{"id":468,"date":"2009-12-26T05:33:09","date_gmt":"2009-12-26T03:33:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=468"},"modified":"2009-12-26T05:33:09","modified_gmt":"2009-12-26T03:33:09","slug":"partnerschaft-auf-augenhohe-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=468","title":{"rendered":"PARTNERSCHAFT AUF AUGENH\u00d6HE (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist Zeit, dass Europa sich mit mehr Sachverstand auf die komplexen kulturellen Gegebenheiten, die Wirklichkeit und die Bed\u00fcrfnisse Afrikas einl\u00e4sst<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_afrika_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"ZEIT Feuilleton 53\/2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Was ich an dem Projekt von Christoph Schlingensief interessant finde, ist die Tatsache, dass er einen mehrfach ausgezeichneten Architekten als Partner ausgesucht hat: Francis K\u00e9r\u00e9 aus Burkina Faso. Mit ihm wird er von der Konzeption bis zur Realisierung des Operndorfes zusammenarbeiten. Schlingensief stellt sich nicht als Messias aus Europa dar, der Opern zu den \u00bbprimitiven\u00ab Afrikanern exportieren m\u00f6chte, sondern er will durch diese Zusammenarbeit mit den Einheimischen vor Ort einen ehrlichen Dialog zwischen den Kulturen Afrikas und Europas er\u00f6ffnen. Das Projekt erh\u00e4lt durch diese Einstellung eine Verantwortung, die endlich zu einer Win-win-Situation f\u00fchren kann. Es w\u00e4re gut, wenn die Politik und die Wirtschaft diese Vorgehensweise f\u00fcr andere Projekte \u00fcbernehmen w\u00fcrden, die bisher \u00fcberwiegend gescheitert sind, weil viele Besserwisser aus dem Norden die Entscheidungen allein getroffen haben.<\/p>\n<p>Afrika wurde bislang von den Industrienationen als Problemfeld oder, salonf\u00e4higer ausgedr\u00fcckt, als hilfsbed\u00fcrftiger Kontinent angesehen. Kein Wunder, dass die Beziehungen zwischen den meisten L\u00e4ndern Afrikas und dem Westen von herablassendem, diktierendem Verhalten gepr\u00e4gt waren. Das kennen wir alle: \u00bbAfrika, du musst das machen, du musst es so machen, du sollst es lieber so machen!\u00ab Warum denkt jeder, er wisse besser, wo die Afrikaner der Schuh dr\u00fcckt?<\/p>\n<p>Wie kann man erkl\u00e4ren, dass viele Regierungschefs auf dem Kontinent \u00fcber 20 Jahre an der Macht kleben? Trotz nachgewiesener Korruption und dubioser Machenschaften sind sie gern gesehene G\u00e4ste im Westen. Sind die wirtschaftlichen Interessen der Industriel\u00e4nder bez\u00fcglich \u00d6l und anderer nat\u00fcrlicher Ressourcen so wichtig, dass sie die Afrikaner so lange im Stich gelassen haben?<\/p>\n<p>Ist es nicht m\u00f6glich, dass die Ressourcen in den L\u00e4ndern Afrikas zu einem fairen Preis gekauft werden? Und wenn ja, w\u00e4re es dann nicht gleichg\u00fcltig, welche Regierung an der Macht ist, wenn diese bereit ist, die Einnahmen gerecht zu verteilen? Einerseits fordern wir alle starke Institutionen f\u00fcr eine funktionierende Demokratie, andererseits unterst\u00fctzen wir Staatschefs, die einfach zu manipulieren sind.<\/p>\n<p>Partnerschaft auf Augenh\u00f6he bedeutet auch Gleichbehandlung und Respekt f\u00fcreinander. Die heutigen Eliten verdienen keinen Respekt, wenn sie Pl\u00fcnderer sind \u2013 umso mehr Achtung verdienen die afrikanischen B\u00fcrger, die trotz schwieriger Umst\u00e4nde noch ihr Leben meistern. Viele dieser L\u00e4nder werden von Politikern regiert, die nur eigenen Interessen folgen. Trotzdem werden sie von den Industrienationen mit Budget- beziehungsweise Entwicklungshilfe \u00fcbersch\u00fcttet. Warum?<\/p>\n<p>Wer profitiert denn davon? Die Steuerzahler der EU-Nationen m\u00fcssen ihre Regierungen fragen, warum so viel Geld ausgerechnet in diese L\u00e4nder gesteckt wird. Die Pr\u00e4sidenten kommen mit diesem f\u00fcr ihre Bev\u00f6lkerung bestimmten Geld nach Europa, um es wochenlang in exklusiven Hotels zu verprassen. Wenn die afrikanischen Eliten krank werden, lassen sie sich in Europa heilen und nicht in den eigenen Krankenh\u00e4usern im Heimatland. Zur selben Zeit fehlen in diesen afrikanischen L\u00e4ndern alle Mittel f\u00fcr notwendige Anschaffungen, zum Beispiel im Gesundheitssektor.<\/p>\n<p>Ein Land mit einer schlechten Regierung kann keine Entwicklung durchlaufen \u2013 egal wie viel finanzielle Zuwendung es erh\u00e4lt. Mehr als 600 Milliarden Dollar sind als Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen, mit kaum sichtbaren Folgen f\u00fcr die Entwicklung der L\u00e4nder. Am Ausbau der Infrastruktur oder an einem Technologietransfer zur Verbesserung der Landwirtschaft haben die Geberl\u00e4nder kein echtes Interesse, obwohl viele afrikanische L\u00e4nder nicht in der Lage sind, ihre eigene Bev\u00f6lkerung ausreichend zu ern\u00e4hren. Wer abh\u00e4ngig ist, bleibt ein Spielball\u2026<\/p>\n<p>Die Weltgemeinschaft ist aufgerufen, den r\u00fccksichtslosen Politikern das Handwerk zu legen! Man darf keine Gelder mehr blind an korrupte Regierungen \u00fcberweisen und muss den Eliten Reiseverbote verpassen! Wenn die politische Klasse nicht mehr die M\u00f6glichkeit hat, das gestohlene Geld im Ausland zu verplempern beziehungsweise f\u00fcr die Erf\u00fcllung eigener Luxusbed\u00fcrfnisse anzulegen, haben sie genug Zeit, sich intensiv mit ihren B\u00fcrgern zu besch\u00e4ftigen. Die Mehrheit der Afrikaner will die reinen Geldgeschenke nicht. Sie untergraben ihr Selbstwertgef\u00fchl. Die Unternehmer vor Ort brauchen Kredite und keine salbungsvollen Worte.<\/p>\n<p>Die meisten Probleme werden nicht nur durch mehr Geld gel\u00f6st, sondern durch die Schaffung von Rahmenbedingungen, die wirtschaftliches Wachstum unterst\u00fctzen. Vor allem braucht es B\u00fcrgerinitiativen, und diese m\u00fcssen unterst\u00fctzt werden. Nur so k\u00f6nnen sie ihre Regierungen in die Pflicht nehmen.<\/p>\n<p>Es ist ein erstaunliches Ph\u00e4nomen, dass viele L\u00e4nder in der Lage sind, ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren, wenn die notwendige Technologie und die richtigen landwirtschaftlichen Methoden angewendet werden. Warum investieren afrikanische Regierungen nicht in diesen Sektor, anstatt Geld f\u00fcr Waffen, Gel\u00e4ndewagen und den Bau von Prestigeobjekten auszugeben?<\/p>\n<p>Kofi Annan hat ge\u00e4u\u00dfert, Afrika brauche junge Regierungschefs anstatt Opas ohne Vision und ohne Strategie, um die L\u00e4nder in eine neue Richtung zu f\u00fchren. Es ist eine Schande, dass diese M\u00e4nner so an der Macht kleben! Das Schlimmste an diesen Regierungen ist aber, dass sie ihre eigene Bev\u00f6lkerung daran hindern, f\u00fcr sich selbst zu sorgen. Die Menschen sind Geiseln ihrer Regierungen.<\/p>\n<p>Afrika braucht viele starke Frauen, um aus dieser Misere herauszukommen. Die M\u00e4nner haben jahrzehntelang gezeigt, dass sie unf\u00e4hig sind, auf die Bed\u00fcrfnisse der Allgemeinheit zu reagieren. Die meisten von ihnen sind von Macht, Gier und Ruhmsucht besessen und wollen wie kleine G\u00f6tter verehrt werden.<\/p>\n<p>Aufseiten der Industrienationen brauchen wir ehrliche Menschen, die respektvoll mit anderen Kulturen und V\u00f6lkern umgehen und nicht alles nur mit Dollar-und-Euro-Augen sehen.<\/p>\n<p><em>Die Diplominformatikerin Veye Tatah wurde in Kamerun geboren. Sie gr\u00fcndete 1998 den Verein Africa Positive, der das gleichnamige Magazin herausgibt, um die Vielfalt der Menschen, der Kulturen und der Natur des bunten Kontinents darzustellen: <a href=\"http:\/\/www.africa-positive.de\" target=\"_blank\">www.africa-positive.de<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Zeit, dass Europa sich mit mehr Sachverstand auf die komplexen kulturellen Gegebenheiten, die Wirklichkeit und die Bed\u00fcrfnisse Afrikas einl\u00e4sst (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/468"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=468"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/468\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}