{"id":466,"date":"2009-12-26T05:46:35","date_gmt":"2009-12-26T03:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=466"},"modified":"2009-12-26T05:46:35","modified_gmt":"2009-12-26T03:46:35","slug":"operndorf-fur-afrika-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=466","title":{"rendered":"OPERNDORF F\u00dcR AFRIKA (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/schlingensief_operndorf_bild_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Schlingensiefs Operndorf\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Als ich zum ersten Mal mit der Frage nach einem Opernhaus f\u00fcr Afrika konfrontiert wurde, hielt ich es zun\u00e4chst f\u00fcr einen Scherz. So eine Fantasie kann nur von jemandem kommen, der entweder Afrika nicht kennt oder der so satt ist, dass ihm nichts mehr einf\u00e4llt au\u00dfer Unsinn. Das war meine ganz spontane Reaktion. Aber ich lernte Christoph Schlingensief kennen, und nach zehn Minuten war klar: Das Projekt \u00bbOpernhaus f\u00fcr Afrika\u00ab war kein Scherz.<\/p>\n<p>In der Zeit danach gab es einen intensiven Austausch mit Christoph und seinem Team. W\u00e4hrend mehrerer Reisen durch Afrika entdeckte ich, welch eine unbeschreibliche Energie aus Christoph hervorgeht und mit welcher Ernsthaftigkeit er seine Vision des Opernhauses vorantreibt. Das ist wirklich faszinierend. Es hat mir sehr viel Spa\u00df gemacht, einen Menschen wie ihn, der gro\u00dfes Interesse f\u00fcr die afrikanische Kultur und Gesellschaft zeigt, durch Afrika zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Jemanden bewundern ist die eine Sache. Aber wie entwickelt man ein Projekt, das den Anspr\u00fcchen eines anspruchsvollen K\u00fcnstlers wie Christoph und den Notwendigkeiten in meiner Heimat entsprechen soll? In den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten wurde ich als Person und Architekt wie nie zuvor in meinem Leben gefordert. Viele Fragen mussten gekl\u00e4rt werden. Wie baut man eine Oper? Womit beginnt man? Es gibt sehr viele Beispiele in der Welt, aber kein einziges in Afrika.<\/p>\n<p>Kann man \u00fcberhaupt die Oper als Kultureinrichtung, die sogar in der westlichen Welt als eher altbacken und gleichzeitig elit\u00e4r gilt, mit einem Land wie Burkina Faso, das laut Weltbank als eins der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt gilt, in Verbindung bringen?<\/p>\n<p>Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, zeigten gro\u00dfe Begeisterung, hatten aber dieselben Fragen wie ich. Die Kernfragen drehten sich weniger um die Architektur, vielmehr war die Frage nach moralischer Vereinbarkeit der wirtschaftlichen Lage des Landes (in dem mehr als 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung weder lesen noch schreiben k\u00f6nnen) mit der Einrichtung einer Oper das Thema. Es h\u00f6rt sich sehr sarkastisch an, aber in dieser Zeit des Nachdenkens und des Zweifels kam uns eine Katastrophe zu Hilfe.<\/p>\n<p>Burkina Faso wurde Ende August dieses Jahres von einer Jahrhundertflut heimgesucht. Ich war gerade mit Thomas Goerge, dem B\u00fchnenbildner von Christoph, in Burkina unterwegs und wurde Zeuge dieser Flutkatastrophe und der damit verbundenen Zerst\u00f6rung. Einige Stunden nachdem das Wasser wieder weg war, haben wir versucht, einen Ort in der Hauptstadt Ouagadougou, den Christoph wenige Wochen zuvor als m\u00f6glichen Standort f\u00fcr die Oper gew\u00e4hlt hatte, zu besichtigen. Aber dieser Ort, der an der Schnittstelle zwischen offiziellen und informellen Siedlungen gelegen war, existierte nicht mehr. Er war einfach von dieser Flut weggeschwemmt worden. Die Menschen, die dort gl\u00fccklich lebten, haben binnen weniger Stunden alles verloren. Unter diesem Eindruck schrieben wir Christoph, dass man in Zukunft nicht nur von dem Opernprojekt sprechen sollte, sondern dass es wichtiger w\u00e4re, den Leuten beim Wiederaufbau ihrer H\u00e4user zu helfen.<\/p>\n<p>Die Reaktion von Christoph kam sehr schnell. Er schlug vor, einen f\u00fcr die Menschen geeigneten Hausprototyp zu entwickeln, er w\u00fcrde einige davon finanzieren. F\u00fcr mich als Architekt und Planer war dies die Gelegenheit, ein Modul zu entwickeln, das sich in das Projekt \u00bbOperndorf\u00ab integrieren l\u00e4sst. Ich habe nicht mehr an das Warum und Wof\u00fcr gedacht. Die Idee, ein Modul zu entwerfen, welches einerseits f\u00fcr die obdachlos gewordenen Flutopfer eingesetzt werden kann und zugleich als Grundmodul f\u00fcr alle Funktionen unseres Operndorfes dienen soll, war f\u00fcr mich und mein B\u00fcro etwas, womit wir etwas anfangen konnten. Um mit den Worten von Thomas Goerge zu sprechen, kann man diese Situation mit der Kaprifikation bei der Feige vergleichen. \u00bbErst die Kaprifikation, also die Verletzung, l\u00f6st den Vorgang der Befruchtung bei der Feige hervor.\u00ab In unserem Falle war es die Flut, die bei der Planung der Oper die z\u00fcndende Idee f\u00fcr das Operndorf ausl\u00f6ste. Die Notwendigkeit, sofort zu handeln und etwas f\u00fcr die Menschen zu tun, zwang uns, etwas f\u00fcr die Flutopfer N\u00fctzliches in die Planung zu integrieren.<\/p>\n<p>So entstand ein ganzes Dorf f\u00fcr die Oper, das \u00e4hnlich wie ein traditionelles afrikanisches Dorf aus kleinen Modulen um einen zentralen Platz herum aufgebaut ist. Im Kern der Anlage steht eine gro\u00dfe B\u00fchne, das eigentliche Festspielhaus, f\u00fcr circa 500 Zuschauer, um die sich spiralf\u00f6rmig ein ganzes Ensemble entwickelt. Der Theaterraum ist eine multifunktionale H\u00fclle, die f\u00fcr Vorstellungen und Versammlungen verschiedenster Art genutzt werden kann. Um ihn herum wird eine Schule mit Film- und Musikklasse angegliedert, in der die M\u00f6glichkeit einer musischen und k\u00fcnstlerischen Erziehung gef\u00f6rdert werden soll. Eine Krankenstation als Notfallstation erm\u00f6glicht vielen ohne das n\u00f6tige Kleingeld eine medizinische Behandlung, Anbaufl\u00e4chen f\u00fcr Selbstversorgung, ein selbst betriebenes Restaurant, K\u00fcnstlerwerkst\u00e4tten, das digitale Archiv und vieles mehr wird im Laufe der Zeit hinzukommen.<\/p>\n<p>Es soll, wie Christoph es beschreibt, \u00bbwachsen wie der menschliche Organismus, langsam und organisch\u00ab. Dabei wollen wir, soweit wie m\u00f6glich, lokale Baustoffe wie Lehm einsetzen und schon beim Bau m\u00f6glichst viele Menschen aus Europa und Afrika in das Projekt einbinden. Durch meine bisherigen Projekte, welche in Zusammenarbeit mit den Menschen f\u00fcr die Menschen entstehen und dar\u00fcber hinaus den harten vorherrschenden klimatischen Bedingungen sowie der lokalen \u00d6konomie und Kultur entsprechen, habe ich bewiesen, dass Technologie und Wissenschaft aus Europa sehr sinnvoll f\u00fcr die Menschen aus meiner Heimat eingesetzt werden k\u00f6nnen, wenn man daran glaubt und daf\u00fcr k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich ganz sicher, dass es uns gemeinsam mit den vielen Einzelpersonen und Institutionen die das Projekt \u00bbFestspielhaus Afrika\u00ab f\u00f6rdern und unterst\u00fctzen, gelingen wird, unser gemeinsames Projekt erfolgreich umzusetzen.<\/p>\n<p><em>Der Architekt Francis K\u00e9r\u00e9 stammt aus Burkina Faso und plant das Operndorf Remdoogo. Er hat den h\u00f6chstdotierten Architekturpreis der Welt, den Aga-Khan-Preis, f\u00fcr eine kleine Dorfschule mit drei Klassenr\u00e4umen in Gando, Burkina Faso, bekommen.<\/p>\n<p>Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53\/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlingensiefs Kunstprojekt &#8211; Wie eine Idee zum Architekten fand. Von Francis K\u00e9r\u00e9 (Aus dem ZEIT Feuilleton 53\/2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/466"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=466"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}