{"id":498,"date":"2010-02-11T03:39:16","date_gmt":"2010-02-11T01:39:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=498"},"modified":"2010-02-11T03:39:16","modified_gmt":"2010-02-11T01:39:16","slug":"der-gott-der-guten-dinge-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=498","title":{"rendered":"DER GOTT DER GUTEN DINGE (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Praktisch Wahnsinn: Christoph Schlingensief legt in Burkina Faso den Grundstein f\u00fcr sein afrikanisches Operndorf.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von R\u00fcdiger Schaper<\/em><\/p>\n<p>Ein alter Mann hat den Platz abgeschritten und die Geister befragt. Hart und melodisch ist seine Stimme. Die Fremden sind willkommen. Die Zeremonie kann beginnen. Viele Reden werden gehalten in diesen zwei Stunden unter sengender Sonne, leidenschaftliche, mit Freude erf\u00fcllte Reden. Der Kulturminister Filippe Savadogo spricht, der Gouverneur, der B\u00fcrgermeister, der deutsche Botschafter in Burkina Faso und der Botschafter von Burkina Faso in Deutschland, der aus Berlin angereist ist f\u00fcr die Grundsteinlegung des Operndorfs Remdoogo. In der flirrenden Hitze scheint sich der Traum schon zu materialisieren. Und immer sprechen die Redner ihren Dank aus, als st\u00fcnde das Dorf der K\u00fcnstler und der Kinder vor ihren Augen, als sei dies nicht die Grundsteinlegung, sondern die Einweihung eines Projekts, das seinesgleichen nicht hat, weder in Afrika noch sonst auf der Welt.<\/p>\n<p>\u201eMein letzter Dank gilt Gott\u201c, sagt Christoph Schlingensief, \u201eGott ist mehr, als wir aus ihm gemacht haben. Er ist grenzenlos.\u201c Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eIch bin kein esoterischer, aber ein gl\u00e4ubiger Mensch.\u201c Er tr\u00e4gt ein afrikanisches Gewand und einen spitzen Sonnenhut. Einer der afrikanischen Redner hat Schwierigkeiten mit dem deutschen Namen. Er sagt \u201eSchlingen-Chief\u201c. H\u00e4uptling Christoph. Das trifft es ganz gut. <\/p>\n<p>Wenn es irgendwo einen Ort gibt, der frei und unschuldig genug ist, um Schlingensiefs Vision aufzunehmen \u2013 er hat ihn gefunden. Ein Plateau, eingerahmt von Felsen und m\u00e4chtigen B\u00e4umen, eine Autostunde au\u00dferhalb von Ouagadougou, der Hauptstadt des kleinen westafrikanischen Staates Burkina Faso. Der Kulturminister hat das Gel\u00e4nde f\u00fcr das Operndorf vorgeschlagen. Schlingensief wollte sein Projekt nicht in der Stadt realisieren, wenngleich Ouagadougou eine strahlkr\u00e4ftige Kulturszene besitzt, mit dem panafrikanischen Filmfestival, einem internationalen Theaterfestival und einer internationalen Tanzszene. Bemerkenswert f\u00fcr ein Land, das zu den \u00e4rmsten der Erde z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Hier drau\u00dfen habe er eine \u201eKraft gesp\u00fcrt, die Dramaturgie der Natur\u201c, sagt Schlingensief. Seine Rede ist lang, und daf\u00fcr entschuldigt er sich. Es sei ihm so unendlich wichtig, seine Idee zu erkl\u00e4ren. Er ist erregt, aber er wirkt nicht entr\u00fcckt. Der Gesundheitszustand des Krebskranken scheint stabil. Es wird ein endlos langer Tag. Vor Kameras und Mikrofonen, beim Empfang des Premierministers und bei Cocktails in der Residenz des deutschen Botschafters wiederholt Schlingensief das Mantra vom Operndorf: Ein Gesamtkunstwerk soll Remdoogo werden, mit einer Schule und einer Krankenstation und einem Festspielhaus f\u00fcr 600 Besucher. Nach mehreren Afrika-Reisen habe er sich f\u00fcr Burkina Faso entschieden, er schw\u00e4rmt von der \u201espirituellen Reinheit seiner Bewohner\u201c, und er sagt, da wird seine Stimme zornig, man m\u00fcsse von Afrika lernen. \u201eIn Europa leben wir vollgefressen, auf Kosten von Menschen, die keine Chance haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.\u201c<\/p>\n<p>Sind es die gl\u00fchenden Worte, die T\u00e4nze, die Musik, ist es die weite Reise aus dem deutschen Winter in die Sonne und das Gef\u00fchl, einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Moment zu erleben, der die Begriffe des Kulturbetriebs sprengt? Ist es Suggestion \u2013 und redet man sich die Magie des zweifellos malerischen Ortes blo\u00df ein, den man nachher im klimatisierten Bus wieder verl\u00e4sst, auf einer Fahrt durch staubige Ortschaften? Ist dies nicht ein einziger Wahnsinn?<\/p>\n<p>Das Wort f\u00e4llt immer wieder. Wahnsinn. Ein Wahnsinnsprojekt. Das Wahnsinnigste, was sich ein K\u00fcnstler ausgedacht hat, seit Werner Herzog am Amazonas seinen Fitzcarraldo-Dampfer \u00fcber einen Berg geschleppt hat? Aber die Fitzcarraldo-Phase hat Schlingensief \u00fcberwunden. Und auch Bayreuth liegt hinter ihm. Nur schleppt er Richard Wagners Vision vom Gesamtkunstwerk noch immer mit sich herum. Es steckt tief drin in dem Wort \u201eOperndorf\u201c. Ein Opernhaus in der Savanne: Man kann das nur begreifen, wenn man sich vorstellt, dass Schlingensief all das kulturhistorische Gep\u00e4ck mit sich herumschleppt bis nach Westafrika, um es zu \u00fcberwinden. Oper ist die moribunde Kunstform schlechthin, die b\u00fcrgerliche Dekadenz, und Schlingensief will das Monstrum vom Kopf auf die Beine stellen. Es handelt sich offenbar um eine Art von Wahnsinn, der ins Gegenteil umschl\u00e4gt, ins Praktisch-Pragmatische. Was ihn krank gemacht hat, damals beim \u201eParsifal\u201c in Bayreuth \u2013 nun k\u00f6nnte es die Heilung bringen. Schlingensief erinnert an das antike Theater in Epidauros auf dem Peloponnes, wohin die alten Griechen zur Behandlung von Krankheiten gingen.<\/p>\n<p>Stundenlang h\u00f6rt man ihm zu, und Wahnsinn bleibt Wahnsinn. Im Hintergrund stehen die Container mit der Theatertechnik, die die Ruhr-Triennale als Spende f\u00fcr das Operndorf nach Afrika geschickt hat. Nach der Farbe des Bodens ist das hier Schlingensiefs Roter H\u00fcgel, der Endpunkt einer Reise, die ihn von Wagners Gr\u00fcnem H\u00fcgel in Bayreuth \u00fcber Manaus, Berlin, Duisburg und Wien nach Burkina Faso gef\u00fchrt hat. Der Gral, endlich.<\/p>\n<p>All das geht einem durch den Kopf, der wahre Wahnsinn. Doch Remdoogo, das Operndorf, hat im Grunde ein ganz anderes Gesicht. Der Architekt Francis K\u00e9r\u00e9 \u2013 er stammt aus Burkina Faso und lebt in Berlin \u2013 ist Christoph Schlingensiefs Partner, und wenn man es genau betrachtet, ist es K\u00e9r\u00e9, der die Verantwortung tr\u00e4gt. Er wird die Anlage bauen, er hat sie entworfen, das Ensemble, das sich mit nat\u00fcrlichen Materialien und Formen in die Landschaft schmiegt. F\u00fcr seine Schule in Gando, im S\u00fcden des Landes, ist Francis K\u00e9r\u00e9 mit dem Architekturpreis des Agha Khan ausgezeichnet worden. K\u00e9r\u00e9, ein K\u00f6nigssohn, ist ein stiller Vision\u00e4r, ohne ihn liefe Schlingensiefs Idee ins Leere. Im Gespr\u00e4ch mit K\u00e9r\u00e9 wird klar, dass dieses Operndorf kein Phantom bleiben wird. Sein Prestige h\u00e4ngt daran. Im Oktober sollen die ersten Geb\u00e4ude stehen. Aus der Kombination K\u00e9r\u00e9-Schlingensief erkl\u00e4rt sich auch erst die Aura, die das Projekt umgibt. Und die Begeisterung, die es ausl\u00f6st. Schon seit der fr\u00fchesten Phase unterst\u00fctzt das Goethe-Institut den verwegenen Plan. Das Ausw\u00e4rtige Amt und die Bundeskulturstiftung sind dabei, Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler schw\u00e4rmt f\u00fcr das Operndorf. Herbert Gr\u00f6nemeyer, Roland Emmerich und Henning Mankell haben sechsstellige Summen gespendet. Sie alle hat Schlingensief angesteckt mit seiner Leidenschaft: \u201eDas Verh\u00e4ltnis zwischen den Menschen soll die h\u00f6chste Kunstform unserer Welt werden.\u201c<\/p>\n<p>Joseph Beuys hallt da nach, mit seiner Vision der \u201esozialen Plastik\u201c und seinem Wort, dass jeder Mensch ein K\u00fcnstler sein k\u00f6nne. Und immer wieder sagt Schlingensief: \u201eIn Remdoogo soll man leben und lernen.\u201c Den Wagnerianer bekommt er nicht heraus aus seinem Kopf und seinem K\u00f6rper. Er tr\u00e4umt von einer Kraft, die von ihrem zerst\u00f6rerischen Potenzial befreit werden kann. Und pl\u00f6tzlich ruft er aus: \u201eDer erste Schrei eines Neugeborenen ist sch\u00f6ner und kostbarer als der sch\u00f6nste Klang, den alle Opernkunst hervorbringt.\u201c Oper als Metapher f\u00fcr eine Sehnsucht, als Chiffre f\u00fcr etwas, das selbst Christoph Schlingensief nicht in Worte fassen kann. Er sagt Oper, und vielleicht meint er Gott. Es ist der uralte K\u00fcnstlertraum, an den Ursprung der Dinge zu gelangen und das Ewig-Menschliche zu fassen. Am Ende seiner langen Rede zitiert er spontan Goethes \u201eFaust\u201c, der Dolmetscher ist \u00fcberfordert, und die Bewohner aus den Geh\u00f6ften, die dem Spektakel im Schatten der B\u00e4ume beigewohnt haben, sie machen sich bereits auf den Heimweg.<\/p>\n<p>Werden sie wiederkommen, wenn die Schule er\u00f6ffnet ist und die Krankenstation? Wenn Christoph Schlingensiefs erste Remdoogo-Produktion hier gezeigt wird? Er wird sich Luigi Nonos \u201eIntolleranza\u201c vornehmen, gro\u00dfe politische Oper, die von Folter, Revolution und Elend erz\u00e4hlt. Er will dabei mit K\u00fcnstlern aus Burkina Faso arbeiten, die Premiere soll dann aber in Br\u00fcssel sein, beim \u201eKunsten\u201c-Festival im Mai; danach vielleicht Gastspiele in M\u00fcnchen und Wien. Man wird sehen. Auch ob das Geld ausreicht. Inoffiziell ist die Rede von zwei Millionen Euro Kosten f\u00fcr das Operndorf. Viel Geld in einem Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 543 Dollar im Jahr.<\/p>\n<p>Und dann senken sie das dicke Rohr in die Erde. Legen Zeitungen vom Tage, vom 8. Februar 2010, in den Zylinder, und Schlingensief packt einen Super-8-Film dazu, Aufnahmen vom zehnj\u00e4hrigen Christoph im Ruhrgebiet. Dann wird das Loch zugeschaufelt. Der Grundstein ruht in afrikanischer Erde. Als w\u00fcrde ein Traum begraben, damit er lebt. <\/p>\n<p><em>(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.02.2010)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Praktisch Wahnsinn: Christoph Schlingensief legt in Burkina Faso den Grundstein f\u00fcr sein afrikanisches Operndorf.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/498"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=498"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/498\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}