{"id":470,"date":"2009-12-26T05:38:51","date_gmt":"2009-12-26T03:38:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=470"},"modified":"2009-12-26T05:38:51","modified_gmt":"2009-12-26T03:38:51","slug":"afrika-ist-langst-angekommen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=470","title":{"rendered":"AFRIKA IST L\u00c4NGST ANGEKOMMEN (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum auch in der internationalen Kulturarbeit Entwicklungshilfe ein umstrittener Ansatz ist<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_afrika_hilfe_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"ZEIT Feuilleton 53\/2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Erwarte von mir keinen Bonus, weil du Afrikaner bist. Wenn du gut sein willst, dann musst du lernen, lernen, lernen.\u00ab Dies sagt nicht etwa ein evangelischer Missionar, sondern der viel besch\u00e4ftigte Kameruner Kurator Simon Njami. Er sagt es zu einem Dutzend Fotografen, die aus allen Ecken des Kontinents auf Einladung des Goethe-Instituts zur Fotobiennale nach Mali gekommen sind, um im Kreis internationaler Experten ihre aktuellen Projekte vorzustellen: \u00bbBei uns fehlen leadership, Verantwortung und Ehrgeiz. Aber wie sollen die auch entstehen, wenn alle Nase lang selbst ernannte Helfer aus fremden L\u00e4ndern mit neuen Ideen und anderen Finanzierungsquellen kommen, die ein ertr\u00e4gliches Auskommen sichern? Der K\u00fcnstler muss sich wehren gegen diese Parallelwelt der Liebhaberei.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Art, sich zu wehren, k\u00f6nnte die Losung \u00bbExperiment. Radikalit\u00e4t. Revolution\u00ab sein. Sie ist das Motto der in Kapstadt vorletzte Woche er\u00f6ffneten Ausstellung DADA South?. Die Kuratoren befragen die politische Kraft zeitgen\u00f6ssischer Kunst und erheben Kritik zum Prinzip. In Zeiten, in denen angesichts der bevorstehenden Fu\u00dfballweltmeisterschaft offenbar eher ein positives nation branding angesagt ist und die Folklorisierung S\u00fcdafrikas im Vordergrund zu stehen scheint, ist das, gerade aus Sicht eines europ\u00e4ischen Kulturschaffenden, eine naheliegende Intervention. Doch es ist komplizierter. Es hagelt Proteste: Wieder werde ein europ\u00e4ischer Referenzrahmen gesetzt, um die eigene Identit\u00e4t zu erkl\u00e4ren. Damit stecke die Ausstellung in demselben Dilemma wie die Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission: Anstatt den Opfern einen Weg zu weisen, mit der Vergangenheit umzugehen, verschaffe sie den T\u00e4tern Entlastung. Der richtige Weg sei es, zu einer eigenen Geschichtsschreibung zu kommen und sich nicht weiter \u00fcber die Wei\u00dfen zu definieren.<\/p>\n<p>Wir Europ\u00e4er sehen in der kritischen Distanz zur politischen Nomenklatur die Voraussetzung k\u00fcnstlerischen Schaffens, w\u00e4hrend in weiten Teilen Afrikas der Gemeinsinn stiftende Aspekt der Kunst im Vordergrund steht: Stammesf\u00fchrer, B\u00fcrgermeister und Minister sind selbstverst\u00e4ndlich Teil des rituellen Ganzen. Dabei vergisst man leicht die Bilder von sich gegenseitig abschlachtenden Br\u00fcdern und Schwestern \u2013 die Bankrotterkl\u00e4rung f\u00fcr die vermeintliche Wirkung der Kunst Afrikas. Die Frage nach der Rolle der Kunst und des internationalen Kulturaustausches in den L\u00e4ndern s\u00fcdlich der Sahara ist kompliziert und alles andere als beantwortet; die Diskussionen um die richtigen Konzepte auf europ\u00e4ischer Seite sind zuweilen noch immer von Unkenntnis der offenen Wunden, die die Kolonialzeit hinterlie\u00df, gekennzeichnet.<\/p>\n<p>\u00bbIch m\u00f6chte mich\u00ab, so Pascal Marthine Tayou, dessen Arbeiten auf den Biennalen dieser Welt zu sehen sind, \u00bbals K\u00fcnstler ernst genommen f\u00fchlen und nicht als Afrikaner. Ich will nicht bemitleidet werden, sondern mich messen mit den Besten.\u00ab Und die Besten sind f\u00fcr Afrika gerade gut genug. Die radikalen Vision\u00e4re, die die Wirklichkeit spielerisch aufnehmen, um neue Erfahrungen zu erm\u00f6glichen. Die der Sch\u00f6nheit Fl\u00fcgel verleihen, ohne in Ethnokitsch abzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p>So wie der Mosambikaner Dario Fonseca. Die Protagonistin seines neuesten Films entflieht dem Martyrium h\u00e4uslicher Gewalt, indem sie nicht nur gegen ihren Mann, sondern auch gegen die gesellschaftlichen Konventionen anrennt. Oder die Filmemacherin Wanuri Kahiu, deren letzter Film im postapokalyptischen Kenia spielt, wo eine junge Frau ihre hochtechnisierte Stadt verl\u00e4sst, um sich auf die Suche nach der Natur zu begeben. Oshi Hiveluah hingegen erz\u00e4hlt die Geschichte eines namibischen Kriegsveteranen, den die Vergangenheit einholt, als er zuf\u00e4llig seinem ehemaligen Folterer begegnet. All dies sind cineastische Fragmente eines Kontinents in Bewegung. Bed\u00fcrftigkeit als Credo war einmal \u2013 heute gilt es, Selbstbewusstsein und k\u00fcnstlerische Kraft zu demonstrieren.<\/p>\n<p>Wie die Protagonisten der Kurzfilme befinden sich allerdings auch ihre Macher in einem Geflecht von widerspr\u00fcchlichen Anforderungen. Innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften und oft auch Familien m\u00fcssen sie, um etwa vom Au\u00dfenseiter zum Insider zu werden, den Ungleichzeitigkeiten individueller und kollektiver Erfahrung Rechnung tragen. Im internationalen Kontext sehen sie sich mit einer Vielzahl von Zuschreibungen konfrontiert, durch die in der Regel die alten Klischees von Armut und Krise reproduziert werden. Doch den Anpassungsdruck wissen sie nicht nur zu parieren, sondern zum eigenen Nutzen zu gestalten.<\/p>\n<p>Dabei spielen neue Netzwerke eine zunehmend gro\u00dfe Rolle. Das Privileg der internationalen Vernetzung ist im Zeitalter von Twitter und Facebook nicht mehr den ausl\u00e4ndischen Kulturinstituten, wie etwa dem Goethe-Institut, vorbehalten. Umso wichtiger ist es, transparent zu arbeiten und die eigenen Interessen deutlich zu formulieren. Das Goethe-Institut hat erfreulicherweise eine bemerkenswert hohe Glaubw\u00fcrdigkeit in Afrika \u2013 gerade im Vergleich zu anderen europ\u00e4ischen Kulturinstituten, deren Grad an Autonomie gegen\u00fcber ihren Regierungen weitaus geringer ist.<\/p>\n<p>Eine sinnvolle Kulturarbeit versucht, die kulturell produktiven R\u00e4ume zu finden und zu bespielen, in denen differenzierte Identit\u00e4ten wachsen. In Afrika \u00f6ffnen sich diese wie \u00fcberall auf der Welt in den komplexen Lebenswelten zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Virtualit\u00e4t, Projektion und Wirklichkeit, zwischen Stadt und Land. Die spezifischen Arbeitsbedingungen der K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen in Afrika m\u00fcssen ber\u00fccksichtigt werden. Das schlie\u00dft die Bereitstellung von Infrastruktur und Produktionsmitteln ebenso ein wie die Unterst\u00fctzung einer \u00d6ffentlichkeit, die den Mehrwert von Kunst achtet. Und dazu geh\u00f6rt auch eine Nachwuchsf\u00f6rderung, die jedem, der es m\u00f6chte, die M\u00f6glichkeit gibt, seine Talente zu entdecken und auszubauen. Die \u00dcberwindung der Widrigkeiten und Widerst\u00e4nde, die eine kontinuierliche Ausbildung verhindern, ist ein herausragendes Ziel, um das Recht, aber auch den Stolz zu f\u00f6rdern, teilhaben zu k\u00f6nnen an einer vielschichtigen Welt. \u00bbEine der schwierigsten Sachen ist nicht, die Gesellschaft zu \u00e4ndern, sondern sich selbst\u00ab, hat Nelson Mandela im Jahr 2000 gesagt.<\/p>\n<p>Der Generalverdacht, dass der Anteil der Kunst an diesen Ver\u00e4nderungsprozessen gegen\u00fcber den Schwergewichten der internationalen Entwicklungspolitik eine in Afrika zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfe sei, ist l\u00e4ngst aufgehoben. \u00dcber das Klischee hinaus sind Imagination und Improvisation auf dem Kontinent so weit verbreitet, dass wir ruhig mal etwas ohne schlechtes Gewissen abgucken d\u00fcrfen und eigentlich dann erst wissen, dass Afrika als gleichwertiger Partner in dieser Welt angekommen ist.<\/p>\n<p><em>Peter Anders ist Programmleiter des Goethe-Instituts Subsahara Afrika und hat das Operndorf-Projekt von Christoph Schlingensief von Anfang an in Afrika begleitet. Er hat in den neunziger Jahren f\u00fcnf Jahre f\u00fcr das Goethe-Institut in Kamerun gearbeitet, dann unter anderem in Brasilien. Zurzeit lebt er in Johannesburg.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum auch in der internationalen Kulturarbeit Entwicklungshilfe ein umstrittener Ansatz ist (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/470"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=470"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/470\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}