{"id":473,"date":"2009-12-25T05:52:12","date_gmt":"2009-12-25T03:52:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=473"},"modified":"2009-12-25T05:52:12","modified_gmt":"2009-12-25T03:52:12","slug":"schlingensief-im-kern-bin-ich-ein-punk-kurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=473","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF: &#8222;IM KERN BIN ICH EIN PUNK&#8220; (KURIER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief war als begnadeter Alleinunterhalter und Super-Responder zu Gast im Akademietheater. <\/strong><\/p>\n<p>Drei Stunden hat er geredet, ohne Punkt und ohne Beistrich, und doch keinen einzigen Satz aus seinem Buch (siehe unten) gelesen. Denn, &#8222;das lohnt sich nicht&#8220;.<br \/>\nChristoph Schlingensief machte auf seiner &#8222;Lese-Reise&#8220; am Freitag Halt im Akademietheater Wien. Und er erz\u00e4hlte lieber aus seinem bewegten Leben als Bericht zu erstatten \u00fcber den Verlauf seiner Lungenkrebs-Erkrankung. Nur soviel dazu: Dank des Medikaments Tarceba schm\u00fccke er sich nun mit dem neuen Beinamen &#8222;Super-Responder&#8220; (jemand, der auf ein Mittel sehr gut anspricht, Anm.) .<br \/>\nSeine aktuelle Selbstdefinition: &#8222;Ich bin ein wertekonservativer Mensch, aber im Kern doch ein Punk, mit der FDP hab&#8216; ich aber gar nichts zu tun &#8211; das w\u00e4re wie Teufel und Weihwasser.&#8220;<br \/>\nUnd, etwas Neues sei im Gange: &#8222;Die Haare wachsen wieder, zu Afrolocken, und die H\u00e4nde werden dunkler &#8230;&#8220; Schon ist er angekommen beim wahren Thema des Abends: Seinem Festspielhaus-Projekt in Afrika, f\u00fcr das er unerm\u00fcdlich Geld sammelt. Am 5. Februar soll die Grundsteinlegung in Burkina Faso erfolgen, f\u00fcr einen von Francis K\u00e9r\u00e9 entworfenen Komplex, der auch eine Musik- und Filmschule, eine Krankenstation und ein Hotel f\u00fcr spendenfreudige Besucher beherbergen soll.<\/p>\n<p>An \u00dcberzeugungskraft hat der Allroundk\u00fcnstler nichts verloren, vielleicht ist er durch die Krankheit noch authentischer geworden.<\/p>\n<p><strong>Der Schelm als rohes Ei<\/strong><\/p>\n<p>Selbst der Behauptung, seine vielschichtige Pers\u00f6nlichkeit bei gleichzeitigem Drang zur Ganzheitlichkeit sei darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass er Einzelkind geblieben ist, obwohl seine Eltern sechs Kinder haben wollten, kann man etwas abgewinnen.<\/p>\n<p>Schelmisch spielt er mit der Tatsache, dass viele Menschen einem Krebskranken begegnen, als w\u00e4re er ein rohes Ei &#8230;<br \/>\nUm die Besucher, die nur sein Buch kennen, dahin zu f\u00fchren, wo er jetzt steht, holt er weit aus. L\u00e4sst ein Tagebuch in Wort und Bild &#8211; via Laptop spielt er auch Filme ein &#8211; abschnurren, das vor Querverweisen und zeitlichen Spr\u00fcngen nur so strotzt und dennoch ein stimmiges Gesamtbild ergibt.<br \/>\nZum Tr\u00e4nen lachen: Seine Probenberichte aus Bayreuth, mit einem eitrigen Zahn von Gudrun Wagner und der Bereitschaft von Tochter Katharina, alles zu geben, in tragenden Rollen.<br \/>\nImmer noch nachdenklich machend: Seine &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220;-Aktion vor der Staatsoper. Immer noch lustig: Seine ersten Film-Versuche und die Geschichte der &#8222;Chance 2000&#8220;-Partei, die darin gipfelte, dass Arbeitslose in den Wolfgangsee sprangen, um Helmut Kohls Badeh\u00fctte zu fluten.<\/p>\n<p><strong>Tagebuch: Worte finden, wo die Worte oft fehlen<\/strong><\/p>\n<p>Allein der Titel: &#8222;So sch\u00f6n kanns im Himmel gar nicht sein!&#8220; Und der Nachsatz: &#8222;Ich schaue aus dem Fenster und staune, als h\u00e4tte ich noch nie Sonne und Wolken gesehen&#8220;.<br \/>\nChristoph Schlingensief ist der lebendigste und \u00f6ffentlichste Beweis daf\u00fcr, dass Ironie und \u00dcberheblichkeit aus dem Leben weichen, wenn dieses droht, zu entweichen.<br \/>\nDer K\u00fcnstler, der stets Grenzen gesucht, Gegnern gern Ecken und Kanten geboten hat, stand 2008 vor der Diagnose Lungenkrebs. Das Unfassbare und doch pl\u00f6tzlich so real Existierende hat er in ein Diktierger\u00e4t gesprochen: rasende Gedanken, neue Emotionen, Fl\u00fcche, \u00c4ngste, Zweifel und Qualen; Zwiegespr\u00e4che mit Gott, mit seinem verstorbenen Vater, mit sich selbst. Ein bewegendes Buch, das Mut dazu machen will, \u00fcber das Unsagbare zu sprechen.<\/p>\n<p><em>Von Caro Wiesauer (Kurier vom 20.12.2009)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief war als begnadeter Alleinunterhalter und Super-Responder zu Gast im Akademietheater. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/473"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=473"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}