{"id":503,"date":"2010-02-16T11:45:03","date_gmt":"2010-02-16T09:45:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=503"},"modified":"2010-02-16T11:45:03","modified_gmt":"2010-02-16T09:45:03","slug":"inferno-prinzblogberlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=503","title":{"rendered":"INFERNO (PRINZ BLOG BERLIN)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dass das keine gew\u00f6hnliche Filmvorf\u00fchrung wird, war von vornherein klar. Nicht nur, weil der Abend im HAU 1 als Performance angek\u00fcndigt worden war: Christoph Schlingensief wollte den 1911 entstandenen Stummfilm \u201cL\u2019Inferno\u201d von Guiseppe de Liguoro live kommentieren. <\/strong><\/p>\n<p>Wer sich einen mit soviel Pathos aufgeladenen H\u00f6llentrip aussucht, der hat noch anderes im Sinn als einfach nur zu plauschen \u00fcber einen Film, den er sowieso eher \u201cunglaublich steif, unglaublich belanglos, unglaublich interessant findet\u201d. Der will auch \u00fcber seine eigenen \u00c4ngste vor dem Tod reden. Schlingensief, 49, hat Lungenkrebs.<\/p>\n<p>Eben erst hat er in Burkina Faso den Grundstein gelegt f\u00fcr sein Operndorf. Von ihm werde es \u201ckein Bayreuth geben, jedenfalls nicht in Afrika. Das sollen andere machen\u201d. Stattdessen fasst er die Idee, einen Ort auferstehen zu lassen, in dem es neben einem Festspielhaus eine Schule und ein Krankenhaus geben wird, kurz zusammen. \u201cOper kenne ich nicht, nur Operation\u201d, habe ein junges M\u00e4dchen dort zu ihm gesagt, und das w\u00fcrde sie in jedem Fall unterst\u00fctzen. Er rast durch seine Bildersammlung von der Zeremonie, bei der auch Stammes\u00e4lteste anwesend waren. Hiermit sei f\u00fcr weitere Verbreitung seines Projektes gesorgt:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.festspielhaus-afrika.com\">www.festspielhaus-afrika.com<\/a><\/p>\n<p>Er spricht unglaublich schnell. Irgendwann f\u00e4llt es ihm auf, sein Blick geht hoch zu den \u00dcbersetzer-Kabinen. \u201cKommt ihr \u00fcberhaupt noch mit?\u201d Er plaudert, redet, durchaus mit Extase, aber trotzdem kontrolliert. Das Publikum ist willig, dem, der da so sachlich \u00fcber Angstattacken, Sehns\u00fcchte spricht, zu applaudieren. Schon als er die B\u00fchne betrat, l\u00e4ssig gekleidet mit wirrem Haar wie ein zauseliger Professor und Lesebrille am Band, war der Jubel riesig.<\/p>\n<p>Er redet sich schnell in Rage, Facebook, Vangelis, Helene Hegemann. \u201cDie Frau muss doch mal jemand in Schutz nehmen!\u201d, propagiert er und sagt, er nehme schlie\u00dflich auch alles, was er kriegen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Als er dann doch mal zum Inferno kommt und die ersten wackligen Bilder nackter Verdorbener im H\u00f6llenkreis auftauchen und Menschen in \u201cgruseligen\u201d Tierkost\u00fcmen, erkl\u00e4rt er noch schnell, wie er sich die Performance gedacht hat. Die Vangelis-Musik, die heute den Kopien des Films unterlegt ist, schalte er dann mal weg, naja, jedenfalls teilweise, schlie\u00dflich habe er nichts gegen Vangelis, der \u201chat mir diverse Werner-Herzog-Filme vers\u00fc\u00dft\u201d. Aber dann gibt es noch Tierfilme und -ger\u00e4usche, aufgenommen von Bernhard Grzimek, Klaus Kinskis \u201cJesus Christus Erl\u00f6ser\u201d und Ausschnitte aus \u201cDer Exorzist\u201d. Immer wieder Hubert Fichte, der \u00fcber die traditionelle Psychiatrie in Togo referiert und ab und an Kommentare des Philosophen Kurt Flasch. Erstaunlich gut f\u00fcgen sich das Sammelsurium und Dantes Besuch im Inferno zusammen. Ganz so wie fr\u00fcher, als der Christoph noch klein war und manchmal zu seinen Super-8-Filmen den Fernsehton von \u201cDie bezaubernde Jeannie\u201d mitlaufen lie\u00df.<\/p>\n<p>Er m\u00f6chte noch \u201cmit vielen Frieden schlie\u00dfen\u201d, sagt er vers\u00f6hnlich, und fragt sich, ob wir nicht vielleicht auch \u201cso einen holzschnittartigen Quatsch\u201d machen wie noch immer \u00fcber ihm auf der Leinwand zu sehen ist.<\/p>\n<p>Nimm den Applaus mit, Christoph, trag ihn nach Haus und nach Burkina Faso. Er war herzlich, ehrlich und nur f\u00fcr Dich.<\/p>\n<p><em>Von Karen Grunow, Prinz Blog Berlin, 15.02.2010<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.prinz.de\/berlin\/2010\/02\/14\/inferno\/\" target=\"_blank\">http:\/\/blog.prinz.de\/berlin\/2010\/02\/14\/inferno<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass das keine gew\u00f6hnliche Filmvorf\u00fchrung wird, war von vornherein klar. Nicht nur, weil der Abend im HAU 1 als Performance angek\u00fcndigt worden war: Christoph Schlingensief wollte den 1911 entstandenen Stummfilm \u201cL\u2019Inferno\u201d von Guiseppe de Liguoro live kommentieren. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/503"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=503"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/503\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}