{"id":501,"date":"2010-02-11T12:01:47","date_gmt":"2010-02-11T10:01:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=501"},"modified":"2010-02-11T12:01:47","modified_gmt":"2010-02-11T10:01:47","slug":"kein-wahnwitz-in-der-wuste-mannheimer-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=501","title":{"rendered":"KEIN WAHNWITZ IN DER W\u00dcSTE (MANNHEIMER MORGEN)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs afrikanisches &#8222;Operndorf&#8220; erg\u00e4nzt einen seit gut 20 Jahren bestehenden Skulpturenpark<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-bottom:25px; padding-top:20px;\"><em>Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier<\/em><\/div>\n<p>Der Berliner Regisseur Christoph Schlingensief (49) hat Anfang der Woche den Grundstein f\u00fcr sein &#8222;Operndorf&#8220; im westafrikanischen Burkina Faso gelegt. Schlingensief und sein Planungsarchitekt Francis K\u00e9r\u00e9 wollen in dem Dorf Laongo, 30 Kilometer \u00f6stlich der Hauptstadt Ouagadougou, eine Schule f\u00fcr Musik- und Filmunterricht, Theater- und Veranstaltungsr\u00e4ume, Werkst\u00e4tten und eine Krankenstation errichten. Mancherorts wurde das Vorhaben mit Fitzcarraldos wahnwitzigem Projekt verglichen, im lateinamerikanischen Dschungel ein Opernhaus zu errichten &#8211; man denke nur an Werner Herzogs entsprechenden Film mit Klaus Kinski.<\/p>\n<p>Doch das Schlingensief-Projekt ist nicht in einem kulturellen Nirwana angesiedelt. Eine Filmschule zu gr\u00fcnden erscheint in Burkina Faso geradezu logisch zu sein &#8211; finden dort doch seit 1969, inzwischen im Zwei-Jahres-Rhythmus, die Internationalen Panafrikanischen Filmfestspiele Ouagadougou statt (Fespaco). Im Vorjahr wurden sie zum 21. Mal ausgetragen. Eine Auswahl der Filme ist regelm\u00e4\u00dfig bei &#8222;Africa Alive!&#8220; in Frankfurt zu sehen sowie bei den Afrikatagen im Karlstor-Kino Heidelberg. Der fr\u00fchere Fespaco-Direktor Philippe Sawadogo, jetzt Kultusminister Burkina Fasos, lobte daher nicht von ungef\u00e4hr Schlingensiefs Projekt als M\u00f6glichkeit, erneut zu zeigen, \u00fcber welche k\u00fcnstlerischen Ressourcen sein Land verf\u00fcge.<\/p>\n<p>Und dass die Ortswahl f\u00fcr Schlingensiefs Kulturzentrum auf das Dorf Laongo fiel, muss ebenfalls nicht erstaunen &#8211; besteht der Skulpturenpark dort doch schon seit \u00fcber 20 Jahren.<\/p>\n<p><strong>Wachsende Ausstellungsfl\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>1989 hatte das damalige Kultusministerium Burkina Fasos die Ausrichtung eines internationalen Bildhauercamps beschlossen. Seither arbeiten alle zwei, drei Jahre K\u00fcnstler aus aller Welt f\u00fcr rund einen Monat in Laongo. Untergebracht sind sie in rundgemauerten, zimmergro\u00dfen H\u00e4usern. Die K\u00fcnstler gestalten Steine, die sie in freier Natur zahlreich vorfinden, und weiten so mit neuen Arbeiten das Gel\u00e4nde des Skulpturenparks aus.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Bildhauer Paul Marandon hat einen Fu\u00df aus dem Stein gemei\u00dfelt und ihn &#8222;Libert\u00e9&#8220; getauft, Freiheit, wie sich das f\u00fcr einen Franzosen geh\u00f6rt. Aus dem Fels mei\u00dfelte Marandon einen Sockel, auf dem der Fu\u00df ruht; unbearbeiteter versus bearbeiteter Stein, Geometrie versus organische Form, Biometrie und die F\u00e4higkeit zur Fortbewegung: Der Mensch meistert die Materie &#8211; wenn das nicht Freiheit ist!<\/p>\n<p>Ky Siriki aus Burkina Faso h\u00e4mmerte schon 1998 als Relief einen Pferdekopf samt Menschengesicht aus einem Fels &#8211; &#8222;Yennenga&#8220; ist das Werk betitelt und erinnert an eine \u00dcberlieferung der Mossi, der Volksgruppe, die noch heute auf dem felsigen Plateau um Laongo und um Ouagadougou lebt. Yennenga hie\u00df einst eine Prinzessin, die als Heerf\u00fchrerin zahlreiche Schlachten gewann. Gleich mehrere K\u00fcnstler haben in Laongo einen gro\u00dfen, langgezogenen Felsblock gestaltet, mit Ornamenten, Schriftz\u00fcgen und Gravuren, die an fr\u00fchgeschichtliche Felsmalereien erinnern. In der Tat gibt es im S\u00fcden von Burkina Faso derlei Felszeichnungen im Original &#8211; die K\u00fcnstler heute besinnen sich schlicht auf die Kunstgeschichte ihres Landes.<\/p>\n<p><strong>Zukunft durch Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr gibt auch ein kleinerer Stein in Laongo, der auf seinem R\u00fccken ein Hieroglyphen-Relief tr\u00e4gt: eine Menschenfigur, dazu ein Gesicht vielleicht, Schriftzeichen auch? Jedenfalls ein Appell, dass Afrika beileibe kein geschichtsloser Kontinent ist, dass in seiner Erde noch zahlreiche Spuren menschlichen Lebens und Wirkens zu finden sind. Erst vor wenigen Jahren hat man im Norden Burkina Fasos eine Siedlung entdeckt, die von regem Handelsverkehr im 12. Jahrhundert zeugt. Sie wird von Arch\u00e4ologen zug\u00e4nglich gemacht &#8211; als aus Lehmsteinen errichtetes Zeugnis einer fr\u00fchen Kultur.<\/p>\n<p>Genau das war 1969 der Grund gewesen, die Filmfestspiele in Ouagadougou zu schaffen, und es war 1989 der Impuls f\u00fcr die Gr\u00fcndung des Skulpturenparks Laongo: ein Zeugnis zu hinterlassen vom zeitgen\u00f6ssischen Leben, und daran zu erinnern, dass ein Land ohne Kultur weder Vergangenheit noch Zukunft hat. Burkina Faso aber hat Laongo, es hat die Filmfestspiele Ouagadougou &#8211; und bald auch das &#8222;Operndorf&#8220; von Regisseur Schlingensief. Von wegen Wahnwitz in der W\u00fcste.<\/p>\n<p><em>Aus: Mannheimer Morgen, 11. Februar 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs afrikanisches &#8222;Operndorf&#8220; erg\u00e4nzt einen seit gut 20 Jahren bestehenden Skulpturenpark<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/501"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=501"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/501\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}