{"id":454,"date":"2009-12-08T21:23:20","date_gmt":"2009-12-08T19:23:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=454"},"modified":"2009-12-08T21:23:20","modified_gmt":"2009-12-08T19:23:20","slug":"und-dann-griff-papst-mabuse-ein-wiener-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=454","title":{"rendered":"UND DANN GRIFF PAPST MABUSE EIN (WIENER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Doppel-Spektakel in Z\u00fcrich: Christoph Schlingensief und Ren\u00e9 Pollesch pr\u00e4sentierten ein Gesamtkunstwerk<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/adrianehrat_schlingen_DSC_3106.jpg\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Aufz\u00e4hlung Spektakel boten sich zuletzt gleich in zwei Z\u00fcrcher Theatern \u2013 im seit dieser Spielzeit von Barbara Frey geleiteten Schauspielhaus und im Theater am Neumarkt. Christoph Schlingensief setzt sich im Letzteren in seiner neuen Aktion &#8222;Unsterblichkeit kann t\u00f6ten&#8220; provokativ mit dem &#8222;Sterben lernen&#8220; auseinander: F\u00fcr diese Lektion bleiben Herrn Andersen noch 60 Minuten, in denen er sein Kreuz durch Z\u00fcrichs Altstadt bis zum Pfauen, dem Stammhaus des Schauspielhauses, tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nicht weit, aber irritiert haben wird die Z\u00fcrcher der seltsame Zug des Sterbenden schon \u2013 begleitet von seiner Familie, einer Schar Priestern und Schlingensief als wildem Papst Mabuse an der Spitze. Skeptiker werden das blasphemische Moment herausstreichen.<\/p>\n<p>Im Pfauen greifen die Aktionisten dann direkt in Ren\u00e9 Polleschs neuestes Werk ein: &#8222;Calvinismus Klein&#8220;. Mit Z\u00fcrich w\u00fcrde man eigentlich den Reformator Ulrich Zwingli assoziieren, doch Pollesch denkt anders: \u00dcber Max Weber gelangt er zur protestantischen Ethik und so nach Z\u00fcrich. Vor allem aber versucht er, gemeinsam mit den fantastischen Darstellern Martin Wuttke und Carolin Conrad das &#8222;interpassive Theater&#8220; zu erfinden, wof\u00fcr ihm Robert Pfallers Buch &#8222;Interpassivit\u00e4t&#8220; Pate stand.<\/p>\n<p><strong>Sprachschw\u00e4lle und Verschnaufpausen<\/strong><\/p>\n<p>Wie gewohnt reihen sich bei Pollesch philosophische Reden ohne Punkt und Komma aneinander. Wuttke und Conrad springen zwischen dem &#8222;Terror&#8220; des interaktiven Theaters, Irrwegen der neoliberalen Gesellschaft und anderen Themenkreisen hin und her.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck erh\u00e4lt das Publikum auch Verschnaufpausen: mit Videos, Musik von Wagners &#8222;Meistersinger&#8220;-Vorspiel bis zu einem verkitschten Bach \u2013 und nat\u00fcrlich mit Slapstick-Einlagen auf der von Janina Audick gestalteten Variet\u00e9-B\u00fchne. Ins Variet\u00e9 geh\u00f6rt auch eine Zaubernummer, bei der Conrad in einem &#8222;frauengro\u00dfen&#8220; Lippenstift verschwindet. K\u00f6stlich auch, wenn sie sich \u2013 wie im Kom\u00f6dienklassiker &#8222;Der Hofnarr&#8220; \u2013 zu merken versucht, ob sich die Pille in einem Becher mit F\u00e4cher befindet oder in einem Kelch mit einem Elch.<\/p>\n<p>Nach der Zaubernummer ist es soweit: Papst Mabuse greift mit seiner Crew ins Geschehen ein, schleudert gleich zu Beginn eine ironische Spitze ins Publikum, indem er dessen &#8222;Toilette&#8220; sein will, und l\u00e4sst sich \u00fcber die von den Schweizern gutgehei\u00dfene Minarett-Volksabstimmung aus.<\/p>\n<p><strong>Zeit zum mentalen Nacharbeiten<\/strong><\/p>\n<p>Wirklich zusammenpassen wollen das Theaterst\u00fcck und die Aktion nicht. Aber sei\u2019s drum. Wenigstens \u00fcber Pollesch l\u00e4sst sich eine Verbindungslinie ziehen: F\u00fcr ihn war der durch B-Movies der 60er ber\u00fchmt gewordene Gangster Mabuse einer der interessantesten Belege daf\u00fcr, dass unter Einwirkung von Schrecken Geistesst\u00f6rungen auftreten. Den Kick erh\u00e4lt dieses Gesamtkunstwerk ohnehin dadurch, dass zwei au\u00dfergew\u00f6hnliche Pers\u00f6nlichkeiten aufeinandertreffen und zum gedanklichen Nacharbeiten zwingen. Denn verdauen lassen sich die vielen Eindr\u00fccke in den knapp 70 Minuten kaum.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Oliver Schneider, Wiener Zeitung vom 09.12.2009<\/em><\/p>\n<p><em>Fotos: Adrian Ehrat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doppel-Spektakel in Z\u00fcrich: Christoph Schlingensief und Ren\u00e9 Pollesch pr\u00e4sentierten ein Gesamtkunstwerk<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/454"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=454"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/454\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}