{"id":487,"date":"2010-01-22T19:01:13","date_gmt":"2010-01-22T17:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=487"},"modified":"2010-01-22T19:01:13","modified_gmt":"2010-01-22T17:01:13","slug":"schlingensief-und-kere-bei-zdf-aspekte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=487","title":{"rendered":"\u00bbVON AFRIKA LERNEN, WAS WIR NICHT MEHR K\u00d6NNEN\u00ab (ASPEKTE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief und sein Architekt Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 \u00fcber ihr Operndorf-Projekt in Burkina Faso. aspekte, Sendung am 22.01.2010 um 23.00 Uhr im ZDF<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief nennt ihn seine &#8222;Lebensversicherung&#8220; &#8211; ohne den Architekten Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 h\u00e4tte der Theaterregisseur sein Projekt &#8222;Festspielhaus in Afrika&#8220; nicht begonnen. Mittlerweile planen sie ein ganzes &#8222;Operndorf&#8220; in K\u00e9r\u00e9s Heimatland Burkina Faso. Der Architekt und Schlingensief fahren in zwei Wochen zur Grundsteinlegung des &#8222;Festspielhauses Afrika&#8220; &#8211; Zentrum des Dorfes. Eine Oper, eine Schule, Musik- und Tanzr\u00e4ume sowie ein Krankenhaus werden neben Wohnh\u00e4usern dort entstehen. Insgesamt sind bisher eine Million Euro Spenden zusammengekommen. Henning Mankell, Herbert Gr\u00f6nemeyer und Roland Emmerich unterst\u00fctzen das Projekt mit jeweils 100.000 Euro.<\/p>\n<div style=\"padding-top:26px;padding-bottom:28px;text-align:center;width:450;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/mediathek\/flashvideo2.php?type=mov&#038;b=450&#038;h=258&#038;id=2010-01-22_aspekte_festspielhaus\" width=\"450\" height=\"280\" name=\"video_inabox\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/div>\n<div style=\"padding-top:20px;font-size:11px;\"><strong>aspekte:<\/strong> Wie sind Sie zu dem Projekt &#8222;Festspielhaus Afrika&#8220; gekommen, aus dem ja jetzt ein Operndorf-Projekt geworden ist? Wie kam es zu dieser Entwicklung?<\/div>\n<p><strong>Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Als ich davon zum ersten Mal h\u00f6rte, war ich sehr \u00fcberrascht, ich hab gesagt &#8218;H\u00f6rt auf mit der Spinnerei&#8216; und es gedanklich abgetan. Auf einer Konferenz in S\u00fcdafrika habe ich dann Christoph Schlingensief kennen gelernt. Es folgten mehrere Gespr\u00e4che, ich habe Christoph sehr lieb gewonnen &#8211; das ist ja Wahnsinn, was f\u00fcr eine Vision er hat. Diese Vorstellung, die in Europa zu Hause ist: &#8218;Die Oper als Institution&#8216; ist ja in vielen Kreisen auch etwas verp\u00f6nt, da sie eigentlich nur f\u00fcr einige wenige Reiche bestimmt ist &#8211; ein Prestigeobjekt. Doch Christoph sprach von einem Kulturaustausch, von einem Zentrum, in dem Afrika sich darstellen kann. Da war ich der Meinung: Mensch, da muss man weiter dr\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p>Und so fingen wir an, uns auszutauschen und dar\u00fcber zu reden, Reisen nach Afrika zu unternehmen &#8211; bis wir den Platz f\u00fcr unser Projekt gefunden hatten: Laongo in Burkina Faso. Meine Begeisterung f\u00fcr das Projekt wurde immer gr\u00f6\u00dfer, weil ich gesehen habe, dass Christoph die Idee hat, Oper dahin zur\u00fcck zu bringen, wo ihr Ursprung liegt. Eine Protestbewegung also, aber auch eine soziale Begegnung, wo Arme und Reiche sich treffen. Afrika ist der Ort, an dem wirklich Bewegung da ist. Es wird eine Kultureinrichtung f\u00fcr alle Geschichten sein.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Gab es auch Zweifel an dem Projekt? Was hat die Hochwasserkatastrophe im September 2009 an den Pl\u00e4nen ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Ja, nat\u00fcrlich gab es gro\u00dfe Zweifel. Wie baut man so ein Haus? Wo f\u00e4ngt man an? Woher kommt das Geld? Aber Christoph kann ja mobilisieren, unglaublich kann der mobilisieren. Bei mir gab es die Zweifel, denn ich komme aus dem sozialen Bereich. Ich bin nach Deutschland gekommen, habe dort studiert und w\u00e4hrend ich studiert habe, habe ich ein Konzept entwickelt, wie ich meinen Leuten zuhause helfen kann. Ich habe angefangen, einfache H\u00e4user zu bauen &#8211; aus dem Material, was vor Ort war. Und pl\u00f6tzlich soll es hei\u00dfen: Er baut er eine Oper! Ich hatte nat\u00fcrlich Zweifel. Aber im Gespr\u00e4ch mit Christoph habe ich gemerkt, dass er jemanden finden wollte, der daraus was f\u00fcr die Menschen machen kann.<\/p>\n<p>Nach der Flut war ich mit unserem B\u00fchnenbildner in Burkina Faso &#8211; und wir fanden den Ort nicht mehr, den Christoph und ich ausgew\u00e4hlt hatten, er war von der Flut weggesp\u00fclt worden. Da wurde klar: Von einer Oper konnte man nicht mehr reden, das w\u00e4re eine Beleidigung f\u00fcr die Menschen. Das w\u00e4re nicht mehr der richtige Zeitpunkt gewesen. Und Christoph hat auf unsere neuen Vorschl\u00e4ge sofort reagiert, er sagte: &#8218;Ja, Francis soll anfangen, Prototypen zu entwickeln &#8211; so billig wie m\u00f6glich, ich werde etwas davon finanzieren, wir m\u00fcssen schnell was f\u00fcr die Menschen machen. Jetzt \u00e4ndern wir das Konzept und w\u00e4hrend wir bauen, lehren wir die Menschen, wie sie selber ihre H\u00e4user bauen und so entwickelt sich was.&#8216;<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Was wird im Operndorf passieren?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Zun\u00e4chst wird eine Werkstatt entstehen, von der aus wir zusammen mit Menschen aus Burkina Faso das Ganze aufbauen. Wir werden dann einen Veranstaltungsort aufbauen, der Kern der Anlage. Dann entwickeln wir Wohnr\u00e4ume f\u00fcr K\u00fcnstler, Umkleider\u00e4ume und so weiter. Was auch wichtig ist: Es wird dort eine Schule mit einer Film- und einer Musikklasse geben. Das hei\u00dft, es gibt Schulungsangebote f\u00fcr die Kinder der anliegenden D\u00f6rfer. Au\u00dferdem wird eine Krankenstation gebaut, nicht nur f\u00fcr die Leute die dort arbeiten werden, sondern auch f\u00fcr die Umgebung.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Welche Oper w\u00fcrden Sie am liebsten als allererste im fertigen Operndorf erklingen h\u00f6ren?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Das ist eine gro\u00dfe Frage. Das Allersch\u00f6nste w\u00e4re, wenn Christoph Schlingensief die Frauen aus meinem Dorf einl\u00e4dt, um dort zu singen. Alles, was dort passiert, soll Burkina Faso bereichern.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Was ist Ihre Herangehensweise und das Besondere an Ihrer Architektur?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9: <\/strong>Ich sage immer, dass es wichtig ist, an den Ort zu gehen, an dem ein Projekt umgesetzt wird und dort nachzufragen: Was erwarten und brauchen die Menschen? Der n\u00e4chste Schritt ist, zu schauen, was vor Ort an Baustoffen vorhanden ist. Lehm ist ein Problem, es wird in Afrika als &#8222;Arme-Menschen-Baustoff&#8220; betrachtet und aus Erfahrung wei\u00df man, dass ein Lehmbau die Regenzeit nicht \u00fcberlebt. Nach langen Untersuchungen und Forschungen habe ich eine Methode entwickelt, den Lehm so anzumischen, dass er dem Regen standh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Mein anderer Schwerpunkt ist es, H\u00e4user zu bauen, die keine k\u00fcnstliche Klimatisierung brauchen, da die Strompreise in Afrika gemessen am Pro-Kopf-Einkommen die h\u00f6chsten der Welt sind. Tags\u00fcber sind es \u00fcber 40 Grad in vielen Teilen Afrikas, da sind Bel\u00fcftungssysteme in H\u00e4usern sehr wichtig. Abgesehen von dem Projekt mit Christoph Schlingensief habe ich vor allem ein Traumprojekt: ein Forschungszentrum, um Menschen in Afrika zu schulen und zusammen mit Studenten zu arbeiten. Dann k\u00f6nnen alle voneinander lernen.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9:<\/strong> Mein Vater ist der Dorfh\u00e4uptling, also das traditionelle Oberhaupt meines Dorfes und ich bin sein erstgeborener Sohn. Aus diesem Grund bin ich der einzige aus unserem Dorf, der \u00fcberhaupt die Schule besuchen durfte, daf\u00fcr habe ich mein Dorf mit sieben Jahren verlassen. Sp\u00e4ter habe ich ein Stipendium von der Karl- Duisberg-Gesellschaft erhalten, so bin ich nach Deutschland gekommen, habe mein Abitur nachgeholt, um Architektur studieren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;font-size:11px;\"><strong>aspekte:<\/strong> Christoph Schlingensief, erz\u00e4hlen Sie von der Zusammenarbeit mit Francis K\u00e9r\u00e9.<\/div>\n<p><strong>Christoph Schlingensief:<\/strong> K\u00e9r\u00e9 ist der, der mir den Mut gibt, so ein Projekt zu machen. Eigentlich hat man ja nicht alle Tassen im Schrank, es geht eigentlich gar nicht. Aber er ist da geboren, hat da ein wunderbares Schulprojekt gemacht, was ich selber besichtigt habe. Er geht nicht nur hin und baut irgendwas mit einem Dach und einem kleinen G\u00e4rtchen, sondern er arbeitet an der Technik, der Bel\u00fcftung und so weiter. Als ich ihn getroffen habe, haben wir uns bereits nach zehn Minuten schon sehr gut verstanden &#8211; und jetzt noch viel besser.<\/p>\n<p>Er ist der, der mir in die Seite haut und sagt &#8218;Sehr gut&#8216; oder &#8218;Was willste denn jetzt wieder hier?&#8216;. Das ist meine Lebensversicherung, sonst sagt man ja: &#8218;Jetzt f\u00e4hrt er dahin und will noch &#8217;ne gute Tat tun bevor er abkratzt.&#8216; K\u00e9r\u00e9 ist der, der das Projekt immer wieder legalisiert, weil er da herkommt und weil er wei\u00df, es lohnt sich und er tut es auch f\u00fcr sein Land. Da dabei zu sein ist, das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck, das mir passieren konnte. Ohne ihn w\u00fcrde ich das nie machen.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Welche Oper werden Sie auff\u00fchren?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Die Oper hei\u00dft &#8218;Das Leben und nichts als das Leben&#8216;. Ich will kein Event f\u00f6rdern. Ich hab das Wort &#8218;Opernhaus&#8216; bewusst am Anfang gew\u00e4hlt, da sind sehr viel Leute drauf eingestiegen: der Krebspatient, der bald stirbt, will jetzt noch eine gute Zat tun. Fitzgeraldo, Kinski, was macht DER Irre jetzt? Das ist jetzt alles schon weg, jetzt ist das Operndorf da und das ist aus Aufrika, das hei\u00dft der Markenartikel wird letztenendes ein afrikanischer. Und langsam wird man auch gar nicht mehr vom Operndorf reden, vielleicht nur f\u00fcr die &#8218;erste Klasse&#8216; um Kontakt aufzunehmen, sp\u00e4ter wird man sich um den afrikanischen Begriff k\u00fcmmern. Ich w\u00fcrde den Teufel tun und da Opern auff\u00fchren von Wagner, das reicht schon v\u00f6llig in Bayreuth &#8211; man muss die Leute dort nicht damit qu\u00e4len.<\/p>\n<p><strong>aspekte:<\/strong> Was kann der Zuschauer im Festspiel-Dorf erleben?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> \u00c4rzte verschrieben im antiken Griechenland erkrankten Menschen das H\u00f6ren der Ch\u00f6re. Die Oper ist sowohl Musik als auch Heilung &#8211; als auch Leben, als auch die Polis. Es waren Schwerverbrecher in der Oper &#8211; und K\u00f6nige. Wie so eine Mischung von vielem, so stelle ich mir unser Projekt vor. Man geht nicht hin, um ein Event zu erleben, sondern vielleicht kommt man hin und l\u00e4uft in ein Krankenhaus, in dem gerade ein Kind zur Welt kommt. Dann geht man weiter und da sind Bienen am Baobab &#8211; am Affenbrotbaum &#8211; und erkennt: Das ist genau der Sound, den die Oper br\u00e4uchte, um lebendig zu werden. Ich glaube, dieser Ort ist ein Spiegel und eine Fl\u00e4che, an der wir von Afrika lernen, was wir nicht mehr k\u00f6nnen, f\u00fcr die Zukunft aber brauchen.<\/p>\n<p>Eine Oper selber wird vielleicht in vier Jahren unser Thema sein, bis dahin wollen wir erst mal das H\u00f6ren f\u00f6rdern, das Lernen am Menschen selber. Dann kann man sehen, ob man durch die Leute und Entwicklung vor Ort merkt: Jetzt k\u00f6nnen wir mit einem Kammerorchester beginnen, vielleicht wie in Offenbach. Ein Orchester mit 12 Leuten, vielleicht mit zwei Trommlern an Stelle der Pauke.<\/p>\n<p><em>von Felicitas Twickel <\/em><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;font-size:11px;\"><strong>Sendetermin: 22.01.2010, 23.00 Uhr, ZDF<\/strong><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/aspekte.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/7\/0,1872,8015303,00.html\">http:\/\/aspekte.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/7\/0,1872,8015303,00.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief und sein Architekt Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 \u00fcber ihr Operndorf-Projekt in Burkina Faso. aspekte, Sendung am 22.01.2010 um 23.00 Uhr im ZDF<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,9,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/487"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=487"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/487\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=487"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}