{"id":53,"date":"2005-12-01T11:11:15","date_gmt":"2005-12-01T09:11:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=53"},"modified":"2005-12-01T11:11:15","modified_gmt":"2005-12-01T09:11:15","slug":"keine-trauerparty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=53","title":{"rendered":"&#8222;Keine Trauerparty&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Stiftung Mozarteum hat Christoph Schlingensief eingeladen, um zum Auftakt ihrer in diesem Jahr erstmals durchgef\u00fchrten &#8222;Dialoge&#8220;-Reihe (im Mozarteum) \u00fcber &#8222;Kunst Kraft Religion&#8220; zu sprechen. Mit den Salzburger Nachrichten sprach Schlingensief ausgiebig \u00fcber seine Zeit als Me\u00dfdiener, verlorene Bilder, den Verrat an der Oper und den Gemischtwarenladen Salzburg.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Salzburger Nachrichten, 01.12.2005.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p><em>Berhard Flieher (SN): Die Punkrock-Ikone Patti Smith, mit der Sie k\u00fcrzlich in Namibia gearbeitet haben, sang auf  ihrem ersten Album \u201eHorses\u201c 1975 die Zeile: \u201eJesus died for somebody\u2019s sins but not for mine.\u201c Gilt das auch f\u00fcr Sie?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Jesus war f\u00fcr mich immer eine angreifbare Pers\u00f6nlichkeit. Ich hab ihn als Schw\u00e4chling begriffen, der hilflos am Kreuz h\u00e4ngt und jammert, da\u00df er verlassen worden ist. Ich meine: Er ist Gottes Sohn! Er br\u00e4uchte ihn doch nur anzurufen und Papa w\u00fcrde ihm schon helfen. Das aber ist die Schizophrenie bei Jesus und \u00fcberhaupt beim Gottesbegriff, da\u00df immer die Rede von Allm\u00e4chtigkeit ist. Ich f\u00e4nde es sinnvoller, wenn die Kirche hinginge und sagte, die Schw\u00e4che Gottes ist seine St\u00e4rke, weil er ja aus mir gemacht wurde. Gott ist allm\u00e4chtig? Gott kann nicht sterben! Ich aber kann sterben. Deshalb braucht Gott mich!<\/p>\n<p><em>&#8230;und wir sind laut christlicher Theologie bekannterma\u00dfen voller S\u00fcnden, die ja auch Mittel sind Angst zu erzeugen und sie durch den Glauben wieder zu nehmen. Angst veranla\u00dfte Sie einst sogar eine eigene Kirche zu gr\u00fcnden, die Church of Fear.<\/em><\/p>\n<p>Die Church of Fear wurde von neun Leuten gegr\u00fcndet, nicht von mir alleine. Als wir die Kirche am 20. M\u00e4rz 2003 ins Leben riefen, stellte sich die Gr\u00fcndung binnen k\u00fcrzester Zeit als genau der richtige Schritt heraus, denn anderthalb Stunden sp\u00e4ter ging der Einmarsch der US-Truppen im Irak \u00fcber die Sender. Bush hatte seinen Gotteskrieg er\u00f6ffnet. Unsere Angst ger\u00e4t immer an M\u00e4chtige und Institutionen, die diese Angst nehmen, um vermeintlich Gutes zu tun, damit die Angst vergeht. Aber meine Angst geh\u00f6rt mir. Das ist ein zentraler Satz der Church of Fear. Es gibt ein Grundrecht auf Angst, ein Recht, seine Angst zu behalten, denn sie ist eine produktive Kraft. Angst empfinde ich schon lange, bevor mir irgend jemand diese Angst \u00fcberhaupt beigebracht hat, oder ich ihre Mechanismen lernen konnte. Das ist meine Form von Autonomie, die man untrennbar mit dem Angstbegriff verbinden sollte. Das geht aber nicht mehr, weil Angst permanent funktionalisiert wird.<\/p>\n<p><em>Sie waren einst flei\u00dfiger Kirchgeher. Wie bestimmt oder bestimmte denn Religion Ihr Leben?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich war Kirchg\u00e4nger mit allem was dazugeh\u00f6rt: Me\u00dfdiener, Lektor, Kirchenchor \u2013 teilweise passierte das zwanghaft, teilweise aus \u00dcberzeugung. Mittlerweile habe ich mich aus dem Kirchenraum verabschiedet, zahle aber Kirchensteuer. Ich g\u00f6nne diese doch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gottlose Einrichtung auch jedem Menschen, wenn er sich keine eigene Kirche leisten kann. Und ich kann auch nicht ausschlie\u00dfen, dass ich das selbst wieder mal brauche. Das ist mein Glaube an die Transformation Gottes oder besser gesagt, die Abschaffung der Zentralperspektive innerhalb meines Glaubens.<\/p>\n<p><em>\u00dcber den Begriff Religion sind wir jetzt schnell bei \u201eder Kirche\u201c gelandet\u201c&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Verlorene Bilder sind die Grundvoraussetzung f\u00fcr Glauben, sprich Religion. Das ist der Gedanke einer \u201egrenzenlosen\u201c Kirche. Verlorene Bilder, das nicht Greifbare, all diese Ungewi\u00dfheit erzeugt Religion und Glaube. Und genau die kann ich f\u00fcr mich nutzen. Das ist mein Entwicklungslabor. Da zeigen sich Bilder in Doppel\u2013 und Mehrfachbelichtung. Was meinen sie wohl was im Tabernakel los ist, wenn der Deckel zugeht? <\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielen solche Bilder \u2013 oder die Suche nach Ihnen \u2013  in Ihrer Arbeit?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe da eine Eigenart, einen Gendefekt: Bilder \u2013 etwa in der Oper \u2013 begreife ich immer in der Totalen und nicht als Bilder \u201ezur\u201c Musik! Es f\u00e4llt mir \u00e4u\u00dferst schwer, nur ein Element herauszugreifen und das als Beleg f\u00fcr das Ganze zu nehmen. So entsteht bei mir ein Flu\u00df, der genau wie in der Musik Richard Wagners das einzelne Motiv auf die gleiche Ebene wie das gesamte Musikst\u00fcck stellt. Nur in diesem Flu\u00df aus K\u00e4lte\u2013 und W\u00e4rmebildern stellen sich metaphysische Momente ein, die keinen Sinn im Sinne von \u201esinnvoll\u201c ergeben m\u00fcssen. Oder wie Luhmann sagt: \u201cDie Einf\u00fchrung der Figur des Beobachters ist eine Revolutionierung der musikalischen Metaphysik, aber nur wenn man dabei an das denkt, was \u00fcber die Physik hinausgeht\u201c. Ich gestalte ein sinnliches Bildererlebnis und keines, bei dem es darum geht, definitiv verstanden werden zu m\u00fcssen oder gar Heil anzubieten.<\/p>\n<p><em>Diese Suche nach Bildern treibt Sie neuerdings weit hinaus \u2013 zuletzt bis Namibia. Nicht einmal zum Wahlkampf in Deutschland haben Sie Stellung bezogen.<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Im Gegensatz zum v\u00f6llig verstummten Kulturbetrieb habe ich meine Meinung gesagt. Wenn man in Deutschland allerdings auf die Suche geht, wird das ohnehin gleich als Bel\u00e4stigung empfunden. Ich empfinde Deutschland im Moment als sehr langweilig. Durch den \u201eParsifal\u201c in Bayreuth haben sich mir einige T\u00fcren ins Ausland ge\u00f6ffnet. Dort tanke ich auf und wenn ich viel Gl\u00fcck habe, komme ich mit einem Koffer voller Insekten zur\u00fcck. Die interessieren zwar in Deutschland keinen, ich aber habe ich es mit ihrer Hilfe geschafft, eine eigene Systematik zu erzeugen und mich weiterzuentwickeln, mein pers\u00f6nlicher Schmetterlingseffekt.<\/p>\n<p><em>Bei Ihrem Auftritt im Mozarteum werden Sie von ihren Projekten \u201enur\u201c erz\u00e4hlen. Warum tauchten Sie bisher noch nie mit einem Projekt auf der B\u00fchne in Salzburg auf?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Im Gro\u00dfen und Ganzen gibt es in Salzburg keine Chance f\u00fcr mich, etwas zu machen. Da sind Leute geparkt, die einer gewissen Lobby h\u00f6rig sind. Um der in Salzburg sicher noch g\u00e4ngigen Voreingenommenheit gerecht zu werden, da\u00df ich ein Provokateur sei, w\u00fcrde ich sagen, da\u00df das, was in Salzburg als Provokation gilt, ein lauer Scherz ist. Die Oper, an der mir wahnsinnig viel liegt, ist nicht nur in Salzburg zu 80 Prozent verraten und verkauft. Da ist jede Aufrichtigkeit abhanden gekommen. Es geht nur noch darum, sich in einem Selbstbeweihr\u00e4ucherungszustand zu befriedigen. Die Festspiele sind \u2013 wie zum Beispiel auch die Ruhrtriennale \u2013 ein Gemischtwarenladen, mit immer denselben Namen, den immer gleichen Seilschaften und Kulturmanagern, denen das Geld aus den Ohren kommt. An einem wirklichen k\u00fcnstlerischen Fortschritt ist hier keiner interessiert. Ich k\u00f6nnte hier eine handwerklich gute Arbeit abliefern, aber das Arbeiten liefe halt anstrengender ab als die routinierten und einbetonierten Opernpakete, die man sehr oft sieht. Und was die Unterstellung betrifft, ich w\u00fcrde alles auf den Kopf stellen \u2013 da kann ich auf Bayreuth verweisen. Jetzt sind wir schon bald im dritten Jahr, und das vierte wird auch noch kommen. Die St\u00f6renfriede haben sich zur\u00fcckgezogen. Jetzt qu\u00e4len sie andere. <\/p>\n<p><em>Sie reden jetzt von den Festspielen. Aber Sie k\u00f6nnten doch \u2013 etwa im bald anbrechenden Mozartjubeljahr \u2013 auch selbst was auf die Beine stellen.<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich halte gar nichts von Gedenkfeiern! Gerade Mozart kommt einem ja sowieso irgendwann entgegen, daf\u00fcr brauche ich keine Trauerparty. Ich habe auch keinen Totenkalender um nachzusehen, wer n\u00e4chstes Jahr stirbt und ob der Tote im Ged\u00e4chtniskalender vorgesehen ist. Ich gehe auf den Friedhof, wann ich will. An diesen lukrativen Totenfesten findet keine Transformation statt, Transformation ist aber ein Hauptmotiv f\u00fcr mich. Ob nun Schiller in Deutschland oder Mozart hier \u2013 es wird nur ein Sargnagel mehr rein geklopft und die Geldmaschine l\u00e4uft auf Hochtouren. Ich bin mir andererseits aber auch bewu\u00dft, da\u00df ich mich zu solchen Fragen nur deshalb so laut \u00e4u\u00dfern kann, weil ich momentan selbst in diesem Ged\u00e4chtniskalender gef\u00fchrt werde. Ich habe das Gl\u00fcck, da\u00df ich jetzt im Ausland Arbeiten machen kann, die sich durch die Arbeit in Bayreuth er\u00f6ffnet haben. Ich komme aber auch gerne nach Salzburg zur\u00fcck, wenn ich Rentner bin, so wie die andern. Dann mache ich den \u00fcblichen, sattsamen Schei\u00df und kriege trotzdem mein Geld daf\u00fcr \u2013 und das nennt sich dann Bedeutung. Noch bin ich nicht so weit. Noch will ich was erleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stiftung Mozarteum hat Christoph Schlingensief eingeladen, um zum Auftakt ihrer in diesem Jahr erstmals durchgef\u00fchrten &#8222;Dialoge&#8220;-Reihe (im Mozarteum) \u00fcber &#8222;Kunst Kraft Religion&#8220; zu sprechen. 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