{"id":493,"date":"2010-02-06T18:43:45","date_gmt":"2010-02-06T16:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=493"},"modified":"2010-02-06T18:43:45","modified_gmt":"2010-02-06T16:43:45","slug":"heilender-zauber-aus-afrika-stuttgarter-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=493","title":{"rendered":"HEILENDER ZAUBER AUS AFRIKA (STUTTGARTER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Operndorf Christoph Schlingensief hat eine Vision. Und am Montag nimmt sie auch Gestalt an: in Burkina Faso. Von Roland M\u00fcller<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/_MG_3658.JPG\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"Festspielhaus Afrika \/ Burkina Faso\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Menschen, die gegen alle Widerst\u00e4nde ihren Lebenstraum verwirklichen, haben schon immer Bewunderung verdient. Vor ihrer Kraft und Leidenschaft, ihrer Ausdauer und Z\u00e4higkeit ziehen wir den Hut. Und wir ziehen ihn auch vor Christoph Schlingensief, der seiner Krankheit ein Projekt abgerungen hat, das viele Beobachter zun\u00e4chst f\u00fcr reine Narretei hielten. Das ist es aber nie gewesen. Sein k\u00fchnes und, wie man heute wei\u00df, eben keineswegs n\u00e4rrisches Gedankenprojekt nimmt handfeste Formen an: Am kommenden Montag legt der Aktionsk\u00fcnstler im westafrikanischen Burkina Faso den Grundstein f\u00fcr das Operndorf, dessen Realisierung er seit l\u00e4ngerem unerbittlich verfolgt. &#8222;Ich bin total gl\u00fccklich und freue mich wahnsinnig, dass es endlich losgeht&#8220;, sagt Schlingensief.<\/p>\n<p>Das klingt, als werde mit dem Operndorf tats\u00e4chlich ein Lebenstraum des K\u00fcnstlers wahr. Das klingt aber auch so, als fielen ihm doch Steine vom Herzen, Steine der Erleichterung, dass er diesen verwegenen Traum gegen alle Widerst\u00e4nde eben doch durchsetzen konnte. Schlingensief musste ja nicht nur seinen Lungenkrebs niederk\u00e4mpfen, sondern auch die Skepsis, auf die sein Plan anf\u00e4nglich stie\u00df: Ein Operndorf in Afrika? Was sollte das? Wollte da ein Wirrkopf einen Kulturtempel in den Busch stellen? Und war dieser Wirrkopf nichts anderes als ein moderner Fitzcarraldo? An Vorbehalten gegen\u00fcber dem Unternehmen, dem Schwarzen Kontinent eine Oper zu schenken, fehlte es jedenfalls nicht, auch nicht bei Francis K\u00e9r\u00e9: Als der in Berlin lebende, aber aus Burkina Faso stammende Architekt von dem Projekt h\u00f6rte, hielt er es f\u00fcr einen Scherz. Dann lernte er den Charismatiker Schlingensief kennen. Und heute ist er sein Baumeister in Laongo, wo das Operndorf aus der roten Erde der Savanne wachsen soll.<\/p>\n<p>Das Dorf, eine Autostunde von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt, soll wie ein traditioneller afrikanischer Kraal aussehen. K\u00e9r\u00e9 plant eine kreisf\u00f6rmige Siedlung, in deren Mitte das f\u00fcnfhundert Zuschauer fassende Festspielhaus steht. Rund um den Zentralbau gruppieren sich spiralf\u00f6rmig die weiteren Geb\u00e4ude: eine Schule f\u00fcrs Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch (in Spezialklassen) f\u00fcrs Musik- und Filmemachen, zudem eine Krankenstation und ein Restaurant, einige K\u00fcnstlerwerkst\u00e4tten und viele Wohnungen. Dass alles mit traditionellen Baumaterialien hochgezogen wird, daf\u00fcr sorgt der Baumeister, der schlie\u00dflich kein Unbekannter in der Szene ist. F\u00fcr eine \u00f6kologisch korrekte, den Natur- und Lebensverh\u00e4ltnissen angepasste Dorfschule in seinem Heimatort Gando hat Francis K\u00e9r\u00e9 den Aga-Khan-Preis erhalten, einen der wichtigsten Architekturpreise der Welt.<\/p>\n<p>Schlingensief selbst bezeichnet sein Operndorf als &#8222;soziales Kunstprojekt&#8220;. Weil aber das Soziale (die Schule, das Krankenhaus) und die Kunst (das Festspielhaus, die Werkst\u00e4tten) auch in Afrika nicht umsonst zu haben sind, war der Dorfgr\u00fcnder im vergangenen Jahr damit besch\u00e4ftigt, Geld f\u00fcr seinen Opernkraal aufzutreiben. Das ist ihm gelungen, trotz seiner Krankheit, die ihm zusetzte, trotz des Krebsgeschw\u00fcrs, das sich wieder in den K\u00f6rper fra\u00df, trotz der Chemotherapie, die ihn zun\u00e4chst mehr schw\u00e4chte als st\u00e4rkte. Unerm\u00fcdlich warb der bald F\u00fcnfzigj\u00e4hrige um sein Projekt, er sa\u00df in Talkshows und Theatern, ging auf Lesereise und gab Anteilsscheine aus. Wer je das Gl\u00fcck hatte, ihn bei einem seiner Auftritte zu erleben, sp\u00fcrte das vision\u00e4re Feuer, das in ihm brannte, so gl\u00fchend und lodernd, dass es bald auch seine K\u00fcnstlerfreunde erfasste. Zu den Unterst\u00fctzern des Operndorfs z\u00e4hlen heute (neben dem Goethe-Institut und der Bundeskulturstiftung) Herbert Gr\u00f6nemeyer, Roland Emmerich und Henning Mankell.<\/p>\n<p>Mehr als eine Million Euro hat Schlingensief auf diese Weise f\u00fcr Burkina Faso gesammelt. Wenn er das Geld jetzt in einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt investiert, k\u00f6nnte man darin also auch eine Art Entwicklungshilfe sehen. Schlingensief aber mag diesen Begriff nicht. Entwicklungshilfe: das hat f\u00fcr ihn etwas Hoheitliches, etwas gn\u00e4dig Gew\u00e4hrtes, ganz so, als w\u00fcrde der Gew\u00e4hrende f\u00fcr seine Arbeit keine Gegenleistung erhalten. Aber er erh\u00e4lt ja etwas zur\u00fcck, beteuert Schlingensief, sein Engagement werde doch bestens belohnt, n\u00e4mlich mit dem Reichtum fremder Kulturen und der Kraft und Spiritualit\u00e4t der Menschen, die diese Kulturen hervorgebracht haben. &#8222;Von Afrika lernen&#8220; &#8211; das ist das Motto, das deshalb auch offiziell \u00fcber seinem Projekt steht.<\/p>\n<p>Klar ist auch, was das Operndorf in Laongo nicht sein wird. Er plane dort kein &#8222;abgehobenes Bayreuth&#8220;, sagt Schlingensief, der schon im M\u00e4rz vor Ort ein Opern- und Tanzprojekt realisieren will. Aber Bayreuth und die Wagner-Festspiele, sie lasten wie ein Fluch auf ihm, b\u00f6se, hartn\u00e4ckig, unabweisbar, seit er dort den &#8222;Parsifal&#8220; herausgebracht hat. Die Inszenierung stand zwischen 2004 und 2007 auf dem Spielplan &#8211; und just in diesem Zeitraum ist der Regisseur auch vom D\u00e4mon Krebs befallen worden. Das sagten ihm die \u00c4rzte. Und sie sagten es ihm, merkw\u00fcrdig genug, auf den Tag genau zwei Jahre vor der Grundsteinlegung am kommenden Montag in Laongo.<\/p>\n<p>Schlingensief hat die Szene, in der er vom Ursprung seiner Krankheit erfuhr, in seinem Tagebuch festgehalten. &#8222;So sch\u00f6n wie hier kann&#8220;s im Himmel gar nicht sein&#8220;hei\u00dft das ber\u00fchrend intime Dokument, worin er am 8. Februar 2008, wenige Tage, nachdem ihm ein Lungenfl\u00fcgel entfernt worden ist, &#8222;eine extrem gute Nachricht&#8220; vermeldet: Sein Krebs ist \u00e4lter, als er dachte, weshalb der zerst\u00f6rerische D\u00e4mon, entgegen seinen urspr\u00fcnglichen Bef\u00fcrchtungen, nichts mit dem Tod seines Vater im Jahr zuvor zu tun haben k\u00f6nne. Und dann zitiert Schlingensief seinen Arzt. &#8222;Ich habe&#8220;, so Professor Kaiser, &#8222;voller Schrecken gelesen, dass Sie gesagt haben, nach Bayreuth bek\u00e4men sie Krebs. Ich bin ja nicht abergl\u00e4ubisch, aber sagen Sie so was nie wieder. Sagen sie so etwas nie wieder!&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter nun wird Schlingensief in der Mittagshitze der Savanne auf einem Acker stehen, um den Startschuss f\u00fcr sein Operndorf zu geben. Der Kulturminister aus Burkina Faso wird ihm dabei ebenso zuschauen wie der deutsche Botschafter, der dort seinen Dienst tut. Aber was sie und andere wichtige Menschen dabei sehen, ist wom\u00f6glich mehr als nur eine Grundsteinlegung. Es ist vielleicht auch der Versuch, einen Zauber zu beschw\u00f6ren: einen afrikanischen Gegenzauber zum germanisch menschenfressenden Bayreuth. Dreizehn Theatercontainer mit B\u00fchnenbauten und B\u00fchnenbildern, gestiftet von der Ruhrtriennale, treffen in diesen Tagen in Burkina Faso ein. Der Gegenzauber kann seine heilende Arbeit aufnehmen.<\/p>\n<p><em>Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 05.02.2010 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Operndorf Christoph Schlingensief hat eine Vision. Und am Montag nimmt sie auch Gestalt an: in Burkina Faso.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/493"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=493"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/493\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}