{"id":471,"date":"2009-12-26T05:41:03","date_gmt":"2009-12-26T03:41:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=471"},"modified":"2009-12-26T05:41:03","modified_gmt":"2009-12-26T03:41:03","slug":"von-afrika-lernen-geht-das-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=471","title":{"rendered":"VON AFRIKA LERNEN &#8211; GEHT DAS? (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir im Norden wissen viel zu wenig \u00fcber afrikanische Wege und L\u00f6sungen. Wir m\u00fcssen lernen, den Kontinent als eigenst\u00e4ndigen Akteur zu verstehen und zu respektieren.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_koehler_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"ZEIT Feuilleton 53\/2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Ich habe viel gelernt von der Privatisierung der Cashewnuss. Es war im Jahr 2001 in Mosambik. Ich kam als Direktor des IWF und wollte mit dem damaligen mosambikanischen Pr\u00e4sidenten Chissano \u00fcber die Privatisierung der Cashewnuss-Produktion sprechen. Doch das Gespr\u00e4ch verlief anders als erwartet. Chissano nahm sich Zeit f\u00fcr mich. Er erkl\u00e4rte mir sein Land. Er machte mir geduldig klar, dass dem Plan meiner Experten eine wichtige Grundlage fehlte: In Mosambik, so sagte er, gebe es nur begrenzt individuelle Eigentumsrechte an Grund und Boden. In seinem Land geh\u00f6re das Land der Gemeinschaft, und diese Form des gemeinschaftlichen Eigentums an Land sei tief in der Kultur verwurzelt. Sie k\u00f6nne nicht einfach \u00fcbergangen werden.<\/p>\n<p>Als das Gespr\u00e4ch zum Ende kam, hatte ich den Eindruck, wir hatten beide voneinander gelernt. Chissano war sich im Klaren dar\u00fcber, dass die Cashewnuss-Produktion in seinem Land unwirtschaftlich war und den Staatshaushalt belastete. Mir war bewusst geworden, dass die Privatisierung der Staatsbetriebe in Mosambik nicht einfach an einem gr\u00fcnen Tisch in Washington beschlossen werden kann. Mir d\u00e4mmerte: Wir im Norden wissen viel zu wenig \u00fcber afrikanische Wege und afrikanische L\u00f6sungen. Auf der Suche nach diesen L\u00f6sungen k\u00f6nnen wir hilfreich sein. Aber nur dann, wenn wir aufh\u00f6ren, Afrika als Objekt oder als Projektionsfl\u00e4che zu sehen. Wir m\u00fcssen lernen, Afrika als eigenst\u00e4ndigen Akteur aus eigenem Recht, mit eigener Erfahrung zu verstehen und zu respektieren.<\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen wir europ\u00e4ische Entwicklungsvorstellungen einfach auf Afrika \u00fcbertragen haben, ohne auf die besonderen Umst\u00e4nde vor Ort zu achten, sind vorbei. Bis heute k\u00e4mpfen viele afrikanische L\u00e4nder damit, dass die aus Europa \u00fcbernommene Idee des Nationalstaats sich nur schwer mit den Realit\u00e4ten ihrer durch eine Vielzahl von V\u00f6lkern und Sprachen gekennzeichneten Gesellschaften in Einklang bringen l\u00e4sst. Die Frage, wie das Zusammenleben verschiedener Gruppen friedlich gestaltet werden kann und was unter solchen Umst\u00e4nden ein Gemeinwesen zusammenh\u00e4lt, muss aus den afrikanischen Gesellschaften heraus beantwortet werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden bei der Gestaltung eines solch komplizierten Prozesses auch Fehler gemacht. Haben wir schon vergessen, dass Europa Jahrhunderte brauchte, um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu entwickeln? Und sind wir glaubw\u00fcrdig, wenn wir duldsam mit autorit\u00e4ren afrikanischen Pr\u00e4sidenten umgehen, damit wir im Gegenzug Rohstoffvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>In Afrika liegt noch vieles im Argen. Armut, Korruption und Misswirtschaft sind gro\u00df. Dies zu \u00e4ndern liegt in der Hauptverantwortung der Afrikaner. Aber der Norden hatte und hat bis heute Mitschuld an den Verh\u00e4ltnissen. Noch immer wissen wir zu wenig voneinander. Wir sollten aber auch anerkennen, dass Afrika im Aufbruch ist. Daf\u00fcr gibt es genug Beispiele. Vielleicht haben uns Afrikaner in manchem sogar etwas voraus. Sie mussten sich immer wieder mit anderen Kulturen auseinandersetzen und neu anpassen. Althergebrachtes wurde infrage gestellt oder sogar zerst\u00f6rt, Neues entstand. Und die Menschen haben trotzdem nach vorn geschaut und das Beste daraus gemacht. Dazu geh\u00f6ren Mut und Selbstbehauptungswillen. Der junge Parlamentarier Zitto Kabwe aus Tansania hat mir einmal gesagt, dass wir Deutschen von Afrikanern zum Beispiel lernen k\u00f6nnen, wie man Solidarit\u00e4t in der Gemeinschaft pflegt und sich auf Neues einstellt.<\/p>\n<p>Und bei meinen Begegnungen mit Vertretern der afrikanischen Zivilgesellschaft hat mich sehr beeindruckt, dass die Menschen trotz vieler R\u00fcckschl\u00e4ge an der Idee der Demokratie festhalten. Aber das Ergebnis wird keine Kopie des westlichen Modells sein, sondern eine Demokratie mit afrikanischem Gesicht.<\/p>\n<p>Heute leben die meisten Menschen in Afrika mit mehreren Sprachen, Identit\u00e4ten und kulturellen Welten. Sie vereinbaren Traditionen und moderne Einfl\u00fcsse in ihrem Alltag. Und sie nutzen diese Vielfalt mit Flexibilit\u00e4t, Ideenreichtum und Optimismus. Junge Afrikaner sprechen oft nicht nur eine oder mehrere europ\u00e4ische, sondern auch verschiedene afrikanische Sprachen. Sie benutzen traditionelle Rituale genauso selbstverst\u00e4ndlich wie ihr Mobiltelefon.<\/p>\n<p>L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme unserer Zeit k\u00f6nnen nicht mehr allein von den Industriel\u00e4ndern entwickelt werden. Wir brauchen auch das Mitmachen und die Kreativit\u00e4t der Afrikaner. Wir brauchen Konzepte, die allen Menschen ein gutes Leben erm\u00f6glichen. Und wir m\u00fcssen unsere universalen Werte gemeinsam weiterentwickeln, damit sich die Menschen in anderen Weltregionen darin st\u00e4rker wiederfinden. Ich bin sicher, dass Afrika hier sehr viel beitragen kann. Denn traditionelle afrikanische Philosophien sind \u00e4hnlich den asiatischen von einem ganzheitlichen Denken gepr\u00e4gt. Beispielsweise setzt die aus S\u00fcdafrika stammende Ubuntu-Philosophie vor allem auf wechselseitigen Respekt und gegenseitige Anerkennung, auf die Achtung der Menschenw\u00fcrde und das Streben nach einer harmonischen Gesellschaft. Sie geht davon aus, dass das Gl\u00fcck des Einzelnen oder einer Gesellschaft immer auch von anderen Menschen oder Gesellschaften abh\u00e4ngt. Wie k\u00f6nnte man die Situation, in der sich die Menschheit in unserer globalisierten Welt befindet, besser beschreiben?<\/p>\n<p>Ich glaube, wir d\u00fcrfen nicht lockerlassen, die Grundlagen f\u00fcr ein Weltethos auf allen Kontinenten zu verankern. Und in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts m\u00fcssen wir weiter an einem gemeinsamen Weltrecht arbeiten. Wir werden dabei in Afrika aber schneller zum Erfolg kommen, wenn wir traditionellen afrikanischen Wegen der Vers\u00f6hnung und Aufarbeitung Raum geben.<\/p>\n<p>Eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft ist die Frage, wie wir mit \u00f6ffentlichen G\u00fctern, vor allem mit unseren nat\u00fcrlichen Ressourcen, umgehen. M\u00fcssen wir uns vor dem Hintergrund des drohenden Klimawandels nicht neu mit der Idee des Gemeinguts befassen? Ich bin \u00fcberzeugt, Pr\u00e4sident Chissano k\u00f6nnte uns hierzu manches sagen. Wir sollten viel mehr den offenen Dialog mit den Afrikanern suchen. Das setzt echtes Zuh\u00f6ren voraus und verlangt den gleichberechtigten Austausch zwischen Politikern, aber auch weisen Pers\u00f6nlichkeiten, Wissenschaftlern, Jugend und Zivilgesellschaft. Warum hat die Europ\u00e4ische Union nicht l\u00e4ngst \u2013 mit deutscher Unterst\u00fctzung \u2013 ein afrikanisch-europ\u00e4isches Jugendwerk auf die Beine gestellt?<\/p>\n<p>Voneinander lernen, das bedeutet im 21. Jahrhundert vor allem miteinander lernen. Fairer Interessenausgleich und geteilte Verantwortung haben f\u00fcr uns eine existenzielle Bedeutung. L\u00e4ngst stellt sich nicht mehr die Frage, ob wir voneinander lernen k\u00f6nnen, sondern wie wir diesen Lernprozess gestalten. Wenn wir die Globalisierung zum Wohle aller pr\u00e4gen wollen, dann m\u00fcssen wir zu einer Lerngemeinschaft werden. Dabei geht es nicht darum, dass wir immer denselben Weg w\u00e4hlen. Entscheidend ist f\u00fcr mich, dass wir die eigenst\u00e4ndige Leistung des anderen respektieren. Dann werden wir auch verstehen, warum Afrika manchmal andere Antworten gibt, als wir erwarten.<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir im Norden wissen viel zu wenig \u00fcber afrikanische Wege und L\u00f6sungen. Wir m\u00fcssen lernen, den Kontinent als eigenst\u00e4ndigen Akteur zu verstehen und zu respektieren (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/471"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=471"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/471\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=471"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=471"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=471"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}