{"id":502,"date":"2010-02-14T15:06:28","date_gmt":"2010-02-14T13:06:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=502"},"modified":"2010-02-14T15:06:28","modified_gmt":"2010-02-14T13:06:28","slug":"jenseits-von-ouagadougou-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=502","title":{"rendered":"JENSEITS VON OUAGADOUGOU (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dreizehn Container transportieren das Innere von Christoph Schlingensiefs Operndorf nach Laongo, Burkina Faso &#8211; Eine Reportage<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC00801.jpg\" width=\"450\" height=\"98\" alt=\"Festspielhaus Afrika Lennart Laberenz\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Lom\u00e9, 32 Grad Celsius, morgens um vier und am Boulevard ist noch Licht. Hinten, beim Hotel Palm Beach, nahe der Grenze zu Ghana. Bottichgro\u00dfe Leuchtk\u00f6rper, neben jedem ein Generator, Motten, Fliegen, im dichten Schwarm. Beim Palm Beach laufen die Huren vergeblich auf hohen Hacken, vier Mann auf der Baustelle, sie schwitzen in Str\u00f6men, reden nicht gern. Fingern an der Teermaschine. &#8222;Im Februar&#8220; , nuscheln sie, sei die Baustelle fertig. Der Boulevard am Strand, fast bis zum m\u00e4chtigen Hafen hinter der Stadt, Verkehr wird umgelenkt, sandig der Grund, Kreuzungen erneuert. Ende Februar sind Wahlen in Togo, der Potentat stellt sich dem Volk, da macht sich so ein Boulevard gut, zu viert stehen sie um die Maschine, ab und zu blicken sie auf den Verkehr, schwarz liegt der Teer hinter ihnen. Es hei\u00dft, Geld aus dem Wirtschaftsverband Westafrikanischer Staaten w\u00fcrde hier verbaut. Wenn der Boulevard nicht reicht, wird es wohl wieder das Milit\u00e4r richten: Der Pr\u00e4sident f\u00fchrt die Diktatur des Vaters weiter, mit anderer Verpackung.<\/p>\n<p>Die Sonne geht auf: Die Stadt ist flach, Reste kolonialer Architektur, zerr\u00fcttet. Abseits der Boulevards sind die Stra\u00dfen aus Staub, die Menschen leben in H\u00fctten, halb eingefallen. Es gibt keine Kanalisation, oft kein flie\u00dfendes Wasser. Die Dinge sind sich selbst \u00fcberlassen. Eine geteerte Stra\u00dfe, so spotten sie, f\u00fchrt sonst zur M\u00e4tresse des Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Am Hafen sollen 13 Container ankommen. Sie transportieren die Innenausstattung von Christoph Schlingensiefs Operndorf. Weihnachten ab Hamburg, vier Wochen sp\u00e4ter in Lom\u00e9. Zum Hafen also. Aus der diesigen Hitze tauchen Mauern auf, M\u00e4nner, die pinkeln, dahinter Kr\u00e4ne und Containerlandschaften. M\u00fcll. Der Hafen ist eine der wichtigsten Einkommensquellen des Landes, f\u00fcr die Taschen des Pr\u00e4sidenten, sagen viele.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC00782.JPG\" width=\"450\" height=\"98\" alt=\"Festspielhaus Afrika Lennart Laberenz\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>&#8222;13 Container \u00e0 20 Fu\u00df machen in Afrika sieben Lastwagen,&#8220; sagt \u00c9tienne Yawo Dable. Spediteur, kennt sich aus: Er hat in Deutschland studiert: Lastwagen, in Deutschland f\u00fcr zwanzig Tonnen zugelassen, tragen hier das Doppelte. Im B\u00fcro der Speditionsfirma h\u00e4ngt ein Wochenplan: Das Schiff ist zu fr\u00fch, die Ladung wird bereits gel\u00f6scht. Rose Ahodikpe Speditions-Agentin, Abteilung See, l\u00e4chelt breit. Zum Hafen: H\u00e4ndesch\u00fctteln beharrlich, Vorzimmer, Funktion\u00e4re, Genehmigungen, Assistenten. Die Idee ist: Ein Kleinbus, in den m\u00f6glichst viele Abteilungsleiter, Gewerkschafter und Sekret\u00e4re passen, damit alle Genehmigungen sofort, vor Ort ausgesprochen werden. Nichts ist sicher, in einer zweiten Runde wird Papier eingesammelt, die Chefs bekommen ihre H\u00e4nde erst \u00fcber den Tisch zur\u00fcck, wenn sie zustimmen, dass ich filmen kann. Und ja, sie wollen die H\u00e4nde zur\u00fcck, rufen nach Assistenten, nach Genehmigungen, nach Eile: Alles soll schnellstm\u00f6glich zum Wirtschaftsdirektor des Hafens, zu Herrn N\u00e9n\u00e9. Einer sagt, beim Hinausgehen: &#8222;Unbedingt mit Helm!&#8220;<\/p>\n<p>Ausladen, umladen, der Hafen ist ein Ballett mit Tonnen aus Metall, br\u00fcllenden Arbeitern, Hitze, Bestechung: Die Chauffeure zahlen f\u00fcr die Einweiser, zahlen, damit sie als Erste dran sind, zahlen f\u00fcr die Ausl\u00f6se. Das Beladen ist ein genau kalkulierter Rhythmus: Stoisch blickende Gabelstaplerfahrer, drei Meter hoch die Kanzel, schweigend, bestimmt. Unten rennen, fl\u00fcchten, gestikulieren M\u00e4nner mit Papieren und Armen. Oben: eilig, nie hastig. Zuletzt hat ein Fahrer seinen H\u00e4nger ungl\u00fccklich abgestellt, den R\u00fcckw\u00e4rtsgang verweigert kratzend das Getriebe. Der Stapler setzt kommentarlos ab. Er hat Wichtigeres zu tun, die Audienz ist vorbei. Einen Helm gab es nie.<\/p>\n<p>Nach Norden: 1050 Kilometer, und die Fahrt beginnt nicht. Zollformalit\u00e4ten, Versprechungen, Schmiergeld: Vom Hafen zur Zollabfertigung \u00fcber eine Stra\u00dfe aus Staub und M\u00fcll. Tage vergehen am Zoll, noch einmal ein Geldschein, losfahren am Abend. Der Konvoi ist fr\u00fch gespalten, einer entschlie\u00dft sich zum sp\u00e4ten Reifenwechsel, die Maschinen sind alt und unterschiedliche stark. Ich fahre mit dem modernsten Lastwagen, Baujahr 1984, die Anzeige misst: 760.000 Kilometer. Moussa Kandor\u00e9, geboren 1956, in Tamasgo, Cote d&#8217;Ivoire, l\u00e4chelt unsicher, nach einem Tag Schweigen werden wir uns m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die Nacht legt sich wie ein schwarzer Vorhang \u00fcber das Land: Die Fahrer schlafen unter ihren Lastz\u00fcgen im trostlosen St\u00e4dtchen Atakpam\u00e9. &#8222;Eine Oper?&#8220; Nicht Moussa, nicht der junge Beifahrer Srina Lassna kennen das Wort. Ein Theater, in dem gesungen wird. Warum nicht? Srina kann nicht sagen, wie alt er ist. Vielleicht f\u00fcnfundzwanzig. &#8222;Normalerweise wissen wir nicht, was wir laden. Wir kehren gleich wieder um.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC00846.JPG\" width=\"450\" height=\"98\" alt=\"Festspielhaus Afrika Lennart Laberenz\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Es gibt einen Berg, vor Kara: Neben manchen Z\u00fcgen laufen zwei Sherpas, der eine h\u00e4lt einen Bottich, der andere sch\u00f6pft Wasser durch die offene Motorhaube. Zur K\u00fchlung. Der Stra\u00dfe ist ges\u00e4umt von denen, die es nicht geschafft haben, von denen, die noch reparieren. Auf dem Abstieg versagten, vielleicht eine Stunde zuvor, einem Tanklaster die Bremsen: Aufprall auf Fels, der H\u00e4nger umgeworfen. Jetzt stehen zwanzig Jungs aus der Nachbarschaft, halten Eimer unter den auslaufenden Sprit, \u00f6ffnen die Stutzen, Benzin rennt breit \u00fcber den Asphalt.<\/p>\n<p>450 Kilometer an einem Tag sind viel. Abfahrt um halb f\u00fcnf, bis Dapaong ziehen sich die Stunden, l\u00e4ngst hat sich dann die Savanne zwischen die Felder gedr\u00e4ngt, B\u00fcsche l\u00f6sen B\u00e4ume ab, die Menschen leben in H\u00e4usern aus Lehm und Stroh. Das Leben im Norden ist bitter arm, folgte steinalten Rhythmen und Traditionen. Hier haben \u00fcber 80 Prozent weniger als zwei Dollar am Tag, Lesen und Schreiben k\u00f6nnen die Wenigsten. Frauen tragen immense Ladungen auf dem Kopf, meterlange Latten, Kohlent\u00f6pfe in mehreren Etagen, grobe Kl\u00f6tze als Feuerholz. Dazu fahren sie Rad.<\/p>\n<p>&#8222;Wir wissen noch nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das verstehen&#8220; , sagt Christoph Schlingensief, wenn er gefragt wird, warum. Ein Zitat von Beuys.<\/p>\n<p>Am Wegesrand laden wir auf: S\u00e4cke mit Mehl und Kohlen, &#8222;f\u00fcr die Madam&#8220; , grinst Moussa. Srina Lassna, der nicht lesen und nicht schreiben kann, klettert auf die Container, hievt, schwitzt, kann die Muskeln spielen lassen. In Cinkass\u00e9 ist alles verrammelt, sonntags machen die Grenzer um sechs Feierabend. Die Fahrer betten sich zur Ruhe, Motorradfahrer bringen mich \u00fcber die gr\u00fcne Grenze, zur Unterkunft auf der anderen Seite. Die gr\u00fcne Grenze ist braun: Im d\u00fcnnen Scheinwerferlicht passieren wir Rinnsale aus Abw\u00e4ssern, verlassene H\u00fctten. Wir fahren falsch, st\u00fcrzen wiederholt fast aufs karstige Land, dem Fahrer sitzt die Angst im Nacken. Eine Anh\u00f6he noch, dann legt er beruhigend die Hand auf mein Knie, alles wird gut.<\/p>\n<p>Cinkass\u00e9 und Bittou, Landesgrenze, Zollgrenze, Geduld: Tage vergehen, Lastwagen gl\u00fchen in rotem Staub, wenig Bewegung. Einem platzt der Kragen: &#8222;Es geht nur um Geld.&#8220; Etwa einmal alle hundert Kilometer klettern die Beifahrer, klettert auch Srina Lassna vom Laster, eine Mappe mit Zulassungspapieren, dazwischen ein Schein: der Zoll, die Polizei, die Gendarmerie wollen einen Obolus. Jetzt sitzen alle im Kreis auf ihren Liegen, nicken zur Wut des Kollegen.<\/p>\n<p>An der Grenze pendeln freie Agenten in Fu\u00dfballtrikots zwischen den Beh\u00f6rden, in Trauben um Uniformierte, wedeln mit Papieren. Moussa ist sauer, die Preise steigen, als feststeht, dass der Konvoi geschlossen passieren will. Am Nachmittag wird es billiger, daf\u00fcr werden wir an der Zollgrenze l\u00e4nger warten m\u00fcssen. Auf Nachfrage, immer dasselbe: Chefs sind nicht da, Unterlagen fehlen, das Internet klemmt. 45 Euro pro Lastzug kostet die Passage.<\/p>\n<p>Bittou ist ein Markt aus H\u00fctten, vor einer Zeile aus Lehmkammern: Auf dem Platz steht ein Kicker, wir spielen im Licht der Laternen, der gr\u00f6\u00dfere Teil der Jugend will gegen den Nassara gewinnen, gegen den Wei\u00dfen. Die B\u00e4lle sind schwarz, angenagt, man spielt nach Geh\u00f6r: Ein h\u00f6lzerner Knall, daneben. Metall: Tor. Gegen die Matadore des Orts, wir halten uns gut, gleichen aus. Beim 6:6 geht das Licht an, eine rasche Bewegung, Metall knallt laut, breites Grinsen: Nassara hat verloren.<\/p>\n<p>Die Stadt ist h\u00f6her, weiter: solide Mauern, geordneter Verkehr, Essen mit Besteck. Eine Stadt im \u00dcbergang, in der N\u00e4he des Flughafens sind stauseegro\u00dfe Fl\u00e4chen abger\u00e4umt, die Stadtplanung macht ernst mit der Beseitigung des Informellen. Das neue Zentrum hei\u00dft Ouaga 2000. \u00dcbergang bleibt Dauerzustand: Baustellen liegen brach, wie offene Wunden harren sie versprochener Ma\u00dfnahmen. Im Vergleich zu Lom\u00e9 ist vieles moderner, und doch brauchen Formalia f\u00fcr den Transport erheblich l\u00e4nger. Eine Fahrt nach Osten nimmt die Ankunft voraus, nach einer halben Stunde der Weiler Ziniar\u00e9. Hier beginnt eine Schotterpiste, gro\u00dfe Maschinen treiben selbst am Sonntag voran: Sie planieren eine Verbindung zum Dorf des Pr\u00e4sidenten. Wir fahren im Jeep. Irgendwann geht links ein Staubpfad ab, verliert sich auf einer Anh\u00f6he, von Felsen begrenzt, mit drahtigen B\u00e4umen. Laongo hei\u00dft die Gegend.<\/p>\n<p>In der Ebene rufen Hirten ihr Vieh, wie seit Jahrhunderten vielleicht. Irgendwo klopft einer beharrlich auf Stein. Von den Felsen liegt einem die Landschaft zu F\u00fc\u00dfen, kahle Flecken, einzelne B\u00e4ume, der Boden braun. Die Eiszeit hat ihre Muster in den Fels gegraben, der Wind kommt in St\u00f6\u00dfen. Der Ort ist nicht unwirtlich, er ist nicht rau oder karg. Er ist nur: alt. Aus der Ebene klettern schlie\u00dflich zwei Jungs auf die Felsen, sprechen nicht und dann leise, Dialekt. In den Haaren das Stroh vom Schlaf, im Blick die \u00dcberraschung ob der seltsamen Ger\u00e4te in den H\u00e4nden des Fremden. Die Sonne steigt rasch, die Gegend ist leer und still, es gibt keinen Schatten und kein Wasser. Alles ist hell und klar. Morgen kommen die Container. Dann baut Christoph Schlingensief hier ein Operndorf.<\/p>\n<p>In der Zukunft werden wir das verstehen.<\/p>\n<p><em>(Lennart Laberenz, ALBUM &#8211; DER STANDARD\/Printausgabe, 13.\/14.02.2010)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreizehn Container transportieren das Innere von Christoph Schlingensiefs Operndorf nach Laongo, Burkina Faso &#8211; Eine Reportage<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/502"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/502\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}