{"id":467,"date":"2009-12-26T05:30:27","date_gmt":"2009-12-26T03:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=467"},"modified":"2009-12-26T05:30:27","modified_gmt":"2009-12-26T03:30:27","slug":"weihnachten-in-burkina-faso-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=467","title":{"rendered":"WEIHNACHTEN IN BURKINA FASO (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs Opernprojekt bringt eine fremde Kultur nach Burkina Faso. Bouri K\u00e9r\u00e9, der H\u00e4uptling des Dorfes Gando erz\u00e4hlt von den Weihnachtsbr\u00e4uchen seines Stammes.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_weihnachtsbraeuche_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"ZEIT Feuilleton 53\/2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Es gibt Wahrheit, guten Tag. Haben Sie gut geschlafen? Und Ihre Frau? In der Zwischenzeit habe ich viel an Sie gedacht. Es ist die Wahrheit, wir, die hier leben, leben mit der Tradition Roogomiki.<\/p>\n<p>Die Ankunft des wei\u00dfen Herrn bezeichnen wir als noogro. Unsere traditionellen Feste sind Bangda und Kipsa. Wenn die Zeit f\u00fcr das Bangdafest gekommen ist, kochen die Menschen viel. Der ganze Tag wird durch das Essen bestimmt. Alle Verwandten kommen und feiern. Es gibt in diesen Tagen keinen Streit und keinerlei Auseinandersetzungen. Es geht um mich und unsere Ahnen und das, was unsere Vorfahren f\u00fcr uns hinterlassen haben. Seien es die H\u00fchner, die Schafe, die Ziegen: In dieser Zeit wirst du alles geben, was du hast, um Frieden mit den Ahnen zu schlie\u00dfen. Wenn dein Vater stirbt, musst du auch eine Gabe bringen. Die Ahnen geben sich die Gaben durch die Generationen weiter, damit die ganze Familie mit einem langen Leben gesegnet ist. Die zur\u00fcckgekehrten Kinder der Familie sind alle zusammen und rufen \u00bbKililili, kililili!\u00ab, begleitet von den Trommeln, aus Freude \u00fcber das gute Essen und die Feier. Man w\u00fcnscht sich frohes \u00bbFest, frohes Fest, einen guten Weg bis ins n\u00e4chste Jahr\u00ab: Das ist unser Ritus, den man Bangda nennt.<\/p>\n<p>Das ist die Wahrheit. Wir haben auch Kipsa. Leider ist diese Tradition durch die vielen Muslime ein wenig verloren gegangen. Kipsa ist ein Fest der Mossi, ihr Tag. Aber durch die Ankunft der Wei\u00dfen oder mon p\u00e8re und Weihnachten hat sich die Situation ge\u00e4ndert. Als sie hierherkamen, um unsere Kinder zu bekehren, wollten wir das nicht. Man hat uns gezwungen, sie sind gekommen und haben uns gesagt, dass wir unsere Feste und Traditionen, die Mahnga, nicht mehr begehen sollen. Die Kinder mussten zu den wei\u00dfen Br\u00fcdern gehen, an den Unterrichtsstunden teilnehmen. Und dann wurden sie getauft \u2013 so konnten sie nicht mehr auf unsere Weise glauben und nicht mehr zu unseren Traditionen zur\u00fcckkehren. Das kannst du nicht. Du kannst dann nicht mehr ein Huhn vor deine Ahnen bringen. Du kannst nicht an zwei G\u00f6tter glauben. Aus diesem Grund haben wir unsere Riten reduziert. Deswegen feiern wir jetzt Weihnachten als Christen und Kipsa zusammen in einem Brauch. Doch trotzdem k\u00f6nnen wir die Gaben nicht sein lassen. Wir m\u00fcssen zu unseren Ahnen kommen. Es gibt einige Riten, die musst du behalten. Vor allem, wenn Kinder geboren werden, gibt es feste Traditionen. Das sind unsere urspr\u00fcnglichen Riten, und die sind uns wichtig. Und wenn du nun beide vollziehst, dann hast du zwei Arten, zu glauben. Besonders, wenn du das Bangda begehst. Wir konzentrieren uns auf Weihnachten, doch k\u00f6nnen wir nicht von unserem alten Glauben und seinen Riten lassen.<\/p>\n<p>Wenn du geerntet hast, egal, was du bekommen hast, dann musst du danken. Das ist ein wichtiger Brauch. Auch wenn es dir keiner ausdr\u00fccklich sagt, wei\u00dft du es. Du musst den Geist der Erde mit Traditionen bitten, an die Seite des Dorfchefs Naaba zu treten, um ihn zu informieren, dass es ein Dankfest geben wird. So sind dann alle Bedingungen daf\u00fcr erf\u00fcllt. Es ist dann die Aufgabe des Naaba, alle zu informieren. Egal, wo du bist, wenn du ein Kind des Dorfes bist, musst du \u00fcber dieses Fest informiert werden. Dieses Fest des Dankes hei\u00dft Tengando. An diesem Tag dankt der Naaba, und man muss alles geben, um ein gutes Fest zu feiern mit viel Essen. Der Meister der Erde ist mitten unter uns, um mit uns Mahnga zu feiern. Man muss Opfer geben, es wird viel gekocht. So viel, wie es dir m\u00f6glich ist, solltest du geben. Es wird dolo angesetzt, alle Opfer sind f\u00fcr die Ahnen, um ihnen f\u00fcr alles zu danken, was sie f\u00fcr das Dorf und die Familie tun. Wenn du kein Huhn hast, dann kannst du auch etwas anderes geben. So dankt man den G\u00f6ttern, dass wir zu essen haben, und hofft auf eine gute Ernte f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr. Auch um den Regen bitten wir. Und die Menschen danken sich und geben sich gute W\u00fcnsche mit. Sie essen viel und feiern. Auch der Naaba muss zum Meister der Erde gehen und sich bedanken. Die Reste werden aufgeteilt und weitergegeben. Man ruft: \u00bbGott sei Dank!\u00ab, dreimal hintereinander. Zuerst bekommen die Alten die Reste des Essens und zuletzt die Frauen und Kinder. Das ist wichtig. Und man w\u00fcnscht sich alles Gute bis zum n\u00e4chsten Jahr. Und dass das n\u00e4chste Jahr noch besser werde als das vergangene. Und man w\u00fcnscht sich viele neue Frauen und neugeborene Kinder. Fr\u00fcher war das so. Doch jetzt w\u00fcnschen wir auch frohe Weihnachten.<\/p>\n<p>Alle feiern Weihnachten!!! Es ist ein gro\u00dfes Fest!! Die Menschen sind zufrieden, sie feiern und tanzen, \u00fcberall h\u00f6rt man Musik. Es geht nur darum zu essen, das ist Weihnachten. Wir feiern alle Feste, aber Weihnachten ist zum wichtigsten geworden. Die religi\u00f6sen Feiern wie Bangda, Kipsa und Mahnga k\u00f6nnen wir nicht ganz verlassen. Und ich m\u00f6chte nicht auf sie verzichten, deswegen begehe ich diese Feste zwei- bis dreimal im Jahr. Aber jetzt, in der Weihnachtszeit, versuche ich alles auf einen Tag zu legen und Weihnachten und unsere Traditionen zusammenzubringen. Und die Ahnen akzeptieren unsere Gaben und Opfer, das hei\u00dft, dass sie das akzeptieren und nicht gegen uns sind.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief kommt von weit her. Ich w\u00fcnsche ihm viel Gl\u00fcck, ganz besonders auch seiner Frau.<\/p>\n<p><em>Am 16. Dezember dieses Jahres erz\u00e4hlte Bouri K\u00e9r\u00e9, H\u00e4uptling des Dorfes Gando, seinem Sohn Francis K\u00e9r\u00e9, dem Architekten des Operndorfes Remdoogo, von den Weihnachtsbr\u00e4uchen in Burkina Faso.<\/p>\n<p>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs Opernprojekt bringt eine fremde Kultur nach Burkina Faso. Bouri K\u00e9r\u00e9, der H\u00e4uptling des Dorfes Gando erz\u00e4hlt von den Weihnachtsbr\u00e4uchen seines Stammes (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/467\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}