{"id":455,"date":"2009-12-12T02:45:20","date_gmt":"2009-12-12T00:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=455"},"modified":"2009-12-12T02:45:20","modified_gmt":"2009-12-12T00:45:20","slug":"wir-delegieren-leben-und-tod-stuttgarter-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=455","title":{"rendered":"WIR DELEGIEREN LEBEN UND TOD (STUTTGARTER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Theater Z\u00fcrich richtet derzeit ein Gipfeltreffen der Avantgarde aus: Ren\u00e9 Pollesch inszeniert im Schauspielhaus, Christoph Schlingensief im Theater am Neumarkt. Und sie packen die Gelegenheit beim Schopf und spielen auch zusammen.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/adrianehrat_schlingen_DSC_3066.jpg\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Wenn der Zufall regiert, entstehen die aufregendsten Konstellationen: In Z\u00fcrich haben jetzt zeitgleich an einem Abend die zwei wichtigsten Vertreter des &#8222;postdramatischen Theaters&#8220; ihre neuesten Arbeiten vorgestellt. Auf lineare Handlungen und feste Rollenbilder verzichten sie beide: Christoph Schlingensief, Jahrgang 1960, und Ren\u00e9 Pollesch, Jahrgang 1962. Von Schlingensiefs &#8222;Unsterblichkeit kann t\u00f6ten&#8220; berichtet Christian Gampert, von Polleschs &#8222;Calvinismus Klein&#8220; Roland M\u00fcller.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief ist krank. Er hat Lungenkrebs &#8211; und nat\u00fcrlich muss man diesen D\u00e4mon bei &#8222;Unsterblichkeit kann t\u00f6ten&#8220; immer mitdenken: Es tickt die Uhr. Dass der Allroundk\u00fcnstler im Theater am Neumarkt (laut Untertitel) &#8222;Sterben lernen&#8220; will in &#8222;60 Minuten&#8220;, im Sinne einer Gebrauchsanweisung, ist aber bereits eine seiner typisch ambivalenten Parolen. Einerseits will er sich ernsthaft mit Sterbetheorien auseinandersetzen, andererseits bildet der aus diesen Theorien gen\u00e4hte Textteppich (mit Gedanken von Meister Eckhart, Hugo Ball, Nikolaus von Kues und anderen) nur den Vorwand f\u00fcr ein schr\u00e4ges Happening, das dramaturgisch eben mit der Vorstellung arbeitet, die Zeit eines Menschen sei jetzt unwiderruflich abgelaufen.<\/p>\n<p>Das Sterben aber verliert einen Teil seines Schreckens, wenn es kollektiv zu Kunst verarbeitet wird. Zu Kunst wird es, wenn der Sterbende, der nicht von Schlingensief gespielt wird, mit franz\u00f6sischem Akzent herumn\u00e4selt und als skurrile Jesusfigur sein Balkenkreuz die Treppe heruntertragen muss, wenn erl\u00f6sungss\u00fcchtige Musik von Richard Wagner ert\u00f6nt und die schrille Performancefigur &#8222;Beuys von Hagen&#8220; auftaucht, also jener stets einen Beuys-Hut tragende Leichen-Plastinator, der den K\u00f6rper haltbar macht, aber die Seele nicht findet. Das ist durchaus Schlingensiefs Anliegen: Er sucht die Seele und die Unsterblichkeit und den &#8222;Hypergott&#8220;, der f\u00fcr ihn eine &#8222;alles umfassende Energiewolke&#8220; ist. Andererseits aber sucht er auch die N\u00e4he und die Interaktion, die Hitze des &#8222;interaktiven Theaters&#8220; &#8211; im Gegensatz zum k\u00fchlen Warenanalytiker Ren\u00e9 Pollesch, der sich zeitgleich im Schauspielhaus \u00fcber das &#8222;interpassvie Theater&#8220; verbreitet.<\/p>\n<p>Interpassives Theater? Tja, da staunt (nur f\u00fcnfhundert Meter vom Neumarkt entfernt) die Schauspielerin Carolin Conrad nicht schlecht, als der Schauspieler Martin Wuttke von dieser neuen Theaterform spricht &#8211; neu und notwendig, denn das alte &#8222;interaktive Theater&#8220;, so bricht es in \u00dcberschallgeschwindigkeit aus Wuttke heraus, sei ein &#8222;jahrzehntelanger Terror&#8220; gewesen, eine &#8222;widerliche Kunstform der Geselligkeit&#8220;. Deshalb m\u00fcsse das interaktive vom &#8222;interpassiven Theater&#8220; ersetzt werden, bei dem der Zuschauer sein Leben an den Schauspieler abtreten k\u00f6nne: &#8222;Der Schauspieler geht am Ende der Vorstellung mit deiner Begleitung nach Hause&#8220;, sagt Wuttke zu Conrad, &#8222;dann musst du das nicht tun.&#8220; Und \u00fcberhaupt: &#8222;Unsere intimsten Regungen k\u00f6nnen wir an andere delegieren. Das genau ist unsere Seele: Die Au\u00dfenbeziehung des K\u00f6rpers mit sich selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Schlingensiefs &#8222;umfassender Energiewolke&#8220; hat Pollesch im Schauspielhaus nichts am Hut. Im Gegenteil: konsequent unterl\u00e4uft er jede Metaphysik, indem er auf die Physik der anwesenden K\u00f6rper von Conrad &#038; Wuttke pocht. Ein greller Materialismus, der bei diesem Turbodramatiker keineswegs neu ist, so wenig wie die glitzernde Las-Vegas-B\u00fchne, auf der das Spielerpaar &#8211; er tuntig, sie resolut &#8211; immer wieder die Orientierung verliert, r\u00e4umlich und gedanklich. Gott sei Dank schaltet sich nach einer halben Stunde Schlingensief ein: Live vom Neumarkt eingespielt, erkundigt er sich auf einer Videowand nach dem Stand der Dinge: &#8222;Habt ihr schon \u00fcber das interpassive Theater geredet?&#8220;<\/p>\n<p>Haben wir schon, sagt Wuttke &#8211; und er sagt es auch mitten rein in Schlingensiefs Totenmesse, die ebenfalls per Video mit Polleschs Performance verbunden ist. Schlingensief z\u00fcndet jetzt im Neumarkt-Theater eine weitere Stufe seines interaktiven Theaters: Lasst uns Pollesch besuchen! Gesagt, getan: Wie ein dadaistischer Passionszug zieht Schlingensiefs Familie jetzt durch die n\u00e4chtliche Z\u00fcricher Altstadt, begleitet von Messdienern und Chors\u00e4ngern, die s\u00fc\u00dflich &#8222;Es ist so weit, nun musst du Abschied nehmen&#8220; in den Sternenhimmel schicken. Und das sind die sch\u00f6nsten Momente des Happenings: eine verschleierte, aus dem Mittelalter gefallene Madonnenfigur t\u00e4nzelt \u00fcber den Zebrastreifen, gefolgt von einer Mutter mit einem altmodischen Kinderwagen und einem Jesus, der mit nacktem Oberk\u00f6rper dampfend sein Kreuz tr\u00e4gt. Die Autos halten an, die Stadt steht still. Es ist ein groteskes, subversives Fellini-Theater, das da \u00fcber die Schweizer kommt, der Einbruch des Sakralen in die profane Kommerzwelt der Finanzmetropole Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Schlingensief selber spielt als &#8222;Papst Mabuse&#8220; mit, ein Hybrid aus Sonnenk\u00f6nig, Kardinal und Zauberer, eine Gestalt mit Papstrobe, Hermelin\u00fcberwurf und zerzaustem Grauhaar. &#8222;Habemus Papam&#8220; ruft die Menge durch die Gassen. Schlingensief, der Kirchenf\u00fcrst, l\u00e4sst sich in einer S\u00e4nfte zum Schauspielhaus tragen und verk\u00fcndet seinem Volk: &#8222;Die Heilung hat eingesetzt.&#8220; Das Verbl\u00fcffende: es scheint ihm gesundheitlich tats\u00e4chlich etwas besser zu gehen.<\/p>\n<p>Dass Jesus mit dem Kreuz auf den Asphalt st\u00fcrzt, sieht man auch im Schauspielhaus: Die Live\u00fcbertragung der Prozession l\u00e4uft &#8211; bis zu dem Augenblick, da Schlingensief in Apo-Manier die Pollesch-Show sprengt. Die Leute vom Neumarkt str\u00f6men auf die Schauspielhausb\u00fchne, die Kirchenmesse bricht surreal in den Theorieboulevard ein und w\u00fcrgt das Spiel ab. Conrad &#038; Wuttke, die noch einige Textbrocken h\u00e4tten ausspucken m\u00fcssen, nutzen das Chaos, um von der Spielfl\u00e4che zu verschwinden und die Inszenierung vorzeitig zu beenden.<\/p>\n<p>Das ist nicht weiter schlimm. Polleschs sonst so reich m\u00f6blierte Gedankenwelt scheint dieses Mal bereits nach sechzig Minuten leerger\u00e4umt zu sein. Immer wieder jagt er das &#8222;interpassive Theater&#8220; mitsamt &#8222;Seele&#8220; in seine diskursive Endlosschleife, ohne dass die Gedankenhetzjagd noch Mehrwert abwerfen w\u00fcrde. H\u00f6chstens eines kommt noch dabei raus: eine Ahnung, weshalb die Inszenierung &#8222;Calvinismus Klein&#8220; hei\u00dft. W\u00fcrde man mit Hilfe des interpassiven Theaters seine intimen Regungen an Schauspieler delegieren, so Pollesch, dann f\u00fchrte das auch zu einer Entlastung der vom calvinistischen Leistungsethos heillos \u00fcberforderten Seelen. Was er von dieser Methode der Entlastung h\u00e4lt, ob er sie begr\u00fc\u00dfen oder verdammen w\u00fcrde, das h\u00e4lt der Schnelldenker freilich offen, gerade so, als w\u00e4re er eine Theatersphinx.<\/p>\n<p>Schlingensief pilgert derweil zur\u00fcck ins Neumarkt-Theater. Dort sucht er (mit Parsifal) das Heil und verteilt die Kommunion: Der skurrile, freakige und mystische Katholizismus, den dieser reine Tor jenseits aller offizi\u00f6sen Kirchlichkeit zelebriert, hangelt genau auf der Grenze zwischen Ernst und Parodie, zwischen Sinnsuche und Showgetue. Ihren tragischen Kern freilich verleugnet diese Erl\u00f6sungsrevue nie. Unber\u00fchrt kommt hier, anders als bei Pollesch, niemand davon. Punktsieg f\u00fcr Schlingensief!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Christian Gampert und Roland M\u00fcller (STUTTGARTER ZEITUNG vom 08.12.2009)<\/em><\/p>\n<p><em>Foto: Adrian Ehrat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theater Z\u00fcrich richtet derzeit ein Gipfeltreffen der Avantgarde aus: Ren\u00e9 Pollesch inszeniert im Schauspielhaus, Christoph Schlingensief im Theater am Neumarkt. 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