{"id":545,"date":"2010-05-03T23:27:28","date_gmt":"2010-05-03T21:27:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=545"},"modified":"2010-05-03T23:27:28","modified_gmt":"2010-05-03T21:27:28","slug":"zwischen-wagner-und-beuys-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=545","title":{"rendered":"ZWISCHEN WAGNER UND BEUYS (ART)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief wird auf Einladung der Kuratorin Susanne Gaensheimer den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2011 bespielen. Die Kombination von Ort und K\u00fcnstler ist vielversprechend.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/bogar_17275248_ar.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Biennale ART Magazine\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p><em>Von TILL BRIEGLEB<\/em><\/p>\n<p>Es gibt nicht viele K\u00fcnstler, die in einem linken Kreuzberger Hinterhofkino genauso zu Hause sind wie auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel in Bayreuth, die im Fernsehen moderieren k\u00f6nnen und trotzdem zur Documenta eingeladen werden. Man m\u00fcsste meinen, diese Person sei die lauwarme Konsensfigur der deutschen Harmoniekultur, aber genau das Gegenteil ist der Fall.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat seine Leben lang Kunst erdacht und erspielt, die Grenzen \u00fcberschritt. Grenzen des guten Geschmacks, des politischen Anstands, der Geduld seiner Zuschauer und der leichten Zustimmung. In seiner mittlerweile 30-j\u00e4hrigen Schaffenswut hat er &#8222;Hamlet&#8220; mit reuigen Neonazis inszeniert und mit dem Publikum seiner Auff\u00fchrung am Hamburger Schauspielhaus die Zentrale der Scientologen gest\u00fcrmt, Big Brother mit Asylbewerbern in Wien gespielt und mit seiner Partei Chance 2000 am Bundestagswahlkampf teilgenommen. Das ehrenwerte Wagner-Publikum in Bayreuth schockte er mit dem Video eines verwesenden Hasen, \u00fcberzeugte es aber dennoch durch seine intensive Auseinandersetzung mit dem Komponisten. Klare politische Beschimpfungen scheute er so wenig wie r\u00e4tselhafte Predigen \u00fcber das zitternde Weltall und zuletzt ein Bekenntnis zu Gott. Seit 2008, als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde, setzte er sich in ergreifenden theatralischen Gro\u00dfereignissen mit dem Sterben auseinander und verfolgt selbst von Chemotherapie und der Entfernung eines Lungenfl\u00fcgels geschw\u00e4cht seinen vielleicht ehrgeizigsten Plan, das &#8222;Festspielhaus f\u00fcr Afrika&#8220;, ein Projekt, das in Form eines Operndorfs in Burkina Faso im Februar tats\u00e4chlich begonnen wurde.<\/p>\n<p><strong>Ein strammdeutscher Kunsttempel<\/strong><\/p>\n<p>Auf Einladung der Kuratorin Susanne Gaensheimer soll Schlingensief, der bereits 2003 mit dem Projekt &#8222;Church of Fear&#8220; auf der Biennale in Venedig vertreten war, nun 2011 den deutschen Pavillon in Venedig bespielen. Und diese Kombination von Ort und K\u00fcnstler verspricht endlich wieder eine ad\u00e4quate Umwandlung des Geb\u00e4udes. Denn dieser strammdeutsche Kunsttempel mit seiner NS-Kraft-Architektur braucht starke zersetzende Gegenkr\u00e4fte, damit er ben\u00fctzt werden kann. Hans Haacke, der das national Symbolheischende des Geb\u00e4udes ins Absurde \u00fcbertrieb, oder Gregor Schneider, der ein schr\u00e4ges Mietshauslabyrinth hinter das matrialische S\u00e4ulenportal baute, haben diesen Kraftakt bew\u00e4ltigt, weil sie das Deutsche als Aufgabe ernst genommen haben \u2013 wie Schlingensief es sein Leben lang auch schon tut. Alle braven Ausstellungsversuche mit der Pr\u00e4sentation von deutscher Kunst sind dagegen eher gescheitert. Schlingensiefs grotesk \u00fcbertriebenen Karikaturen der deutschen Geschichte, von Adolf Hitler bis Gerhard Schr\u00f6der, die er in seinen Filmen in den Achtzigern und seinen Theaterprojekten an der Berliner Volksb\u00fchne in den Neunzigern bis ins total L\u00e4cherliche trieb, zeugen ebenso von seiner Besessenheit, sich mit Macht und Repr\u00e4sentation zu besch\u00e4ftigen, wie seine Wagner-Obsession oder das afrikanische Opernprojekt. Die Art, wie sich dabei Plakatives und Assoziatives in seinen aktions- und zeichen\u00fcberladenen Inszenierungen vermischt, hat ihm zwar immer auch den Vorwurf des Berufsprovokateurs wie des Dilettanten eingebracht. Die gro\u00dfe moralische Ernsthaftigkeit, aus der er seine Aktionen so weit trieb, entr\u00fcckten aber auch das gr\u00f6\u00dfte von ihm angerichtete Chaos vom Vorwurf der Beliebigkeit.<\/p>\n<p><strong>Performativen Gro\u00dfereignisse mit zwei S\u00e4ulenheiligen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht m\u00f6glich, die Menge und Vielfalt seiner Aktionen zu umrei\u00dfen, aber es gibt einige Konstaten in seinen Methoden. Schlingensief sucht immer nach neuralgischen Punkten der Gesellschaft, die sie mit Schweigen, Heuchelei und Marketing zu \u00fcberdecken versucht. Ob es sich um die hohle Inszenierung von Politkern handelt oder die zu pathetischen Formen der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, ob es den bigotten Umgang mit Behinderten betraf, die er seit Mitte der Neunziger in seinen Inszenierungen mitspielen l\u00e4sst, oder das merkw\u00fcrdige Missverh\u00e4ltnis zwischen inszeniertem Sterben in den Medien und der versch\u00e4mte Stille, die den wirklichen Tod umh\u00fcllt \u2013 Schlingensief macht immer Bereiche des Lebens \u00f6ffentlich, die sich zu verbergen versuchen. Ohne Didaktik, sondern mit den Mitteln der Irritation, der Assoziation, der \u00dcbertreibung und des Spektakels, verlangt er seinem Publikum stets eine starke Beteiligung ab. Seine performativen Gro\u00dfereignisse haben dabei zwei S\u00e4ulenheilige: Neben Richard Wagner ist das Joseph Beuys. Und schon diese widerspr\u00fcchlichen, nur in ihrem Absolutheitsanspruch verwandten Positionen machen offensichtlich, wie Christoph Schlingensief immer wieder extreme Spannungsverh\u00e4ltnisse sucht, um sich, seine Botschaften und seine Arbeit voranzutreiben. Dem deutschen Pavillon in Venedig kann das nur gut tun.<\/p>\n<p><em>Aus: www.art-magazin.de &#8211; 03 \/ 05 \/ 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief wird auf Einladung der Kuratorin Susanne Gaensheimer den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2011 bespielen. 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