222;klassischen europ\u00e4ischen Gro\u00dfform&#8220;. Besonders erfreulich ist anzuh\u00f6ren wie schlecht dabei der Altruismus wegkommt. Die Psychologie des Feelgood-Helfens wird gnadenlos durch den Kakao gezogen.<\/p>\n<p>Potenziell betrifft dies Christoph Schlingensief und sein Remdoogo-Projekt selbstverst\u00e4ndlich selbst. In das k\u00f6nnten sich schlie\u00dflich solche Tendenzen einschleichen. Entsprechend handelt &#8222;Via Intolleranza II&#8220; auch autobiografisch von Christoph Schlingensief und seinem Umgang mit Afrika, in einem Rundumschlag werden seine beiden vergangenen Lebensjahre Teil der Handlung: Schlingensiefs Krebserkrankung, Schlingensief mit Henning Mankell in Kamerun, der Beginn der Arbeit in Burkina Faso, die chaotisch-verr\u00fcckte, unterfinanzierte Produktionsgeschichte, die das St\u00fcck durchlaufen hat. Sein Leiden, Afrikas Leiden, die teilweise unmenschlichen Entbehrungen, die die Theatertruppe auf sich nehmen musste, das alles wird eins und verarbeitet.<\/p>\n<p>Der afrikanische Teil der Besetzung von &#8222;Via Intolleranza II&#8220; wurde in Burkina Faso gecastet, darunter Theaterneulinge, aber auch einige bemerkenswerte Profik\u00fcnstler. Das Zusammenspiel zwischen europ\u00e4ischen und afrikanischen Darstellern beschriebenen Ma\u00dfgabe ist eindeutig noch &#8222;work in progress&#8220; und wird auch ohne Scheu so pr\u00e4sentiert. Da entstehen greifbare, manchmal gef\u00e4hrlich wirkende Spannungen, da gibt es Aggressionen, Durcheinander und Aneinander vorbeireden, wobei ein Teil des Reizes davon ausgeht, dass die Grenzen zwischen Chaos, Improvisation und bewusster Inszenierung flie\u00dfend sind und gekonnt verwischt werden.<\/p>\n<p>Vor dem Auge des Betrachters zieht eine zuweilen fast filmische Collage von allegorischen Bildern und Szenen vorbei, mal musikalisch untermalt, mal nicht. Die typischen Vorstellungen und Vorurteile, die uns Europ\u00e4ern hinsichtlich Afrikas und unseres Verh\u00e4ltnisses zu &#8222;denen&#8220; (haben wir eigentlich eines?) im Kopf herumschwirren, werden von Schlingensief teils lustvoll ironisiert, teils sehr provozierend an die Wand genagelt.<\/p>\n<p>Da gibt es Folklore, Gewalt gegen Frauen, da gibt es die dicke Mama, die zwischen Gebr\u00fcll und Gef\u00fchlsduselei hin und her oszilliert, die Afrikaner, die alles kaputtmachen und nichts begreifen, da gibt es st\u00e4ndig partyhafte Tanzausbr\u00fcche, exstatisches Jesus- und Hallelujah-Gebr\u00fcll. Und immer wieder afrikanische Protagonisten, die Dinge sagen, tun und k\u00f6nnen, die wir im Zuschauerraum und die Europ\u00e4er auf der B\u00fchne so nicht erwarten. Aber das ist unser Problem. Kerstin, die Berliner Theaterputzfrau zum Beispiel, versteht gar nichts und darf nie ausreden.<\/p>\n<p>Vieles davon wird doppelb\u00f6dig pr\u00e4sentiert, gut austariert, sodass man sich nie sicher sein kann, ob nun gerade Echtes und Ernstgemeintes oder ein Klischee vorgef\u00fchrt wird. Dieser Erz\u00e4hlstrang kulminiert im Tanzduell eines afrikanischen T\u00e4nzers mit einem franz\u00f6sischen, der sich auf die unangreifbare \u00dcberlegenheit seiner Kultur und Bildung beruft. Der Afrikaner tanzt hinterher, bis der Franzose ihn h\u00f6hnisch auffordert, &#8222;Hunger&#8220; zu tanzen. Alles am K\u00f6rper des T\u00e4nzers klappt auf, die Finger, die Arme, die Augen der Mund. Er sackt langsam nach hinten, wird zu dem Loch, das ihn auffrisst. Das Duett-Duell ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu sagen. Ein Theatermoment, der nachwirkt und auch am n\u00e4chsten Morgen noch G\u00e4nsehaut erzeugt.<\/p>\n<p>Der erfreulichste Aspekt von &#8222;Via Intolleranza II&#8220; abe ist, dass zwar durchaus mal deklamiert wird, die Vermittlung der Themen aber haupts\u00e4chlich mittels einer Reihe sehr schl\u00fcssiger Bilder und Assoziationsketten abl\u00e4uft, die erst im letzten Viertel ein wenig aus dem Ruder laufen und an Pr\u00e4zision verlieren. So ist das Ganze am Ende dann unterhaltsam, selbstironisch, w\u00fctend, wunderbar boshaft und manchmal \u00e4tzend komisch.<\/p>\n<p><em>Quelle: Die WELT vom 17. Mai 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief arbeitet sich mit seiner Br\u00fcsseler Nono-Bearbeitung &#8222;Via Intolleranza II&#8220; an unserem Afrika-Bild ab<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/557"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=557"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/557\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}