{"id":49,"date":"2005-11-04T15:36:48","date_gmt":"2005-11-04T13:36:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=49"},"modified":"2005-11-04T15:36:48","modified_gmt":"2005-11-04T13:36:48","slug":"der-testpilot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=49","title":{"rendered":"Der Testpilot"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Testpilot. Der Selbstprovokateur.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>&#8222;Liebe Touristen! Schie\u00dfen Sie Ihre Fotos! Schie\u00dfen Sie sie hinaus in die Welt. Zeigen Sie den Leuten da drau\u00dfen das wahre \u00d6sterreich. Konfrontieren Sie die Menschen mit dem B\u00f6sen, das hier in reinster Form regiert.&#8220; &#8211; Ein Container vor der Wiener Staatsoper, darauf Logos und Werbeslogans von KRONE und FP\u00d6, dazu nicht zuletzt die Aufforderung &#8222;AUSL\u00c4NDER RAUS&#8220;: Damit hat Christoph Schlingensief im Mai 2000 Zeit- und Kunst- und Wiener Festwochen-Geschichte geschrieben. Die internationale Beachtung und der nationale Schock, den diese Low-Budget-Aktion ausl\u00f6ste, waren derart \u00fcberw\u00e4ltigend, dass Schlingensief jahrelang nicht mehr nach Wien eingeladen wurde.<\/p>\n<p><strong>Von der &#8222;Church of Fear&#8220; ins &#8222;Bambiland&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Es bedurfte erst des Burgtheaters unter Klaus Bachler, dass der 1960 in Oberhausen geborene K\u00fcnstler, der mittlerweile die Reise- und Angst-Bewegung &#8222;Church of Fear&#8220; gegr\u00fcndet hatte, hierzulande wieder andocken und verunsichern durfte. &#8222;Bambiland\u201c, ein alle Sinne \u00fcberforderndes St\u00fcck Theaterkino, frei nach einem Text von Elfriede Jelinek, stellte mehrfach in Frage, was ein Nationaltheater wie die Burg in Zeiten globalisierter Un\u00fcbersichtlichkeit \u00fcberhaupt noch zu leisten hat, zu leisten vermag.<\/p>\n<p><strong>Der Animatograph<\/strong><\/p>\n<p>Er verst\u00f6rte in Bayreuth mit seinem &#8222;Parsifal&#8220; vor allem die Gralsh\u00fcter des wagnerschen Erbes. Er zog nach Island, um dort, inspiriert von der Bayreuther Drehb\u00fchne, einen &#8222;Animatographen&#8220; zu entwickeln, \u00aceinen trashigen Kunst- und Kinoraum, in dem sich Film-, Gedanken- und Assoziationssplitter quasi von selbst zu immer neuen Laufbildsequenzen montieren.<\/p>\n<p><strong>The African Twin Towers<\/strong><\/p>\n<p>Er zelebrierte an der Berliner Volksb\u00fchne &#8222;Kunst und Gem\u00fcse&#8220;. Und bevor er im J\u00e4nner kommenden Jahres erneut an der Burg arbeiten wird, baute er zuerst im ostdeutschen Neuhardenberg einen disneyesken, von deutschen Mythenmonstern bewohnten &#8222;Parsipark&#8220;, um dann, wieder mit dem Animatographen, nach Namibia zu reisen: In dem kleinen s\u00fcdwestafrikanischen K\u00fcsten\u00f6rtchen L\u00fcderitz drehte er u.a. mit Patti Smith und Irm Hermann seinen ersten Kinofilm seit acht Jahren: &#8222;The African Twin Towers&#8220;.<\/p>\n<p>Wem jetzt schon der Kopf schwirrt, dem geht es \u00e4hnlich wie Elfriede Jelinek, die w\u00e4hrend und nach der Wiener Container-Aktion nur noch dar\u00fcber staunte, &#8222;wie schnell Schlingensief im Reagieren ist. Dass er den Herrschenden die Zust\u00e4nde wie eine Torte ins Gesicht zur\u00fcckschmei\u00dft.&#8220; \u00d6sterreichische Aktionskunst von Schwarzkogler, Nitsch, Brus dient ihm dabei ebenso als Vorbild und z\u00fcndendes Moment wie Arbeiten von Joseph Beuys, Matthew Barney oder Paul McCarthy. Avantgardekino von Kurt Kren bis Werner Nekes hat er ebenso inhaliert wie Meisterwerke von Bunuel, Fellini oder Melville. <\/p>\n<p>Wer heute \u00fcber den &#8222;Theaterprovokateur&#8220; Christoph Schlingensief jubelt oder flucht, \u00fcbersieht, dass seine Wurzeln im Filmemachen (&#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220;) liegen. Und dass er sich eigentlich selbst schon eher im Bereich der Bildenden Kunst sieht. Und wenn man parallel dazu noch seine Interviews, Talkshow-Auftritte, Internet-Eintr\u00e4ge liest, dann hat man zumindest einen starken Eindruck davon, was er meinte, als er einmal sagte: &#8222;Ich bin ein Testpilot&#8220;, oder: &#8222;Ein Selbstprovokateur&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Angebote und Projektionen<\/strong><\/p>\n<p>Parteien hat er schon gegr\u00fcndet, wiederholt mit Vollgas diverse Karren in den Dreck oder an die Wand gefahren. Und immer wieder ist er mit fulminanten Bildern zur\u00fcckgekehrt, die er &#8211; siehe Container &#8211; gro\u00dfteils gar nicht selbst produzieren musste. Was das am Burgtheater im J\u00e4nner bedeuten k\u00f6nnte &#8211; vielleicht auf der Basis von Bachs &#8222;Matth\u00e4uspassion&#8220;, vielleicht auch in erneutem Dialog mit Elfriede Jelinek &#8211; dar\u00fcber kann man nur spekulieren.<\/p>\n<p>Sicher scheint derzeit nur eines: Einmal mehr wird sich die Drehb\u00fchne in Gang setzen, die Projektionen werden zu flackern beginnen, und letztlich werden nachher alle jene Bilder mit nachhause nehmen, die sie sich jeweils aus einer \u00dcberf\u00fclle an Schlingensiefschen Angeboten ausgesucht haben. Da bleiben meist diejenigen, die sich vorher schon ein fertiges Bild gemacht haben, au\u00dfen vor. F\u00fcr Schlingensiefs Besuch bei &#8222;Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch&#8220; verspricht das einiges an Z\u00fcndstoff. <\/p>\n<p>Text: Claus Philipp<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Eine Veranstaltung in Kooperation mit &#8222;Der Standard&#8220;, unterst\u00fctzt von der Investkredit Bank AG.<\/p>\n<p>Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch: Christoph Schlingensief<br \/>\nSonntag, 11. Dezember 2005<br \/>\n11:00 Uhr<br \/>\nGro\u00dfer Sendesaal<br \/>\nEintritt: EUR 9,-\/11,- Mit RadioKulturhaus-Vorteilskarte -10% bzw. -30% Erm\u00e4\u00dfigung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ank\u00fcndigung der ORF-Veranstaltung &#8222;Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch: Christoph Schlingensief&#8220; (Wien, 11.12.05) &#8230;und Denkzettel f\u00fcr all jene, die in Schlingensief noch immer den &#8222;Provokateur&#8220; sehen m\u00f6chten. Von Claus Philipp (Der Standard)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=49"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/49\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=49"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=49"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=49"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}