{"id":458,"date":"2009-12-12T01:57:02","date_gmt":"2009-12-11T23:57:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=458"},"modified":"2009-12-12T01:57:02","modified_gmt":"2009-12-11T23:57:02","slug":"sterben-lernen-ist-ganz-leicht-sonntagszeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=458","title":{"rendered":"STERBEN LERNEN IST GANZ LEICHT (SONNTAGSZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief feiert in Z\u00fcrich eine Messe f\u00fcr seinen eigenen Tod: Weihevoll, witzig, kuschelweich<\/strong><\/p>\n<p><em>von Christian Hubschmid<\/em><\/p>\n<p>Liebevoll nennt er sie \u00abKnubbel\u00bb. Die Metastasen &#8211; b\u00f6sartige Ableger seines Lungenkrebses &#8211; sind die heimlichen Helden in Christoph Schlingensiefs Inszenierung \u00abSterben lernen\u00bb, die er am Freitagabend in Z\u00fcrich zur Premiere brachte. Der Todgeweihte wurde heftig bejubelt &#8211; obwohl er wie gewohnt mit dem Megafon herumbr\u00fcllte, den Z\u00fcrcher Verkehr zum Stillstand brachte und sich \u00fcber die Schweizer lustig machte. Ist der Provokateur zum M\u00e4rtyrer geworden?<\/p>\n<p>Man erinnert sich: 1997 wurde Schlingensief wegen seiner Aktion \u00abT\u00f6tet Helmut Kohl!\u00bb verhaftet. 2002 verliess das Z\u00fcrcher Publikum seinen mit ausstiegswilligen Neonazis besetzten \u00abHamlet\u00bb scharenweise. Jetzt wird der 49-j\u00e4hrige Theaterberserker, der an Lungenkrebs erkrankt ist, auf einer p\u00e4pstlichen S\u00e4nfte durch die Z\u00fcrcher Gassen getragen, begleitet von einer and\u00e4chtigen Menge. Und wenn er mit rassistischen Zitaten aus \u00abBlick am Abend\u00bb die Pfauen-Premiere st\u00f6rt &#8211; liegend, weil es sonst zu anstrengend ist -, erntet er begeistertes Gel\u00e4chter und tosenden Applaus.<\/p>\n<p>Die Theaterwelt hat ihr Enfant terrible heftig in den Arm genommen. Mit seiner anr\u00fchrenden Krebsbiografie \u00abSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u00bb vergr\u00f6sserte Christoph Schlingensief seine Fangemeinde. Jetzt stellt er als Aktionsk\u00fcnstler eine Frage, die nicht nur ihm, sondern auch den Massen unter den N\u00e4geln brennt: \u00abWie sterben?\u00bb<\/p>\n<p>Ein Mix aus Adorno, Wagner und Chemotherapie<\/p>\n<p>Nach dem Sex ist der Tod die letzte Intimsph\u00e4re, die ihren privaten Status r\u00e4umen muss. Im britischen Fernsehen zerf\u00e4llt eine krebskranke Zahnarzthelferin vor laufenden Kameras, die Schweiz leidet mit Nella Martinetti, Deutschland trauert um den Torh\u00fcter Robert Enke. Selbsterfahrungsb\u00fccher von Krebskranken werden zu Bestsellern. Alle schauen hin, wenn wieder einer mit dem Problem konfroniert ist, wie er seinen letzten Gang antreten soll. Der Dadaist Schlingensief pr\u00e4sentiert die L\u00f6sung: mit dem Hypergott.<\/p>\n<p>Seine Koproduktion von Theater Neumarkt und Schauspielhaus Z\u00fcrich ist katholisch inspiriertes Entertainment: Ein Priester in Ornat feiert das \u00abAdventure des Sterbens\u00bb, die Tochter legt sich zum todgeweihten Papa in den Sarg, der zwanzigk\u00f6pfige Chor macht kl\u00f6sterliche Stimmung. \u00abWie lange hast du noch?\u00bb, lautet die Ausgangsfrage. \u00abSechzig Minuten\u00bb, die Antwort. Da bleibt keine Zeit f\u00fcr Tiefgang. Schlingensief zappt sich durch die Philosophiegeschichte, jongliert mit Nietzsche und Energiewolken und mixt Adorno, Chemotherapie und Wagner zu einer opernhaften B\u00fchnenshow. Das ist die hohe Kunst, die er beherrscht: das k\u00e4mpferische, kitschige und neuerdings auch kuschelige Theater.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief ist \u00e4lter geworden, vielleicht sogar erwachsen. Sein Haar ist grau, sein Gang bewusst energiesparend. In seiner verbliebenen Lungenh\u00e4lfte kommen und gehen die Metastasen. Zwischen seinen Schauspielern, den Requisiten und dem Publikum ist er zu Hause. Die Kunst ist sein letzter Trost.<\/p>\n<p>\u00abDu musst nicht sterben, wir sind hier im Theater!\u00bb, heisst die Losung f\u00fcr seinen Helden im St\u00fcck. Sch\u00f6n w\u00e4re, das g\u00e4lte auch f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Letzte Vorstellungen von \u00abSterben lernen\u00bb heute Sonntag und Dienstag, Theater Neumarkt, Z\u00fcrich<\/p>\n<p><em>Publiziert am 06.12.2009<br \/>\nvon: sonntagszeitung.ch <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief feiert in Z\u00fcrich eine Messe f\u00fcr seinen eigenen Tod: Weihevoll, witzig, kuschelweich<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/458"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=458"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/458\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}