{"id":47,"date":"2005-11-04T12:30:53","date_gmt":"2005-11-04T10:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=47"},"modified":"2005-11-04T12:30:53","modified_gmt":"2005-11-04T10:30:53","slug":"laudatio-zum-hofer-filmpreis-fur-christoph-schlingensief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=47","title":{"rendered":"Laudatio zum Hofer Filmpreis f\u00fcr Christoph Schlingensief"},"content":{"rendered":"<p><strong>Laudatio von Peter W. Jansen, anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof an Christoph Schlingensief im Rahmen der Hofer Filmtage 2005<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n[\u2026] Nicht weit von hier, am Marktplatz, wo die Filme \u00fcber die Leinw\u00e4nde toben, ist es passiert, vor ziemlich genau 21 Jahren. Damals war der Mann, der vor wenigen Tagen 45 geworden ist, gerade mal 24, und die Freunde Redakteure von \u201easpekte\u201c fanden mich mal wieder ziemlich bescheuert, dass ich diesen Knaben mit seinem wirrk\u00f6pfigen Film vor die Kamera bringen wollte, und das auch noch live. [\u2026]\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/preishof1gross.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Der diesj&Atilde;&curren;hrige Preistr&Atilde;&curren;ger des Filmpreises der Stadt Hof: Christoph Schlingensief, zusammen mit Dieter D&Atilde;&para;hla, Oberb&Atilde;&frac14;rgermeister der Stadt Hof\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Jedenfalls hat er mich seitdem mit Freundlichkeiten geradezu \u00fcbersch\u00fcttet, worauf ich prompt alle seine schlimmen Filme, sofern ich ihrer habhaft werden konnte, \u00fcber den gr\u00fcnen Klee gelobt habe. Zum Beispiel 100 Jahre Adolf Hitler &#8211; Die letzte Stunde im F\u00fchrerbunker. Das muss im Februar 89 in Berlin gewesen sein. Es war saukalt und schon nach Mitternacht, aber es gab, glaub ich,  nur diese einzige Vorstellung im alten Kino Arsenal in der Welserstrasse. Denn dort hatte das Forum, das sich offenbar weder-noch traute, also weder Schlingensief abzulehnen noch ihn vollekanne im Delphi zu pr\u00e4sentieren, dort hatte man diese irrwitzige Groteske entsorgt. Als jetzt, vor einem Jahr, der millionenschwere Ganz-Hitler-Untergang oder Untergang-Ganz-Hitler oder Hitler-Ganz-Untergang aus dem immer noch fruchtbaren Schoss kroch, war sp\u00e4testens klar, dass die letzte Stunde im F\u00fchrerbunker l\u00e4ngst ihre musterg\u00fcltige Darstellung gefunden hatten: weil man auf eine Groteske nur mit einer Groteske antworten kann. Wie Lubitsch mit To Be Or Not To Be, Mel Brooks mit Springtime for Hitler und Jerry Lewis in Which Way to the Front hat dieser Schlingensief dem deutschen Wahnsinn die Stirn geboten und ihm das Kains-Zeichen eingebrannt. Und das f\u00fcr eine Handvoll Dollar. <\/p>\n<p>Oder, meine Damen und Herren, denken Sie an das Deutsche Kettens\u00e4genmassaker. Das war wieder hier, wo die Filme \u00fcber die Leinw\u00e4nde toben, hier also in Hof, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Am 26. Oktober 1990, und der 24j\u00e4hrige war inzwischen 30 geworden. Und die sogenannte deutsche Wiedervereinigung hatte gerade erst stattgefunden, wenigstens offiziell, denn wirklich stattgefunden hat sie noch lange nicht, auch wenn wir inzwischen von einer Ossi regiert werden sollen. Das ist, wie wir wissen, nicht ohne Hauen und Stechen abgegangen, und sie wird ja inzwischen auch von einer Weisswurst bombadiert,  das h\u00e4tten wir sp\u00e4testens schon vor 15 Jahren wissen m\u00fcssen: das ist und bleibt ein deutsches Kettens\u00e4genmassaker. Und auch wenn die Ossis inzwischen den Dreh heraushaben, nicht in den Fleischw\u00f6lfen der Wessis verwurstet zu werden: dieser Schlingensief hatte es ihnen angesagt und die Wurstfabrik namhaft gemacht, die dann zum Beispiel den Titel \u201eTreuhand\u201c tragen sollte. [\u2026]\n<p>Oder, meine Damen und Herren, denken Sie an den 28. Oktober vor zehn Jahren, denken Sie an United Trash [..] und an das, was auf dieser Spielwiese namens Afrika alles passiert ist von deutschen Mannschaften vor hundert Jahren und in den letzten Jahren von allen m\u00f6glichen Spielw\u00fctigen selbst aus den eigenen Reihen. Wer wem ins Tor geschissen oder ans Bein gepinkelt und wer welchen Schiedsrichter massakriert hat. United Trash oder United Fruit oder United Nations \u2013 alles eine Mischpoke, und dieser Schlingensief, dieser Wirrkopf, f\u00fcr den viele ihn immer noch halten und sich allerdings kaum noch trauen, ihn auch so zu nennen, Schlingensief ist, halten zu Gnaden, ein Vision\u00e4r. Und wenn mich etwas wundert, dann: dass er nicht l\u00e4ngst Professor ist am Max Planck Institut f\u00fcr Chaostheorie. [\u2026] Man sollte ihn zum Doktor h.c. der Seismografie ernennen.<\/p>\n<p>Was er sonst so alles veranstaltet hat: den meisten von ihnen muss man das nicht erz\u00e4hlen. Sie k\u00f6nnen es auch im Internet nachlesen, wo es bei Google 180.000 Verweise auf den Namen Schlingensief gibt. Und wo Sie lesen k\u00f6nnen, dass es ihn abermals nach Afrika getrieben hat, an die L\u00fcderitzbucht in Namibia, wo am 26. Oktober eine wichtige Klappe, die Schlussklappe von The African Twintowers gefallen sein soll. Und wo, wie immer bei Schlingensief, das organisierte Chaos das Gebot der Schlingensiefschen Ordnung war. In Namibia wie einst am W\u00f6rthersee oder in Wien oder am Rosa-Luxemburg-Platz, wo er immer wieder mal eine Schote platziert, eine Schote, die ziemlich ger\u00e4uschvoll platzt. [\u2026] Was einen wie Schlingensief nicht jucken kann, denn ihn jucken schon l\u00e4ngst die n\u00e4chsten Projekte, ob in Bayreuth oder in Neuhardenberg. [\u2026]\n<p>Ich hab es eben schon angedeutet, ich muss es jetzt deutlicher sagen. Mir gef\u00e4llt der Schlingensief, der eine richtige grosse Wut hat auf alles, was nach Feierlichkeit aussieht und nach Heuchelei riecht: was an verborgenen W\u00fcnschen, \u00c4ngsten, Tr\u00e4umen, Aggressionen sich abspielt in dieser Gesellschaft. Wenn er nichts versteckt oder verdr\u00e4ngt, wenn er die Blumen des B\u00f6sen bl\u00fchen l\u00e4sst. Schlingensief wird &#8211; so hoffe ich jedenfalls &#8211; immer Aussenseiter bleiben. In der Nachfolge von Dada und Surrealismus, ein Anarchist, der in der Liga von Bu\u00f1uel und Artaud, von Oskar Panizza und Otto M\u00fchl und Jean Genet kickt. Das ist eine \u00c4sthe\u00adtik des Protestes, nicht der Affirmation. Einen altersweisen Schlingensief kann ich mir so wenig vorstellen wie ich mir seinerzeit einen altersweisen Fassbinder vorstellen konnte. Dass Schlingensief ihn jetzt schon biologisch \u00fcberrundet hat, muss nicht schlimm sein. Bu\u00f1uel &#8211; und das ist ein Trost &#8211; ist immerhin 83 geworden und vollkommen taub, aber weise ist er so wenig geworden wie er jemals Mode war. Das Schlimmste, was so einem passieren kann, ist: dass ihn niemand mehr kritisiert. [\u2026] <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio von Peter W. 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