{"id":484,"date":"2009-05-20T14:58:59","date_gmt":"2009-05-20T12:58:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=484"},"modified":"2009-05-20T14:58:59","modified_gmt":"2009-05-20T12:58:59","slug":"schicksalsmelodien-opernwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=484","title":{"rendered":"SCHICKSALSMELODIEN (OPERNWELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Wiener Burgtheater meldet sich Christoph Schlingensief mit dem Pasticcio \u00abMea culpa\u00bb zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Das eigene Sterben, den eigenen Tod \u00f6ffentlich auszustellen, war lange ein Tabu. Inzwischen ist die (Selbst-)Darstellung des Lebensendes sogar auf dem Boulevard anzutreffen: \u00dcber Monate beherrschte in Gro\u00dfbritannien eine junge Frau namens Jade Goody die Medien, die durch eine britische \u00abBig Brother\u00bb-Staffel zu zweifelhafter Bekanntheit gekommen war und nach einer Krebsdiagnose die t\u00f6dliche Krankheit medial vermarktete. Am Wochenende ihres Todes meldete sich Christoph Schlingensief \u2013 auch er sucht seit der Entdeckung einer Krebserkrankung die mediale Offensive \u2013 mit seinem aktuellen Projekt \u00abMea culpa\u00bb am Wiener Burgtheater zur\u00fcck. Nach dem Bayreuther \u00abParsifal\u00bb, einem \u00abFliegenden Holl\u00e4nder\u00bb in Manaus und Walter Braunfels\u2019 \u00abJohanna\u00bb an der Deutschen Oper Berlin unternimmt er hier einen neuen Ausflug ins Musiktheater \u2013 und pr\u00e4sentiert eine \u00abReadyMadeOper\u00bb, in der sich Vorgefundenes und Neues wie in einem Pasticcio mischen.<\/p>\n<p>Zweieinhalb Stunden setzt sich der Regisseur, Filmemacher und Aktionsk\u00fcnstler mit seinem Schicksal auseinander, zeigt m\u00f6gliche Ursachen auf, karikiert Wunderheilungen (ein Ayurveda-Zentrum mit bizarrem Leitungsteam), baut Br\u00fccken ins Jenseits, das er sich so lange wie m\u00f6glich als Lebender vorstellen m\u00f6chte. Auf der Drehb\u00fchne von Janina Audick rotiert viel Bekanntes aus dem Arsenal fr\u00fcherer Schlingensief-Arbeiten: manches aus dem Bayreuther \u00abParsifal\u00bb, etwa ganze Sequenzen der Projektionen, aber auch ein \u00abZauberberg\u00bb des Klinikalltags, den eine Truppe typischer Schlingensief-Schauspieler bewohnt \u2013 darunter Irm Hermann und die (k\u00f6rperlich) kleine Karin Witt. Am Ende wird auf der B\u00fchne jenes afrikanische Festspielhaus sichtbar, von dem Schlingensief seit Langem tr\u00e4umt. Ein Symbol seiner Hassliebe zum Gr\u00fcnen H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Durch diesen Stoff hat Schlingensief gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Arno Waschk einen Opernparcours gebaut \u2013 \u00abauf dem R\u00fccken von Johann Sebastian Bach, Joseph Beuys, Johann Wolfgang Goethe, Edvard Grieg, J\u00f6rg Immendorff, Derek Jarman, Elfriede Jelinek, Emmerich Kalman, S\u00f8ren Kierkegaard, Gustav Mahler\u00bb und vielen anderen mehr. Zusammengehalten wird die heterogene Text- und Musiklandschaft von der Kranken- und Schaffensgeschichte des 1960 geborenen Multik\u00fcnstlers. Schlingensief tritt sogar selbst auf, kommentiert Werksequenzen, liest aus Werken anderer Autoren zu seinem Lebensthema. Er scheut sich nicht, intime Einsichten mitzuteilen. Und doch ger\u00e4t der Abend nie zur reinen Nabelschau. Einiges erz\u00e4hlt Schlingensief auch durch einen Schlingensief-Darsteller (Joachim Meyerhoff) \u2013 den Augenblick der Diagnose, die Selbstzweifel angesichts einer Kritik, die ihm den Ernst seiner Kunst nicht abnimmt, die Angst vor dem Tod und dem, was danach (nicht) kommt. Mit all dem nimmt er den Zuschauer hart ran, l\u00e4sst ihn aber auch immer wieder lachen \u00fcber das finale Thema des Menschen.<\/p>\n<p>So wie in \u00abMea culpa\u00bb hat Schlingensief selten inszeniert: Der erste Teil l\u00e4uft fast wie ein Musical ab. Arno Waschk r\u00fchrte f\u00fcr diese Seelenschau ein \u00fcberrumpelnd m\u00e4chtiges Gebr\u00e4u aus \u00abParsifal\u00bb, Chor\u00e4len und Broadway-Nummern an und servierte die gut gew\u00fcrzte Tonsuppe mit den Kl\u00e4ngen eines 65-k\u00f6pfigen Orchesters samt Chor. Die von Waschk beigesteuerten Eigenkompositionen reichen stilistisch von Wagner bis Sch\u00f6nberg und dar\u00fcber hinaus, bleiben indes stets originell und eigensinnig. Den Autoren geht es nicht um klassischen Wohlklang und Sch\u00f6ngesang: Der abschlie\u00dfende Liebestod aus \u00abTristan\u00bb etwa wird in der feinf\u00fchligen Interpretation einer greisen Schauspielerin als s\u00fc\u00df verlockende Diseusen-Nummer zelebriert.<\/p>\n<p>Doch Christoph Schlingensief, sagt sein B\u00fchnen-Alter-Ego, \u00abwill noch nicht\u00bb. Er muss erst seinen Traum verwirklichen, das Festspielhaus f\u00fcr Afrika. Und noch viel anderes erledigen: Das Buch \u00fcber seine Krankentage ist aufgelegt, die erste Suche nach Standorten f\u00fcr ein afrikanisches Neu-Bayreuth hat er hinter sich. Und \u00abMea culpa\u00bb wird l\u00e4nger gespielt als geplant: Wegen des enormen Erfolgs sollen im Juni weitere Auff\u00fchrungen an der Burg stattfinden. Schon gibt es Anfragen f\u00fcr Gastspiele. Christoph Schlingensief ist zur\u00fcck \u2013 und hat offensichtlich noch viel zu sagen.<\/p>\n<p><em>Claus Ambrosius \/ opernwelt \/ Seite 68 \/ Mai 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wiener Burgtheater meldet sich Christoph Schlingensief mit dem Pasticcio \u00abMea culpa\u00bb zur\u00fcck<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/484"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=484"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/484\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=484"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=484"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=484"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}