{"id":554,"date":"2010-05-16T22:56:40","date_gmt":"2010-05-16T20:56:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=554"},"modified":"2010-05-16T22:56:40","modified_gmt":"2010-05-16T20:56:40","slug":"schlingensiefs-afrika-corps-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=554","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS AFRIKA-CORPS (WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit Laiendarstellern aus Burkina Faso stellt der umstrittene Theatermacher sein Projekt &#8222;Via Intolleranza II&#8220; nach einer Oper von Luigi Nono auf Kampnagel vor<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ilja Stephan<\/em> <\/p>\n<p>Die Idee klang so verr\u00fcckt, dass man sie im ersten Moment f\u00fcr einen Scherz halten konnte: Ein Operndorf samt Festspielhaus mitten in einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder Afrikas wollte Theatermacher Christoph Schlingensief bauen. Am Ende seiner letzten Produktion &#8222;Mea culpa&#8220; stellte er ein entsprechendes Modell auf die B\u00fchne des Wiener Burgtheaters und lie\u00df sein Schauspieler-Alter-Ego verk\u00fcnden: &#8222;Die in Bayreuth werden vor Neid erblassen!&#8220;<\/p>\n<p>Der Wagner-Clan scheint es zwar noch gelassen zu nehmen, aber das Operndorf gibt es inzwischen tats\u00e4chlich. In der N\u00e4he von Ouagadougou, der Hauptstadt des dritt\u00e4rmsten Landes der Welt, Burkina Faso. Doch mit einem Gr\u00fcnen H\u00fcgel mitten in der Trockensavanne ist es f\u00fcr einen wie Schlingensief nicht getan. Als &#8222;materialisierte afrikanische Operndorf-Utopie&#8220; holt er nun im Gegenzug ein St\u00fcck Afrika auf die europ\u00e4ische Theaterb\u00fchne. Am 23. Mai hat seine neueste Produktion &#8222;Via Intolleranza II&#8220; auf Kampnagel Premiere.<\/p>\n<p>Die Gedanken in Schlingensiefs Kopf scheinen ebenso zahlreich zu sein und in ebenso viele Richtungen zu weisen, wie die Haare in des Meisters ungeb\u00e4ndigter M\u00e4hne. Wie genau Schlingensiefs Krebserkrankung, sein Operndorf und Luigi Nonos Polit-Oper &#8222;Intolleranza 1960&#8220; zusammenh\u00e4ngen und wie afrikanische Laienschauspieler und europ\u00e4ische Avantgarde zusammenkommen sollen, ist nur schrittweise nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Sein selbsttherapeutisches Opern- dorf-Projekt ging Schlingensief 2009 an, kaum dass er sich von den schwersten Folgen seiner Krebsoperation erholt hatte. Der in Berlin lebende, aus Burkina Faso stammende Architekt Francis Ker\u00e9 baut nun seit Anfang Februar an dem Ensemble aus Schulen f\u00fcr K\u00fcnstler, einer Krankenstation und einem Festspielhaus.<\/p>\n<p>Einschulungstermin f\u00fcr die ersten Jahrg\u00e4nge der Musik- und Filmklassen wird im Oktober sein, so Schlingensief. Dann sollen afrikanische Studenten frei von europ\u00e4ischen Vorgaben hier am eigenen Bild ihres Kontinents arbeiten. Denn: &#8222;95 Prozent der Filme und Fotos von Afrika werden von Wei\u00dfen produziert&#8220;, ist der Regisseur \u00fcberzeugt. &#8222;Das ist unsere Weltsicht auf diesen Kontinent. Nirgends ist das so krass wie in Afrika. Bei Afrika gestatten wir uns komischerweise zu glauben, wir k\u00f6nnten helfen und mitreden.&#8220;<\/p>\n<p>Genau das m\u00f6chte Schlingensief uns &#8222;Wei\u00dfnasen&#8220; mit den Mitteln seiner Inszenierung austreiben. Wie immer bei Schlingensief, scheint dabei jede Utopie schon mit ihrer eigenen Parodie zur Welt zu kommen. &#8222;Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in \u00c4onen untergehn&#8220;, zitierte der schwerkranke Theatermann bei der Grundsteinlegung seines Operndorfes den zweiten Teil von Goethes &#8222;Faust&#8220; &#8211; und das war bitterste Ironie, denn Faust spricht hier in heilloser Verblendung von der Vollendung gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Bauprojekte, w\u00e4hrend in Wirklichkeit sein eigenes Grab geschaufelt wird.<\/p>\n<p>Geradezu lustvoll absurd ist auch das begleitende &#8222;Forschungsprojekt&#8220;, mit dem Schlingensiefs Afrika-Corps nun nach Deutschland kommt: Seine Oper &#8222;Intolleranza&#8220; schrieb Luigi Nono im Jahr 1960, als er noch der ungebrochenen \u00dcberzeugung war, man k\u00f6nne die Sache der Revolution mit den Mitteln der Avantgarde vorantreiben. &#8222;Intolleranza&#8220; handelt von der Geschichte eines Bergarbeiters, der vor den Lebensbedingungen in seinem Dorf in die Stadt flieht, dort inhaftiert, gefoltert und ins KZ gesteckt wird. Er beschlie\u00dft darauf, sich dem Aufbau einer besseren Welt zu widmen. Doch der Arbeiter stirbt, bevor er seine Utopie umsetzen kann, in Sichtweite seines alten Dorfes.<\/p>\n<p>Einen Vorschlag, Nonos &#8222;Intolleranza&#8220; zu inszenieren, hat Christoph Schlingensief abgelehnt. Zu verstaubt scheint heute deren welt-verbesserischer Furor. Aber er verwendet die Oper nun als freie Vorlage f\u00fcr sein eigenes Afrika-St\u00fcck. Die Musik dazu collagiert Schlingensiefs Hauskomponist Arno Waschk aus Versatzst\u00fccken quer durch die Musikgeschichte. &#8222;Die Ausgangsfrage ist, wie man die inhaltlichen Vorg\u00e4nge von ,Intolleranza&#8216; auf heute und die Situation der Afrikaner \u00fcbertragen kann&#8220;, erkl\u00e4rt der junge Komponist. Landflucht vom Dorf in die Stadt ist schlie\u00dflich in Afrika ein gro\u00dfes Thema.<\/p>\n<p>Gemeinsam arbeiten also Schlingensiefs Theatertruppe und die Laiendarsteller, die er in Ouagadougou zusammengesucht hat, daran, das &#8222;Intolleranza&#8220;-Thema aus afrikanischer Perspektive neu zu beleuchten. Doch die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung erweist sich als ebenso schwierig wie der Kontakt zwischen Avantgarde und Proletariat. &#8222;Recht babylonisch&#8220; gehe es auf den Proben zu, sagt Waschk, ohne deshalb zu verzagen: &#8222;Wenn ein Afrikaner eine Opernarie zu singen hat, muss sich das aus seiner Art zu singen heraus entwickeln. Das klingt dann eben anders.&#8220;<\/p>\n<p>Deutlich kritischer klingt derselbe Sachverhalt aus dem Mund von Schlingensief: &#8222;Die Zusammenarbeit zwischen uns ist ein v\u00f6llig absurdes Unternehmen. Wir verstehen uns pr\u00e4chtig, haben Spa\u00df miteinander, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir auf kulturellem Gel\u00e4nde nichts miteinander zu tun. Wir k\u00f6nnen aber immer wieder voneinander lernen.&#8220;<\/p>\n<p>Und genau darum geht es dem Theatermann: &#8222;Das ist Bestandteil dieser Produktion: Das gegenseitige Anschauen und Stutzen: ,Was ist hier eigentlich los?'&#8220; Europ\u00e4er w\u00fcrden beim Thema Afrika noch allzu oft an &#8222;Kinder mit Hungerb\u00e4uchen und einer Fliege am Auge&#8220; denken. Doch Ouagadougou sei eine Stadt mit einer \u00e4u\u00dferst lebendigen Film- und Theaterszene, sagt Schlingensief. Die Menschen von dort repr\u00e4sentierten bewusst keinen Folklorestandard: &#8222;Wir haben eine B\u00fcroangestellte dabei, einen Ethnologen und eine 26-j\u00e4hrige Muslima, die gerade einen 62-j\u00e4hrigen atheistischen Franzosen geheiratet hat.&#8220;<\/p>\n<p>So f\u00e4llt am Schluss Christoph Schlingensiefs Res\u00fcmee zum Thema Weltverbesserung denkbar skeptisch aus. Das Ende seiner Oper &#8222;Via Intolleranza II&#8220; markiert ein kleiner Film. &#8222;Der zeigt mich auf der Flucht. Nichts wie weg hier. Keiner hilft keinem.&#8220; Ob das wirklich sein letztes Wort bleibt, sei ein-mal dahingestellt. Schlingensief-St\u00fccke werden grunds\u00e4tzlich erst am Abend ihrer Premiere fertig.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Via Intolleranza II&#8220; von Christoph Schlingensief, 23. bis 26. Mai auf Kampnagel, Karten unter Tel. 27 09 49 49<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: Die WELT vom 16. Mai 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Laiendarstellern aus Burkina Faso stellt der umstrittene Theatermacher sein Projekt &#8222;Via Intolleranza II&#8220; nach einer Oper von Luigi Nono auf Kampnagel vor<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/554"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=554"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}