{"id":538,"date":"2010-04-27T20:55:29","date_gmt":"2010-04-27T18:55:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=538"},"modified":"2010-04-27T20:55:29","modified_gmt":"2010-04-27T18:55:29","slug":"ich-will-europa-nicht-kopieren-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=538","title":{"rendered":"\u00bbICH WILL EUROPA NICHT KOPIEREN\u00ab (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p> <strong>Francis K\u00e9r\u00e9 \u00fcber das Operndorf f\u00fcr Afrika \u2013 und was es den Menschen neben der Kultur bringen soll<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/Francis_Kere_TU_Berlin_11_K_r_D_F_23_09_09__28_.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Francis K&Atilde;&copy;r&Atilde;&copy;\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p><strong>Tagesspiegel:<\/strong> Herr K\u00e9r\u00e9, zusammen mit dem K\u00fcnstler Christoph Schlingensief arbeiten Sie gegenw\u00e4rtig auf Hochtouren am Entstehen des Operndorfes f\u00fcr Afrika in Ihrer Heimat Burkina Faso. Schlingensief ist der Spiritus rector dieses Vorhabens. Sie sind der Architekt. Wie werden Sie Ihre Philosophie des nachhaltigen und angepassten Bauens im Operndorf umsetzen?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Dem Projekt liegt die Idee zugrunde, dass alles, was und wie wir etwas planen, entwerfen und bauen Modellcharakter haben soll f\u00fcr andere Ortschaften in Burkina Faso. Alle Geb\u00e4ude des Operndorfes werden Prototypen sein. Wir nutzen dabei technische Errungenschaften. Aber wir achten stets darauf, dass wir sie den \u00f6konomischen, sozialen und klimatischen Gegebenheiten des Landes und den Bed\u00fcrfnissen der Bev\u00f6lkerung in Burkina Faso anpassen, damit die moderne Technik ihren positiven Effekt f\u00fcr die Menschen entfaltet und sich nicht in ihr Gegenteil verkehrt. Mit dieser Herangehensweise hoffe ich, Impulse zu geben f\u00fcr einen Entwicklungsschub in einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt.<\/p>\n<p>Wie wird das praktisch aussehen?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Wir werden zum Beispiel vor allem lokale Baustoffe verwenden wie Lehm. Der ist vorhanden und kostet nicht viel. Aber er muss modifiziert werden, damit er den Anforderungen an ein modernes Geb\u00e4ude gerecht wird.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft modifizieren?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Indem man dem Lehm einen gewissen Teil Zement beimischt. Dadurch erh\u00f6ht sich nicht nur die Festigkeit, es wird auch verhindert, dass in die Geb\u00e4ude Termiten eindringen, die ein Lehmhaus regelrecht zerfressen. Lehm enth\u00e4lt nun einmal organische Bestandteile. Das Beif\u00fcgen von Zement verhindert aber auch, dass bei starkem Regen der Lehm abgewaschen wird und die H\u00e4user zerst\u00f6rt werden. Also, man nehme 92 Eimer Lehm und f\u00fcge acht Eimer Zement hinzu.<\/p>\n<p>Ein Kochrezept f\u00fcr den Hausbau &#8230;<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Ja, die Menschen in meiner Heimat m\u00fcssen sehen, wie etwas funktionieren kann. Vergessen Sie nicht, dass es in Burkina Faso keine Ingenieurskunst gibt und auch keine Wissenschaft davon.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde zu Ihrer Theorie vom nachhaltigen und angepassten Bauen gern noch mehr Praktisches h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Ich achte von Beginn an darauf, dass die Geb\u00e4ude so beschaffen sind, dass sie sp\u00e4ter ohne gro\u00dfen technischen und finanziellen Aufwand von den dort lebenden Menschen gewartet werden k\u00f6nnen. Nehmen wir das Problem der Klimatisierung: Die H\u00e4user werden so gebaut, dass sie sich selbst klimatisieren \u2013 nur mit Sonne und Wind. Wir verzichten auf aufw\u00e4ndige technische und Energie verbrauchende Anlagen.<\/p>\n<p>Und wie wollen Sie das schaffen?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Die Sonne wird die D\u00e4cher erhitzen. Dadurch entsteht ein Kreislauf innerhalb der geschlossenen R\u00e4ume. Die Luft zirkuliert: Hei\u00dfe Luft steigt nach oben, wo sie durch \u00d6ffnungen entweichen kann, und frische Luft str\u00f6mt von unten nach.<\/p>\n<p>Welches Problem und dessen L\u00f6sung liegt Ihnen besonders am Herzen?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Ganz wichtig ist mir zum Beispiel das Abwasserproblem. In Burkina Faso gibt es keine richtige Kanalisation. Wir \u00fcberlegen, wie wir die Kl\u00e4ranlagen so konzipieren und bauen, damit sie auf jeden Ort im Land \u00fcbertragbar sind. Wir brauchen ein Kl\u00e4rsystem, das sehr pflegeleicht ist, und wir wollen es selbst entwickeln. Eine Herausforderung besteht unter anderem darin, dass die Kl\u00e4ranlagen keine Ansiedlung f\u00fcr Moskitos werden d\u00fcrfen. Sonst besteht die Gefahr, dass von dort aus Krankheiten wie Malaria verbreitet werden.<\/p>\n<p>Warum betonen Sie das Selbstentwickeln so stark?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Wenn wir alles wieder nur den Europ\u00e4ern \u00fcberlassen, geht f\u00fcr uns Wissen verloren, denn mit dem Ende des Projektes kehren sie nach Europa zur\u00fcck. Unter nachhaltigem Bauen verstehe ich eben auch, die lokalen Kr\u00e4fte und wenn Sie wollen, die Menschen in ganz Burkina Faso zu aktivieren, damit das Wissen, das wir bei diesem Projekt sammeln, im Land bleibt und nicht abwandert.<\/p>\n<p>Wie partizipiert die einheimische Bev\u00f6lkerung schon jetzt an dem Operndorf?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Etwa 50 Arbeiter aus den umliegenden D\u00f6rfern sind derzeit auf der Baustelle besch\u00e4ftigt. Auch der Bauleiter kommt aus der Region.<\/p>\n<p>Die Energieversorgung d\u00fcrfte kaum problematisch sein \u2013 an Sonne ist kein Mangel in Afrika.<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Ja, ja, so denkt der Europ\u00e4er: viel Sonne, viel Solarenergie. Aber Solarzellen sind Hightech. Wo sollen sie denn herkommen? In Europa, Asien oder Amerika Container mit Solarzellen zu bepacken und nach Burkina Faso zu schicken \u2013 das ist f\u00fcr mich das Gegenteil von nachhaltigem und angepasstem Bauen. Erstens ist das viel zu teuer und zweitens bringt das keinen einzigen Arbeitsplatz. Wenn Solarenergie, dann m\u00fcssen wir Hersteller finden, die die Solarzellen in Afrika produzieren zu \u00f6konomisch vertretbaren Bedingungen. Noch einmal: Mein Weg ist es eben nicht, fertige Technologien und Produkte aus dem Westen einfach zu importiern, sondern L\u00f6sungen neu zu entwickeln. Nach der richtigen Energiequelle suchen wir noch.<\/p>\n<p>Gibt es noch mehr Architekten in Afrika, die so denken wie Sie?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Viele meiner Berufskollegen haben ihre Ausbildung in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern erhalten und sagen, sie h\u00e4tten nicht Architektur studiert, um H\u00e4user aus Lehm zu bauen. Das ist f\u00fcr viele keine Architektur und gilt ihnen als r\u00fcckst\u00e4ndig. Mein Wunsch w\u00e4re, dass dieses Projekt mit dazu beitr\u00e4gt, sich von dem gedankenlosen Kopieren westlichen Bauens zu verabschieden. Leider ist es in Afrika nach wie vor modern, so zu bauen wie in Europa. Aber weder haben die Leute die Mittel daf\u00fcr und kennen die geschichtlichen Hintergr\u00fcnde, noch werden die v\u00f6llig anderen klimatischen Verh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Bei so viel fataler Europagl\u00e4ubigkeit kommt doch die europ\u00e4ische Auszeichnung f\u00fcr Ihre nachhaltige Architektur wie gerufen. Der Preis w\u00fcrdigt Ihre Art zu bauen und setzt ein anderes Zeichen.<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Nun, was soll ich dazu sagen. Es wird trotzdem noch sehr lange dauern bis sich ein anderes Denken beginnt durchzusetzen.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Sybille Nitsche.<\/p>\n<p>Quelle: Der Tagesspiegel vom 28.04.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Architekt Francis K\u00e9r\u00e9 \u00fcber das Operndorf f\u00fcr Afrika \u2013 und was es den Menschen neben der Kultur bringen soll<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/538"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=538"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/538\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=538"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=538"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=538"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}