{"id":485,"date":"2008-06-15T11:01:18","date_gmt":"2008-06-15T09:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=485"},"modified":"2008-06-15T11:01:18","modified_gmt":"2008-06-15T09:01:18","slug":"prozession-multimedial-opernwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=485","title":{"rendered":"PROZESSION, MULTIMEDIAL (OPERNWELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>J\u00f6rg K\u00f6nigsdorf \u00fcber die szenische Urauff\u00fchrung der \u00abHeiligen Johanna\u00bb von Walter Braunfels in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende stehen drei Kreuze: In lichtem Lohengrin\u2019schen A-Dur, der in ihrem doppelten Symbolgehalt \u2013 sie steht zugleich f\u00fcr Golgatha und die heilige Trinit\u00e4t \u2013 wohl christlichsten aller Tonarten, verk\u00fcndet der Chor am Ende von Walter Braunfels\u2019 Jeanne d\u2019Arc-Oper den Sieg des Glaubens. Die Befreierin Frankreichs ist zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, doch ihr Herz blieb unversehrt \u2013 und am Ende triumphiert nicht der Satan, sondern die Hoffnung.<\/p>\n<p>Als Walter Braunfels dieses Finale seiner \u00abSzenen aus dem Leben der Heiligen Johanna\u00bb schrieb, hatte er solchen Seelentrost selbst bitter n\u00f6tig: Seit zehn Jahren lebte er, als Halbjude schon 1933 seines Amtes als Rektor der K\u00f6lner Musikhochschule enthoben, in seinem Haus am Bodensee in der inneren Emigration. Der einstige Erfolgskomponist, dessen Aristophanes-Oper \u00abDie V\u00f6gel\u00bb in den zwanziger Jahren weltweit Furore gemacht hatte, war so gut wie vergessen, durch Auff\u00fchrungsverbot seiner Werke aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein ausradiert. Es braucht das Wissen um diesen Hintergrund, wenn man die ganze Tragweite der \u00abHeiligen Johanna\u00bb begreifen will: Denn das zwischen 1938 und 1942 entstandene St\u00fcck ist nicht blo\u00df ein veropertes Passionsspiel, sondern in seiner zugleich affirmativen wie untergr\u00fcndig verunsicherten Sp\u00e4tromantik ein verzweifelter Versuch, sich selbst die ungebrochene G\u00fcltigkeit der konservativ bildungsb\u00fcrgerlichen Musiktradition zu be\u00adweisen. Und vor allem ist diese \u00abJohanna\u00bb ein pers\u00f6nliches Bekenntniswerk, in dessen klarsichtig unbeirrbarer M\u00e4rtyrerin sich Biografie und moralisches Wunschdenken des Komponisten spiegeln.<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlich ist allerdings auch, dass die Zeitgenossen nach 1945 mit dem heroisch hochgestimmten Ton Braun\u00adfels\u2019 wenig anzufangen wussten. Selbst nachdem in den neunziger Jahren \u00abDie V\u00f6gel\u00bb wieder fl\u00e4chendeckend im Repertoire etabliert worden waren, blieb die \u00abJohanna\u00bb in der Schublade. Lediglich konzertante Auff\u00fchrungen in Stockholm und M\u00fcnchen kamen vor einigen Jahren zustande. Und h\u00e4tte Kirsten Harms, die ausgrabungsfreudigste unter Deutschlands Opernintendanten, nicht schlie\u00dflich zugegriffen, h\u00e4tte das St\u00fcck vermutlich noch einige Jahre auf seine Urauff\u00fchrung warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dass sich der Republik zweitgr\u00f6\u00dftes Opernhaus der \u00abJohanna\u00bb annahm, ist ein Gl\u00fccksfall. Denn musikalisch kann das in dieser Spielzeit deutlich wiedererstarkte Haus diesem ausladenden, fordernden St\u00fcck die Bedingungen bieten, die es braucht: Braunfels\u2019 \u00fcppige Partitur mit ihren oftmals an Schreker erinnernden changierenden Klangfarbenmischungen verlangt ein gro\u00dfes Wagner- und Strauss-Orchester sowie gro\u00dfe Ch\u00f6\u00adre, und die achtzehn Solistenrollen kann ohnehin nur ein derart ausgestattetes Haus befriedigend besetzen. In Berlin ist f\u00fcr all das gesorgt: Ulf Schirmer zeigt am Pult ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Haar\u00adrisse, mit denen die Schaufassade von Braunfels\u2019 Partitur durchsetzt ist. Fast ins Expressionistisch-Groteske spitzt er die Jubelch\u00f6re des Volks zu und trifft in den intimeren Szenen genau den nachdenklich verlangsamten, aber dennoch magnetisch zielgerichteten Grundpuls der Musik. An der Spitze der durchweg stimmstarken S\u00e4ngerschar steht mit der jungen Amerikanerin Mary Mills eine konditionsstarke Johanna, deren Elisabeth-Sopran m\u00e4dchenhafte Zartheit mit missionarischer Leuchtkraft vereinigt \u2013 es d\u00fcrfte schwer sein, f\u00fcr diese Rolle eine bessere Besetzung zu finden.<\/p>\n<p>Dass andere Opernh\u00e4user \u00fcber Jahre vor diesem Werk zur\u00fcckgeschreckt sind, d\u00fcrfte ohnehin weniger an der bisweilen arg typisierten Zeichnung der Neben\u00adfiguren und den musikalischen Durststrecken liegen, die sich vor allem in den ersten beiden Akten finden, sondern eher am Stoff selbst: Wenn die Heiligen der katholischen Kirche auftreten und Johanna ihre Mission verk\u00fcnden, liefe jede naturalistische Inszenierung Gefahr, in passionsspielhaften Sakrokitsch abzugleiten. Dass Kirsten Harms deshalb mit Christoph Schlingensief einen Regisseur aussuchte, dessen Herangehensweise an Oper sich um die Anforderungen und Konventionen des Betriebs wenig schert, ist deshalb durchaus einleuchtend. Tats\u00e4chlich passt das bildkr\u00e4ftige Chaos, das Schlingensiefs B\u00fchnenfamilie mit ihren Zwergen und Ar\u00adtis\u00adten veranstaltet, gar nicht schlecht zur apokalyptischen Szenerie des hundertj\u00e4hrigen Krieges. Auch die verwackelten Filmzuspielungen von nepalesischen Begr\u00e4bnisritualen, mit denen Schlingensief den ersten Teil des St\u00fccks \u00fcberblendet, schaffen eine eigent\u00fcmlich lugubre, zwischen feierlichem Ernst und nerv\u00f6ser Spannung oszillierende Grundatmo\u00adsph\u00e4re.<\/p>\n<p>Dass die Inszenierung dennoch eher wie das Zwischenstadium eines kreativen Prozesses wirkt, d\u00fcrfte vor allem an ihren Entstehungsbedingungen liegen, die der Produktion im Vorfeld einen erheblichen Aufmerksamkeitsschub in den Medien verschafften. Weil Schlingensief w\u00e4hrend der Arbeit schwer erkrankte, \u00fcbernahm ein dreik\u00f6pfiges Regieteam in engem Kontakt mit ihm die Ausf\u00fchrung: Viele allzu plakative Ideen wie die Gleichsetzung von Johannas Kerker mit dem Krankenzimmer oder das Herabsenken einer ger\u00f6teten Lunge vom Schn\u00fcrboden auf die gr\u00fcbelnde M\u00e4rtyrerin w\u00e4ren unter anderen Umst\u00e4nden sicher noch modifiziert worden. Zumal im dritten Akt, dem musikalisch st\u00e4rks\u00adten der Oper, reduziert sich die Personenf\u00fchrung oft auf schlichtes Posieren an der Rampe. Auf der Strecke bleibt dabei zwar nicht Johanna, aber ihr hier im Phantom-of-the-Opera-Kost\u00fcm auftretender Widerpart Gilles de Rais, dem Morten Frank Larsen mit dramatischem Bariton eine elektrisierende Unrast verleiht: Dieser Mensch, sp\u00e4ter historisches Vorbild f\u00fcr den ber\u00fcchtigten Blaubart, ist bei Braunfels ein Suchender, dessen Beziehung zu Johanna von Bewunderung und Begehren gepr\u00e4gt ist und dessen Seele zum Guten ebenso wie zum B\u00f6sen kippen kann. Das zu zeigen, bleibt einer anderen Inszenierung vorbehalten. Braunfels\u2019 Oper, das unterstreicht die Urauff\u00fch\u00adrung nachdr\u00fccklich, ist die M\u00fche jedenfalls wert.<\/p>\n<p>Braunfels: Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna.<br \/>\nUrauff\u00fchrung am 27. April 2008.<br \/>\nMusikalische Leitung: Ulf Schirmer, Konzeption: \u00adChristoph Schlingensief, Regie: Anna-Sophie Mahler, S\u00f6ren Schumacher, Carl Hegemann, B\u00fchnenbild: \u00adThomas Goerge, Thekla von M\u00fclheim, Kost\u00fcme: Aino Laberenz, Film: Katrin Krottenthaler, Ch\u00f6re: William Spaulding.<br \/>\nSolisten: Mary Mills (Johanna), Morten Frank Larsen (Gilles de Rais), Paul McNamara (Hl. Michael), Daniel Kirch (Karl von Valois), Markus Br\u00fcck (Baudricourt), \u00adLenus Carlson (Tremoille) u. a.<\/p>\n<p><em>J\u00f6rg K\u00f6nigsdorf \/ opernwelt \/ Seite 8 \/ Juni 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg K\u00f6nigsdorf \u00fcber die szenische Urauff\u00fchrung der \u00abHeiligen Johanna\u00bb von Walter Braunfels in Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=485"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/485\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}