{"id":469,"date":"2009-12-26T05:36:27","date_gmt":"2009-12-26T03:36:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=469"},"modified":"2009-12-26T05:36:27","modified_gmt":"2009-12-26T03:36:27","slug":"nesabre-nasara-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=469","title":{"rendered":"NESABRE NASARA (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf der Suche nach einem Ort f\u00fcr das Operndorf: Eine Reise durch Burkina Faso nach der Sintflut, wo in verwundeten B\u00e4umen die Ahnen und die b\u00f6sen Geister leben<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_reise_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"ZEIT Feuilleton 53\/2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Ouagadougou. Anfang September. Regenzeit. 35 Grad Celsius. Wir, der Architekt Francis K\u00e9r\u00e9, sein Bruder Ida und ich, sind auf der Suche nach Grundst\u00fccken f\u00fcr das Operndorf in Afrika. \u00bbDu f\u00e4hrst heute, damit du das Fahren in Afrika lernst\u00ab, sagen beide. \u00bbDu musst richtig vorgl\u00fchen, der Wagen hat 450.000 Kilometer drauf und hat uns noch nie im Stich gelassen.\u00ab Ich starte den Motor des flaschengr\u00fcnen Toyota-Jeeps. Es geht nach Gando, ins Heimatdorf von Ida und Francis im S\u00fcdosten Burkina Fasos. Es herrscht totales Chaos wegen der schrecklichen \u00dcberschwemmung, die am 1. September die halbe Stadt weggesp\u00fclt hat. Die informellen Siedlungen hat es am schlimmsten getroffen. Einfache Lehmh\u00fctten sind zu einer amorphen Masse mit Wellblech und Plastikteilen verschmolzen. Menschen versuchen ihre Habe zu bergen. Sie warten nicht auf Hilfe. Nachrichten im Autoradio: Die Beh\u00f6rden gehen von 350.000 Obdachlosen aus, 70 Tote geborgen, Cholera. Die Savanne beginnt. Esel, Ziegen, Zeburinder kreuzen die Stra\u00dfe. Ein Hund wird \u00fcberfahren. Ein Radfahrer packt den beigegrauen Kurzhaarmischling auf seinen Gep\u00e4cktr\u00e4ger. Ich denke: \u00bbWie ordentlich, dort werden die Kadaver gleich beseitigt, nicht wie bei uns, wo man den Verwesungsprozess einer auf der Stra\u00dfe klebenden Katze genau beobachten kann.\u00ab Gro\u00dfes Gel\u00e4chter: \u00bbHundesuppe, heute gibt\u2019s Hundesuppe. Bei dem Radfahrer ist heute ein Festtag. In Afrika wird nichts weggeworfen, sondern alles verwertet. Man isst nur einmal im Jahr Fleisch. Es ist zu teuer. Keinem Tier, das kleiner als ein Esel ist, wird ausgewichen. Das ist auch zu gef\u00e4hrlich.\u00ab<\/p>\n<p>Wie aus dem Nichts rasen pl\u00f6tzlich 15 Mopeds auf uns zu. Furchteinfl\u00f6\u00dfend! Alle Fahrer sind vermummt. Schmuggler. \u00bbHast du vorhin den Mopedfahrer nicht bemerkt? Als Vorhut warnt er mit dem Handy die anderen vor Stra\u00dfensperren. Sie nehmen Aufputschmittel, um die tausend Kilometer vom Hafen in Togo bis Ouaga ohne Pause zu schaffen.\u00ab Allee aus Feigenb\u00e4umen. Die Rinde der B\u00e4ume ist aufgeschlitzt. Aus den Wunden flie\u00dft Saft: ein Medikament. In den B\u00e4umen leben die Ahnen und b\u00f6se Geister. Seit Chinesen die Stra\u00dfe neu geteert und B\u00e4ume entfernt haben, ist das Gleichgewicht gest\u00f6rt. Ich erhalte von Ida und Francis einen Sprachkurs in M\u00f2or\u00e9: \u00bbnesabre: Guten Abend, persugo: Esel, nasara: wei\u00dfer Mann\u2026\u00ab<\/p>\n<p>Wir haben Hunger. Stra\u00dfenrand. H\u00fchnerk\u00e4fig, Hackstock mit Beil, Grill aus Metallschrott, Federn, Innereien, Knochen und Geier im roten Sand. \u00bbBeim J\u00fcngsten Gericht werden uns alle H\u00fchner, die wir gegessen haben, anklagen\u00ab, prophezeit Ida. Bei dem gro\u00dfen Baobab-Baum biegen wir von der Stra\u00dfe ab. Offenes Gel\u00e4nde: \u00bbGib Gas, sonst bleiben wir stecken!\u00ab Schlamml\u00f6cher, rote B\u00e4che. D\u00e4mmerung. Wir erreichen das Dorf. Wir sind von Kindern umringt. \u00bbNasara, nasara\u00ab \u2013 singend laufen sie mir hinterher. Wir begr\u00fc\u00dfen unter dem uralten Baum den Stammes\u00e4ltesten, den Vater von Francis und Ida. Er deutet nach oben: \u00bbEs hat Krieg gegeben zwischen den Flughunden und den Weberv\u00f6geln.\u00ab Unsere Begr\u00fc\u00dfungsgeschenke: Whisky f\u00fcr den Vater, LED-Lampe in Petroleumlampen-Optik (made in China) f\u00fcr die M\u00fctter und S\u00fc\u00dfigkeiten f\u00fcr die Kinder.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzliche Dunkelheit. Hier gibt es keinen Strom. Taschenlampen, Petroleumlicht und die neue LED-Lampe erhellen den Hof. Der Clanchef nimmt neben mir Platz. Ich fahre mein Laptop hoch. Die Dorfbewohner schauen best\u00fcrzt und lachend das \u00dcberschwemmungsvideo von Ida an, gedreht mit dem Handy. Nun soll ich den Mainzelm\u00e4nnchen-Film zeigen. Nein, das ist peinlich: Hier sind Kinder, alte Frauen und ein ehrbarer H\u00e4uptling! \u00bbWir sind doch nicht pr\u00fcde!\u00ab 30 Sekunden YouTube: Ein Mainzelm\u00e4nnchen hebt das Hemd und zeigt seine nackten Br\u00fcste. Riesengel\u00e4chter. Der Clip l\u00e4uft noch 20 Mal. Die Kinder schauen eine Diashow der letzten Afrikareise und Fotos meiner Familie an. Ich unterhalte mich mit einem Bruder von Francis. Wir sprechen \u00fcber Fu\u00dfball, Bayern M\u00fcnchen, den goldenen K\u00e4fig der Profis, das WM-Qualifikationsspiel Elfenbeink\u00fcste-Burkina Faso. Wir sprechen \u00fcber Deutschland, das Rechtssystem und den deutschen Knast. \u00bbIch w\u00fcrde mich sofort in einem deutschen Knast einsperren lassen mit dem Gehalt eines Profifu\u00dfballers, aber ab und zu m\u00fcsste mich eine Frau besuchen. Das Geld w\u00fcrde ich meiner Familie schicken\u00ab, meint Francis\u2019 Bruder. Wieder zur\u00fcck. Im klimatisierten Zimmer schreiben Francis und ich eine Mail an Christoph: \u00fcber die Sintflut, Menschen, die sich selbst helfen, und m\u00f6gliche Baupl\u00e4tze f\u00fcr das Operndorf.<\/p>\n<p><em>Der B\u00fchnenbildner Thomas Goerge arbeitet an der Realisierung des Operndorfes mit. An der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater \u00bbFelix Mendelssohn Bartholdy\u00ab hat er einen Lehrauftrag in der Fachrichtung Dramaturgie.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach einem Ort f\u00fcr das Operndorf: Eine Reise durch Burkina Faso nach der Sintflut, wo in verwundeten B\u00e4umen die Ahnen und die b\u00f6sen Geister leben (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=469"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}