{"id":505,"date":"2010-02-16T12:24:09","date_gmt":"2010-02-16T10:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=505"},"modified":"2010-02-16T12:24:09","modified_gmt":"2010-02-16T10:24:09","slug":"moge-uns-die-holle-erspart-bleiben-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=505","title":{"rendered":"M\u00d6GE UNS DIE H\u00d6LLE ERSPART BLEIBEN (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief kommentiert den italienischen Stummfilm \u201eL\u2019Inferno\u201c im FORUM EXPANDED.<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Bilder stammen nicht aus der H\u00f6lle, sondern aus der Sonne Afrikas. Auf dem Programm des Forum Expanded im Hebbel am Ufer steht der italienische Stummfilm \u201eL\u2019Inferno\u201c aus dem Jahr 1911, vorgef\u00fchrt und kommentiert von Christoph Schlingensief, aber das hat noch etwas Zeit. Vor die Unterweltvisionen aus Dantes \u201eG\u00f6ttlicher Kom\u00f6die\u201c setzt der K\u00fcnstler seinen eigenen Traum vom Gl\u00fcck auf Erden. Schlingensief zeigt ein Video der Grundsteinlegung seines Operndorfes Remdoogo in Burkina Faso (Tsp. vom 10. Februar), er spricht von der Krankenstation, die es dort geben wird, von der Frau, die das Wort \u201eOper\u201c nicht kannte, wohl aber \u201eOperation\u201c, er schw\u00e4rmt von seinem Architekten Francis K\u00e9r\u00e9, der ihn immer wieder vor dem \u201etouristischen Wahn\u201c bewahre, sich in der Ferne als Gutmensch zu geb\u00e4rden, und er erz\u00e4hlt von dem Super-8Film, den er in die Grundstein-Kassette gelegt hat, entstanden noch in kindlichen Tagen unter dem dem Titel \u201eWer t\u00f6tet, kommt ins Kittchen.\u201c Den Simultandolmetschern galoppiert er mit dieser Suada locker davon, aber selbst wer kein Wort versteht, kapiert, dass hier einer sein Herzensprojekt gefunden hat. Auch auf der Berlinale kein gew\u00f6hnlicher Moment.<\/p>\n<p>Es ist ja au\u00dferdem nicht so, als h\u00e4tten der Stummfilm und das Operndorf nichts miteinander zu tun. Irgendwann im Laufe dieser gro\u00dfartigen Filmperformance spricht der krebskranke Schlingensief davon, ganz unpathetisch, dass er die Momente suche, die Atem geben. Den schw\u00fclstigen \u201eL\u2019Inferno\u201c-Soundtrack von Tangerine Dream, Teil der DVD-Edition, schaltet er aus, stattdessen unterlegt und \u00fcberblendet er den Film mit anderen Werken, \u201eApocalypse Now\u201c, \u201eDer Exorzist\u201c, \u201eDie Verdammten\u201c, dazu Aufnahmen von Kurt Flasch, Klaus Kinski und Hubert Fichte, aus dem Buch \u201eDer Aufbruch nach Turku\u201c , dort ist Schlingensiefs Frau geboren worden, so ist er auf den Schriftsteller \u00fcberhaupt gesto\u00dfen \u2013 es h\u00e4ngt alles mit allem und am Ende eben auch alles mit ihm selbst zusammen in diesem \u00fcberreichen Kosmos. Als Schlingensief zu filmen begann, projizierte er seine Super-8- Werke auf den Fernseher, den Ton lie\u00df er laufen, von Sendungen wie \u201eDie bezaubernde Jeannie\u201c, es war erstaunlich, sagt er, wie gut das oft passte. An anderer Stelle erz\u00e4hlt er \u2013 ein Spotthieb auf den Restaurierungsstolz unsere digitalen Tage \u2013, wie er mit seinen Eltern die nicht aufgehellte Fassung von Fassbinders \u201eBerlin Alexanderplatz\u201c im Fernsehen schaute, so dicht vor die Mattscheibe gebeugt, dass sie sich darin spiegelten. Familie Schlingensief auf dem Alexanderplatz. <\/p>\n<p>Auch in \u201eL\u2019Inferno\u201c, der von Dantes und Vergils Abstieg durch die Kreise der H\u00f6lle erz\u00e4hlt, findet sich Schlingensief wieder, so entr\u00fcckt der fast hundert Jahre alte Film bisweilen auch wirkt. Aber die Frage nach dem Ende, die er aufwirft, ist zeitlos, und f\u00fcr Schlingensief stellt sie sich nun einmal dr\u00e4ngend. Sein Ringen mit dem Glauben h\u00e4lt an, \u201eich bin katholisch, aber ich kann den Papst nicht mehr sehen\u201c, sagt er, und, frei nach Meister Eckhart: \u201eWenn Gott gn\u00e4dig ist, dann ist er beschr\u00e4nkt.\u201c<\/p>\n<p>Es gab zuletzt dunkle Tage, mit einer Medikamentenumstellung hatte das zu tun, Momente, wo sich ihm der Titel seines Buches \u201eSo sch\u00f6n wie hier kann\u2019s im Himmel gar nicht sein\u201c in die Gewissheit verkehrte, den Himmel verloren zu haben. Diesen Abend aber schlie\u00dft er mit einem frommen Wunsch. Mit der Hoffnung, uns allen m\u00f6ge das Inferno erspart bleiben.<\/p>\n<p><em>Von Patrick Wildermann. Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 16.02.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief kommentiert den italienischen Stummfilm \u201eL\u2019Inferno\u201c im FORUM EXPANDED.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/505"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=505"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/505\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=505"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=505"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=505"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}