{"id":50,"date":"2005-11-14T10:16:03","date_gmt":"2005-11-14T08:16:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=50"},"modified":"2005-11-14T10:16:03","modified_gmt":"2005-11-14T08:16:03","slug":"filmdosen-im-sand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=50","title":{"rendered":"Filmdosen im Sand"},"content":{"rendered":"<p>Verluste kann man auch planen. Christoph Schlingensief jedenfalls, der vor zwei Wochen erst mit einem 17-k\u00f6pfigen Team von den Dreharbeiten des Projekts &#8222;African Twintowers&#8220; aus Namibia zur\u00fcckkehrte, hat das Bilderverlieren dort ge\u00fcbt. Seine liebste Kamera sei eine, erz\u00e4hlt er in einem der Filmschnipsel, die stottert und st\u00e4ndig Bilder verliert und statt 24 nur 22 oder 18 in der Sekunde festh\u00e4lt. Oh ja, und seine Tasche mit dem Drehbuch ist gestohlen worden.<\/p>\n<p>Frieder Schlaich, der als Produzent mitreiste und an der Fertigung eines Endprodukts doch mehr interessiert ist als der sich gern im Prozessualen verausgabende Regisseur, \u00e4u\u00dfert allerdings den Verdacht, dass vor dem Drehbuch selbst schon das Interesse an dessen Umsetzung abhanden kam. Wie \u00fcbrigens auch der Drehplan. An eine gedrehte Szene aber erinnert sich Schlaich genau, die irgendwo bei den 200 bis 300 Stunden Material dabei sein muss: wie n\u00e4mlich Filmdosen im Sand vergraben werden. Unauffindbar.<\/p>\n<p>Namibia ist ein ideales Land, um verloren zu gehen. Knapp zwei Millionen Einwohner auf einer Fl\u00e4che gr\u00f6\u00dfer als Spanien und Frankreich zusammen, bedeckt von W\u00fcsten, Halbw\u00fcsten und Savannen. Ob es der Sog der Leere ist oder das st\u00e4ndige Verwischen der Spuren menschlicher M\u00fche, was Christoph Schlingensief dahingezogen hat, man wei\u00df es nicht genau. Auch nicht nach einem Abend im Berliner HAU-Theater, an dem im Rahmen des Festivals &#8222;Politik im Freien Theater&#8220; Frieder Schlaich und der Journalist Claus Phillip von der Reise erz\u00e4hlten und Ausschnitte des Materials zeigten. Eigentlich hatte Schlingensief selbst diesen Abend &#8222;Live aus Afrika&#8220; kommentieren wollen, aber jetzt war er verhindert durch pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde. So wurde aus dem Abend von ihm ein merkw\u00fcrdiger Abend \u00fcber ihn, an dem sein Produzent und ein Autor, der ein Buch \u00fcber ihn schreiben m\u00f6chte, tapfer von den Abenteuern der Zusammenarbeit erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Noch steckt ihnen der Aufenthalt in L\u00fcderitz in den Knochen, jener kleinen Stadt an Namibias K\u00fcste, die Schlingensief zum Drehort w\u00e4hlte. Eine Stadt, wie aus der Zeit gefallen, vor sich das Meer, hinter sich W\u00fcste, ein wenig Kolonialstil und viele Autowerkst\u00e4tten. Nie f\u00fchlt man sich dort in der Wirklichkeit zu Hause. Mit dem Schauspieler Robert Stadlober geht Claus Phillip durch die Stadt und versucht Interviews zu f\u00fchren \u00fcber die Erinnerung an die Kolonialzeit, als von L\u00fcderitz aus das Land als deutsches Schutzgebiet in Besitz genommen wurde. Stra\u00dfennamen und Ladenschilder erinnern daran. Aber reden will kaum jemand, zumindest nicht vor der Kamera.<\/p>\n<p>Auf der Website des Regisseurs, www.schlingensief.com, ist ein Gespr\u00e4ch zwischen ihm und dem deutschen Botschafter in Namibia, Dr. Wolfgang Massing, zu lesen. Da geht es Schlingensief vor allem um Fragen historischer Verantwortung, und er regt sich \u00fcber ein politisches Taktieren heute auf, das sich wie ein Nebel \u00fcber klare Bilder und klare Aktionen senkt. Mit seiner Aktion zieht er in Area Seven, einer schwarzen Township am Rande von L\u00fcderitz, ein. Die Siedlung aus Blechcontainern und Flutlichtmasten sieht wie ein Lager aus. Auch ein verlorenes Bild, ein vergessener Ort, sagt der Regisseur. Sein Team baut seinen Animatografen auf, eine Drehb\u00fchne, auf die ein Schiff gestellt und bemalt wird und Aufbauten f\u00fcr Filmprojektionen entstehen. Der Animatograf ist ein Herzst\u00fcck des Projekts, Dreh- und Auff\u00fchrungsort zugleich, Bilder produzierend und verzehrend, der zum dichten Archiv der Obsessionen des K\u00fcnstlers werden kann. Die Bewohner der Siedlung Area Seven nehmen, allen voran die Kinder, den Aufbau der B\u00fchne und ihren Betrieb wie ein Volksfest. Sonst ist ja nicht mal ein Spielplatz zwischen den Containern zu sehen.<\/p>\n<p>Was macht es schon, das Drehbuch verloren zu haben, erkl\u00e4rt Christoph Schlingensief, wenn der Animatograf durch solche Benutzung eine neue Aufladung erfahre. Das funktioniere wie eine Fotoplatte, die sich selbst belichtet. Er will noch mehr solcher B\u00fchnen aufbauen, in Brasilien und Nepal, und seine Geschichten dort von anderen \u00fcberschreiben lassen.<\/p>\n<p>Ob so wirklich ein Film entsteht, scheint immer r\u00e4tselhafter. Vielmehr wirken die Dreharbeiten wie eine Reise in die Vorvergangenheit des Kinos. Die Drehb\u00fchne, die in Area Seven mit Menschenkraft bewegt wird, erinnert an Karussells und mechanische Bildermaschinen, die dem Film vorausgingen. Historisch ber\u00fchrt der Apparat damit die Zeit, als von L\u00fcderitz aus die Kolonisierung von Deutsch-S\u00fcdwest begann. Pl\u00f6tzlich scheint ganz passend, was da passiert.<\/p>\n<p>KATRIN BETTINA M\u00dcLLER<\/p>\n<p>taz Nr. 7819 vom 14.11.2005, Seite 16, 156 TAZ-Bericht KATRIN BETTINA M\u00dcLLER<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>200 bis 300 Stunden Filmmaterial hat Christoph Schlingensief aus Namibia mitgebracht. Im Berliner Theater HAU gab es einen ersten Bericht \u00fcber die Dreharbeiten<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}