{"id":517,"date":"2010-03-04T22:44:30","date_gmt":"2010-03-04T20:44:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=517"},"modified":"2010-03-04T22:44:30","modified_gmt":"2010-03-04T20:44:30","slug":"schwer-krank-und-reich-an-planen-waz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=517","title":{"rendered":"DAS LEBENDE VERM\u00c4CHTNIS (NRZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit Christoph Schlingensief seine Krebskrankheit \u00f6ffentlich gemacht hat, scheint er fast durchsichtig. Den Bilderberserker von damals erlebt man nun nachdenklich und entwaffnend offen. Das Operndorf in Burkina Faso ist seine Mission.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/0273_543_27048346_033_543x199.jpg\" width=\"450\" height=\"164\" alt=\"K&Atilde;&curren;utner-Preis Verleihung, D&Atilde;&frac14;sseldorf\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Eine Stunde mit Christoph Schlingensief kann einem wie Minuten vorkommen. Pl\u00f6tzlich hat man ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie viel oder wie wenig Zeit das sein kann. Was es alles noch zu besprechen gibt, zu planen, zu erinnern vor dem Sterben.<\/p>\n<p>Und Schlingensief, der Opern-Regisseur, Filmemacher, Aktionsk\u00fcnstler und einstiges enfant terrible, redet viel, z\u00fcgig, ohne Umschweife. \u00dcber die filmverr\u00fcckte Jugend in Oberhausen, \u00fcber Film-Seminare in D\u00fcsseldorf, wo er vor Jahren mal den \u201ezuk\u00fcnftigen\u201c Oscar-Preistr\u00e4ger Christoph Waltz inszeniert hat, \u00fcber seine ersten Super-8-Filme nach Groschenroman-Vorlage. Auch \u00fcber den K\u00e4utner-Preis, den er jetzt in D\u00fcsseldorf bekommen hat und \u00fcber die damit verbundene Aufmerksamkeit und F\u00fcrsorge, \u201edie ich gerade gut gebrauchen kann, weil es mir nicht sehr gut geht\u201d.<\/p>\n<p><strong>Leise, nachdenklich, entwaffnend offen<\/strong><\/p>\n<p>Seit der 49-J\u00e4hrige seine Krebskrankheit \u00f6ffentlich gemacht hat, sitzt da ein Mensch, der fast durchsichtig scheint, nicht nur, weil er so d\u00fcnn geworden ist. Einer, der scheinbar kein Problem mit dem gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Interesse, dem Mitgef\u00fchl, vielleicht sogar dem Mitleid hat. Den Bilderberserker von damals, der mit dem \u201eKettens\u00e4genmassaker\u201d erschreckte, erlebt man nun leise, nachdenklich, entwaffnend offen.<\/p>\n<p>Die Haare, sie wuchern wieder in typischer Schlingensief-Strubbeligkeit. Aber schmal sieht er aus in seinem dunklen Nadelstreifenanzug, trotz leichter Br\u00e4une um die Nase. Die Farbe seines Lebens, die bekommt Schlingensief derzeit aus Burkina Faso. <\/p>\n<p>Dort entsteht das Festspielhaus f\u00fcr Afrika, sein gr\u00f6\u00dftes Zukunftsprojekt, sein wichtigster Nachlass vielleicht. Dass ihm D\u00fcsseldorfs OB Elbers die Rheinoper zur Er\u00f6ffnung nach Afrika entsenden will, ist gewiss nett gemeint, aber nicht im Sinne Schlingensiefs. Er will kein Bayreuth f\u00fcr Burkina, keinen Wagner f\u00fcr die Wildnis, \u201edas w\u00e4re das allerletzte\u201d. Doch die Bezeichnung Oper, wei\u00df er heute, habe anfangs falsche Assoziationen ausgel\u00f6st: \u201eDa fielen dann Begriffe wie Kinski, Fitzcarraldo. Gr\u00f6\u00dfenwahn. \u201eWas plant der Irre jetzt?\u201c, haben die Leute gefragt, \u201eKultur-Kolonialismus?\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/530_530_D_sseldorfer_Helmut_K_utner_Preis_0_198x148.jpg\" width=\"450\" height=\"336\" alt=\"K&Atilde;&curren;utner-Preis Verleihung, D&Atilde;&frac14;sseldorf\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Doch wenn Schlingensief an Oper denkt, dann hat er das griechische \u201eEpidauros\u201d im Kopf. Heilung durch Musik. Er, der Sterbenskranke, will Besserung bringen. Mit einer Krankenstation, aber auch mit einer Musikschule, Filmklasse und Mini-Kinos, in denen 500 Kinder ihrer Familie Eigenes vorf\u00fchren sollen. \u201eSo hab ich ja auch angefangen, mit Vaters Super-8-Kamera.\u201d<\/p>\n<p>Zwei Millionen Euro will er sammeln, um das Projekt zu starten. Rund 1,3 Millionen sind schon da. Dirigent Daniel Barenboim schickt Geld und Material, Henning Mankell und Herbert Gr\u00f6nemeyer haben je 100 000 Euro gespendet. Auch Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hat \u00fcberwiesen, sechsstellig. Die beste Nachricht aber ist: \u201eWir haben Wasser gefunden\u201d. Schlingensief strahlt.<\/p>\n<p>Das Operndorf ist seine Mission, \u201evon Afrika lernen\u201d, ist Schlingensiefs Motto. Ein Thema, das er auch bei der n\u00e4chsten Ruhrtriennale in M\u00fclheim durchspielen will. \u201eErsticken in Hilfe\u201d hei\u00dft das Projekt mit Theaterstars wie Irm Hermann und Corinna Harfouch.<\/p>\n<p>An Projekten mangelt es nicht, trotz Krankheit. Im Herbst inszeniert Schlingensief an Berlins Staatsoper. Auch f\u00fcrs Kino hat er Pl\u00e4ne. \u201eMein Traumprojekt hei\u00dft ,Beuys, der Film\u2019. Am liebsten mit Oskar Roehler!\u201d<\/p>\n<p>Dann ist die Stunde fast vorbei. Schlingensief l\u00e4uft zur T\u00fcr, um schnell noch seine Patentante zu verabschieden. Alles festhalten, nichts selbstverst\u00e4ndlich nehmen, das ist Schlingensiefs neue Maxime. \u201eManchmal\u201d, erz\u00e4hlt er, k\u00f6nne er sich sogar auf etwas \u201esehr Gro\u00dfes, Gewaltiges\u201d freuen. \u201eWo man ein Elektron ist. Gott ist schon weitergezogen, der forscht woanders.\u201d Das klingt fast schon wieder wie ein Schlingensief-Film. Oder doch nach einem Mann, der mit dem Kunstst\u00fcck Leben noch lange nicht fertig ist.<\/p>\n<p><em>Neue Rhein Zeitung, B\u00fchne, 03.03.2010, Martina Sch\u00fcrmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Christoph Schlingensief seine Krebskrankheit \u00f6ffentlich gemacht hat, scheint er fast durchsichtig. Den Bilderberserker von damals erlebt man nun nachdenklich und entwaffnend offen. Das Operndorf in Burkina Faso ist seine Mission.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/517"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/517\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}