{"id":55,"date":"2005-12-04T21:00:42","date_gmt":"2005-12-04T19:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=55"},"modified":"2005-12-04T21:00:42","modified_gmt":"2005-12-04T19:00:42","slug":"last-uns-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=55","title":{"rendered":"&#8222;La\u00dft uns machen!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Namibier Friedhelm von Seydlitz und seine Familie betreiben in dritter Generation die \u201eImmenhof Guest Farm\u201c, 50 km n\u00f6rdlich von Omaruru auf halber Strecke zwischen dem Etoscha National Park und Swakopmund an der K\u00fcste. Am Rande der Dreharbeiten, die von Seydlitz und Sohn Werner eine zeitlang begleiteten, sprach er mit Christoph Schlingensief \u00fcber die deutsche Vergangenheit, die afrikanische Zukunft und dar\u00fcber, da\u00df die Wei\u00dfen auf dem Schwarzen Kontinent nur ein Stamm unter vielen sind.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Schlingensief: W\u00e4hrend unserer Dreharbeiten haben wir von offizieller Seite viele Informationen \u00fcber die Entwicklungshilfe, speziell die deutsche Hilfe, erhalten. Wie steht es um die Entwicklungshilfe in Namibia und die Entwicklung der Bev\u00f6lkerung aus Deiner Sicht, aus der Sicht eines Menschen, der hier lebt?<\/p>\n<p>Von Seydlitz: Namibia ist ein freies Land mit wenigen Menschen. Das ist ein gro\u00dfer Vorteil. Aber wir haben eine neue Problematik. Die Geschichte hat uns dazu gebracht, da\u00df wir wei\u00dfe Menschen in dieses Land hereingekommen sind. Wir sind hier bunt zusammengew\u00fcrfelt aus mehreren St\u00e4mmen, ein Stamm davon sind wir Wei\u00dfen. In Zukunft wird es ein wirtschaftliches Problem sein, da\u00df der wei\u00dfe Stamm stark abnimmt, weil zu wenige Kinder geboren werden; und die schwarze Bev\u00f6lkerung, von welchem Stamm auch immer, wird noch gewaltiger abnehmen \u2013 durch Aids. Das ist ein Problem, da\u00df die Politik leider viel zu wenig anspricht. Aber es mu\u00df gel\u00f6st werden!<br \/>\nAnsonsten sehen wir eine sehr positive Entwicklung in Namibia. Es geht weiter! Der Unabh\u00e4ngigkeitsproze\u00df, der innerlich, in den K\u00f6pfen der Menschen, die hier leben, wirklich stattfindet, mu\u00df allerdings auch auf offizieller Ebene noch stattfinden. Es darf nicht noch einmal die Geschichte wiederholen, da\u00df der Europ\u00e4er hierherkommt, den Schwarzen dominieren will, weil er sich selbst als etwas besseres erachtet, so wie ehemals in Amerika, in S\u00fcdamerika oder in der gesamten Dritten Welt. Selbst wenn sie mit Liebe, mit vollem Einsatz hierherkamen, wenn sie sagten \u201eKomm, wir tun! Komm, wir machen!\u201c, hier in Afrika ging es ihnen immer ums Dominieren. Das ist meines Erachtens ungesund. Afrika m\u00f6chte sich heute selbst beweisen. Und ich denke, Afrika sollte dazu das Recht haben. Auch wir sind Afrikaner, auch ich. Ich bin hier geboren, dritte Generation. Ich bin Afrikaner! Ich h\u00f6re heute in Afrika einen Aufschrei: \u201eLa\u00dft uns machen! La\u00dft es uns beweisen!\u201c<\/p>\n<p>S: Wie so oft versickert auch in diesem Land die Entwicklungshilfe. Bei Entwicklungshilfe denke ich an Wasserl\u00f6cher, an Kinderg\u00e4rten etc. Was h\u00e4ltst du von der Entwicklungshilfe, die aus Deutschland kommt? Wie sollte Entwicklungshilfe deiner Meinung nach aussehen?<\/p>\n<p>Von Seydlitz: Entwicklungshilfe darf nie die Dominanz eines Stammes \u00fcber einen anderen sein. Entwicklungshilfe mu\u00df, wenn sie denn geleistet werden soll, von denjenigen angefragt werden, die sie auch erhalten. Es darf nicht so sein, da\u00df jemand kommt und sagt \u201eWir haben soviel Geld, das mu\u00df jetzt mal in Namibia untergebracht werden, damit die Leute da endlich auf unserem Standard leben\u201c. Dabei brauchen viele St\u00e4mme weder Wasserleitungen noch Schulen. Ich stelle heute die Frage: Warum soll z.B. ein Overhimba europ\u00e4isch entwickelt werden? Wozu? Wof\u00fcr? Wohin? Was soll er eines Tages tun? Der Himba ist heute der unabh\u00e4ngigste Mensch, der Himba-Stamm der unabh\u00e4ngigste Stamm der Welt. Er ist eine klasse Antwort auf die Frage: \u201eWozu und wohin Entwicklungshilfe?\u201c<\/p>\n<p>S: Da werden einige z.B. dagegen halten, die christliche Mission h\u00e4tte Gutes gebracht.<\/p>\n<p>Von Seydlitz: Ein schwarzer Prediger hat zu mir gesagt: \u201eEs ist etwas Sch\u00f6nes, ihr Wei\u00dfen habt uns die Frohe Botschaft Christi gebracht, das Evangelium. Damit konnten wir sehr gut klarkommen, denn wir haben schon immer mit unseren Ahnen gelebt, mit unseren Ahnen gesprochen. Ein Gottvater als Sch\u00f6pfer, Jesus Christus als sein Sohn und der Heilige Geist waren f\u00fcr uns schon immer etwas ganz Normales; da\u00df Jesus f\u00fcr uns gestorben ist und seine R\u00fcckkehr angek\u00fcndigt hat, ganz normal\u2026\u201c Und dann sagte er mir etwas sehr Interessantes: \u201eHeute m\u00fcssen wir euch missionieren, euch Wei\u00dfe!\u201c Das hat mir die Augen ge\u00f6ffnet. Auf der anderen Seite fragte er: \u201eWarum habt ihr uns eure Zivilisation aufgezwungen, eure Kultur, eure Lebensweise? Warum durften wir nicht bleiben, wie wir waren, frei, unabh\u00e4ngig, angepa\u00dft an das Leben in Afrika?\u201c<\/p>\n<p>S: Wenn ich hierherkomme und sage, wir machen jetzt den Gro\u00dfgrundbesitzer, gehen in das Township AREA7, f\u00fchren da eine Oper auf, bringen Kultur, tun was f\u00fcr euch, setzen uns aber nach drei Wochen wieder in den Flieger und sind wieder weg, auch die deutsche Entwicklungshilfeministerin landet nicht am Animatographen\u2026 Wie findest du das?<\/p>\n<p>Von Seydlitz: Deutsche Kultur und Entwicklungshilfeministerien, das ist alles Schnee von gestern. Wir haben keine Zeit mehr, \u00fcber Apartheid zu reden, \u00fcber Gro\u00dfgrundbesitzer. Das ist vorbei. Es ist unsere Geschichte, aber es ist vorbei. Heute sind wir in Namibia 15 Jahre unabh\u00e4ngig, der Schwarze ist seit 15 Jahren f\u00e4hig, eine Regierung zu f\u00fchren und unabh\u00e4ngig zu werden, langsam, aber es funktioniert. Wenn du diese alten Probleme wieder thematisierst, tust du unserem Land und seinen Menschen nichts Gutes. Frage nicht nach der Vergangenheit, frage statt dessen: \u201eWas ist mit heute, was tun wir heute, wo hat heute jeder Mensch seinen Platz?\u201c Meine gr\u00f6\u00dfte Sorge heute ist: Was d\u00fcrfen wir produzieren? D\u00fcrfen wir in dieser globalisierten Welt noch etwas anderes produzieren als Rohprodukte? D\u00fcrfen wir selbst etwas produzieren oder m\u00fcssen wir nur fertige Produkte zur\u00fcckkaufen? Wie sieht die neue Abh\u00e4ngigkeit oder Unabh\u00e4ngigkeit aus?<\/p>\n<p>S: Was k\u00f6nnen wir als K\u00fcnstler, die wir jetzt hier angereist sind, noch machen? Sollen wir uns lieber v\u00f6llig raushalten?<\/p>\n<p>Von Seydlitz: Stellt den schwarzen Menschen als tollen, erwachsenen, selbstst\u00e4ndigen Menschen dar! Er ist es! La\u00dft sie sich selbst beweisen! H\u00f6rt auf, sie zu dominieren! Zeigt, da\u00df  Afrika unabh\u00e4ngig ist und sein kann! Das w\u00e4re revolution\u00e4r, hier und auch bei Euch! H\u00f6rt auf, vom \u201earmen schwarzen Bruder\u201c zu reden! Wir m\u00fcssen uns innerlich umstellen wir m\u00fcssen sagen: \u201eJa, wir bewegen uns auf demselben Level.\u201c Der Schwarze hat F\u00e4higkeiten gehabt, die wir ihm mit unserer Dominanz genommen haben. Die einzigen Dominanzen, die wir wirklich hatten, waren Technik und Medizin. Und \u2013 war unsere Medizin gut?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Namibier Friedhelm von Seydlitz und seine Familie betreiben in dritter Generation die Immenhof Guest Farm, 50 km n\u00f6rdlich von Omaruru. 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