{"id":506,"date":"2010-02-16T15:50:30","date_gmt":"2010-02-16T13:50:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=506"},"modified":"2010-02-16T15:50:30","modified_gmt":"2010-02-16T13:50:30","slug":"das-unsichtbare-und-das-gesammelte-planet-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=506","title":{"rendered":"DAS UNSICHTBARE UND DAS GESAMMELTE (PLANET INTERVIEW)"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal bet\u00e4tigt sich ein Filmfestival als gro\u00dfer Schnittmeister. Es koppelt Programmpunkte scheinbar wahllos aneinander, die aber schlie\u00dflich einen eigenen Sinn ergeben, einen wunderbaren Fluss von Eindr\u00fccken. Sie stehen dann f\u00fcr sich, treten aber gleichzeitig miteinander in Beziehung und lassen, wie es bei gelungenen Filmen oft der Fall ist, den Schnitt unsichtbar werden. So spannen Bilder von Martin Scorseses gottverlassenem \u201eShutter Island\u201c einen verbl\u00fcffenden Bogen zu \u201eL&#8217;Inferno\u201c von Giuseppe De Liguoro aus dem Jahr 1911: bei Scorsese passiert man irre Gef\u00e4ngnisinsassen, Rattenhorden verwandeln die K\u00fcste in ein wimmelndes Chaos. In der Stummfilm-Hommage an Dantes \u201eInferno\u201c gibt es wuselige Tableaux Vivants voller Teufel und D\u00e4monen. Einmal l\u00e4sst De Liguoro im herrlich ruckelnden Stop-Motion-Verfahren ein Krokodil auf einen zur H\u00f6lle verdammten Menschen krabbeln. Die beiden verschmelzen zu einem gemusterten Mischwesen. Es sieht verd\u00e4chtig nach James Camerons \u201eAvatar\u201c aus. Ob da ein neuer Urheberrechtsstreit ansteht? <\/p>\n<p>Alles Quatsch! w\u00fcrde Christoph Schlingensief sagen und das sagt er auch, als er sich vor seiner kommentierten Pr\u00e4sentation von \u201eL&#8217;Inferno\u201c auf der B\u00fchne des Theaters HAU 1 warm redet.  Allerdings geht es ihm da nicht um James Cameron, vielmehr ergreift der fr\u00fchere Stammregisseur der Berliner Volksb\u00fchne Partei f\u00fcr die zur Zeit durch die Pressemangel genommene Helene Hegemann, die als Tochter des fr\u00fcheren Volksb\u00fchnen-Dramaturgen Carl Hegemann ja quasi zur Familie geh\u00f6rt. Er mache auch nichts anderes, als das, was man Hegemann gerade vorwerfe, ruft Schlingensief: \u201eIch oute mich als jemand, der alles sammelt, was er kriegen kann.\u201c Kritik \u00fcbt er nur inhaltlich, an einem Satz der Nachwuchsautorin: \u201eIch bin auch nur Gast in meinem K\u00f6rper! Wer sowas sagt, hat &#8217;nen Knall!\u201c Aber mit 17, f\u00fcgt er verteidigend hinzu, d\u00fcrfe man das sagen. \u201eDa muss man sich eben noch richtig auskotzen.\u201c<\/p>\n<p>Der arbeitsw\u00fctige Regisseur, Autor und Aktionsk\u00fcnstler, der seit seiner schweren Krebserkrankung auch als Botschafter eines neuen, komplexbefreiten Umgangs mit der Sterblichkeit unterwegs ist, st\u00f6\u00dft in einem Rederausch gef\u00fchlt mehr Worte pro Sekunde aus, als eine Filmkamera aufnehmen k\u00f6nnte. \u201eIch komme nirgendwo mehr hin, ohne von meinem Lieblingsprojekt zu erz\u00e4hlen\u201c r\u00fchrt er die Spendentrommel f\u00fcr sein \u201eOperations-und Opern-Projekt\u201c in Burkina Faso. \u00dcber das Thema Hegemann assoziiert er sich dann noch zum Berlinale-Wettbewerbsbeitrag seines alten Weggef\u00e4hrten Oskar Roehler: \u201eWenn sein \u201eJud S\u00fc\u00df \u2013 Film ohne Gewissen\u201c so lustig ist, wie \u201eOpfergang\u201c oder \u201eMutters Maske\u201c von Veit Harlan hat er den Goldenen B\u00e4ren verdient!\u201c <\/p>\n<p>Der eigentliche Programmpunkt dieses Freude machenden, ungest\u00fcmen Abends in der Berlinale-Reihe Forum Expanded Screen wird dann zum halb improvisierten Experiment. DJ Schlingensief projektiert \u201eL&#8217;Inferno\u201c per Videobeam an die Leinwand (siehe Foto), synchronisiert ihn mit dem wunderbaren Song \u201eAn meinem Fenster wachsen Blumen\u201c der Essener Band Festland, zusammen gesammeltem Audio-Material, zum Beispiel aus \u201eApokalypse Now\u201c und mit Fachvortr\u00e4gen \u00fcber Geisteskrankheiten. Auch Szenen anderer Filme blendet er bisweilen ein, so dass gegen Ende kein geringerer als Max von Sydow in seiner Priester-Rolle aus \u201eDer Exorzist\u201c \u00fcber \u201eL&#8217;Inferno\u201c auftaucht. Einen Tag zuvor war von Sydow ja auch schon in \u201eShutter Island\u201c als Nazi-Version eines Psychotherapeuten zu sehen. Als w\u00fcrde Schlingensief diese Parallele bewusst ziehen wollen, hielt er auch noch eine flammende Rede \u00fcber die fatalen Nebenwirkungen von Psychopharmaka, \u00fcber die Suche nach Atem, \u00fcber das Bed\u00fcrfnis, vor dem Tod sich noch selbst mit den drei Personen zu vertragen, die es am wenigsten verdienen und verabschiedet sich mit den Worten \u201eDas Leben ist einfach zu kurz, um es mit schlechter Laune zu verschwenden\u201c. Im rappelvollem Auditorium tost der Applaus. <\/p>\n<p>Zugabe. Der deutsche Botschafter in Burkina Faso sei, so erz\u00e4hlt Schlingensief, bei seiner ersten Begegnung ein n\u00f6rgelnder, nerviger Bedenkentr\u00e4ger gewesen, der zu allen vorgelegten Pl\u00e4nen nur gesagt habe: Das-wird-nie-was-habe-ich-alles-schon-versucht-vergessen sie&#8217;s! Bis Schlingensief ihn anbr\u00fcllte, er m\u00f6ge doch mal seine Schnauze halten. Einen Tag sp\u00e4ter sei der Botschafter wie verwandelt gewesen, die freundliche Ruhe in Person&#8230; <\/p>\n<p><em>Autor: Ralf Kr\u00e4mer<\/em>, <a href=\"http:\/\/planet-interview.de\/berlinale-2010-eintrag-vom-15022010html.html\" target=\"_blank\">Planet Interview<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besondere Begebenheiten, Berlinale 4\/10, 15.02.2010<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/506"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/506\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}