{"id":453,"date":"2009-12-08T01:33:16","date_gmt":"2009-12-07T23:33:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=453"},"modified":"2009-12-08T01:33:16","modified_gmt":"2009-12-07T23:33:16","slug":"sterbelehre-einmal-anders-deutschlandfunk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=453","title":{"rendered":"STERBELEHRE EINMAL ANDERS (DEUTSCHLANDFUNK)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs und Ren\u00e9e Polleschs Gemeinschaftsproduktion am Schauspiel Z\u00fcrich und am Theater Neumarkt<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/adrianehrat_schlingen_DSC_3060.jpg\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief ist sehr krank; und nat\u00fcrlich ist das der Subtext, den man bei seinem St\u00fcck immer mitdenken muss: Hier tickt die Uhr. Dass Schlingensief nun &#8222;Sterben lernen&#8220; will, und zwar in 60 Minuten, im Sinne einer Gebrauchsanweisung, ist aber bereits eine seiner typisch ambivalenten Parolen.<\/p>\n<p>Einerseits will er sich durchaus ernsthaft mit Sterbetheorien auseinandersetzen, andererseits bildet dieser Flickenteppich aus Sterbetexten &#8211; von Meister Eckhard bis Hugo Ball, von Nikolaus von Kues bis Boris Groys &#8211; nur den Vorwand f\u00fcr eine sehr schr\u00e4ge Fluxus-Happening-Veranstaltung, die dramaturgisch mit der Vorstellung arbeitet, dass da einer nur noch eine Stunde zu leben habe.<\/p>\n<p>Das Sterben aber verliert einen Teil seines Schreckens, wenn es kollektiv zu Kunst verarbeitet wird. Wenn der Sterbende mit franz\u00f6sischem Akzent herumn\u00e4selt, wenn er als skurrile Jesusfigur ganz handfest sein Kreuz die Treppe heruntertragen muss. Wenn zwischendrin viel erl\u00f6sungss\u00fcchtige Musik von Richard Wagner gespielt wird, von Parsifal bis zu Isoldes Liebestod. Wenn eine schrille Performance-Gestalt auftaucht, wie Herr &#8222;Beuys von Hagen&#8220;, jener stets Beuys-Hut tragende Leichen-Plastinator, der den K\u00f6rper haltbar macht, aber die Seele nicht finden kann. Das ist durchaus Schlingensiefs Anliegen: Er sucht die Seele und die Unsterblichkeit und den &#8222;Hypergott&#8220;, der f\u00fcr ihn eine &#8222;alles umfassende Energiewolke oder so was&#8220; ist.<\/p>\n<p>Andererseits sucht er die N\u00e4he und die Interaktion, das &#8222;interaktive Theater&#8220; &#8211; ganz im Gegensatz \u00fcbrigens zu dem kalten Fetisch- und Warenform-Analytiker Ren\u00e9 Pollesch, der 500 Meter entfernt im Schauspielhaus sich \u00fcber Kapitalismus-kompatiblen &#8222;Calvinismus&#8220; verbreitert und das &#8222;interpassive Theater&#8220; favorisiert, bei dem der Zuschauer sein Leben an den Schauspieler delegieren kann und sich so von den Dingen befreit, die er liebt. Mit Pollesch ist die Schlingensief-Totenmesse per Video verbunden, und diesen Ren\u00e9 Pollesch wird man nun besuchen. Wie ein dadaistischer Passionszug setzen sich die Schlingensief-Schauspieler und ihre Zuschauer in Bewegung durch die n\u00e4chtliche Z\u00fcricher Altstadt, begleitet von Messdienern und Chor und Sterbeges\u00e4ngen:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Es ist soweit, nun musst du Abschied nehmen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Das sind die sch\u00f6nsten Momente dieser Inszenierung: Eine verschleierte, aus dem Mittelalter herausgefallene Madonnenfigur t\u00e4nzelt \u00fcber den Zebrastreifen, ihr folgt eine Mutter mit 50iger-Jahre-Kinderwagen und der kreuztragende Jesus nebst Anh\u00e4ngern. Die Autos halten an, die Stadt steht einen Moment lang still. Es ist ein groteskes, subversives Fellini-Theater, das da \u00fcber die Schweizer kommt, der Einbruch des Sakralen in die banale Kommerzwelt der Finanzmetropole Z\u00fcrich. Schlingensief selber spielt als &#8222;Papst Mabuse&#8220; mit, ein Hybrid aus Sonnenk\u00f6nig, Kardinal und Zauberer, eine Gestalt mit Papst-Robe, Hermelin-\u00dcberwurf und zerzaustem grauem Haar. W\u00e4hrend der Ersatz-Jesus vor dem Z\u00fcrich Kunsthaus Leidens-Posen \u00fcbt, erschallt der Ruf &#8222;Habemus Papam&#8220; &#8211; Kirchenf\u00fcrst Schlingensief l\u00e4sst sich in einer S\u00e4nfte zum Schauspielhaus tragen und verk\u00fcndet dem Volk: &#8222;Die Heilung hat eingesetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Es scheint ihm gesundheitlich tats\u00e4chlich etwas besser zu gehen. Drinnen wird die Pollesch-Inszenierung in bew\u00e4hrter APO-Manier gesprengt, Schlingensief liest Leserbriefe zur Minarett-Entscheidung des Schweizer Wahlvolks vor, dann geht es zur\u00fcck ins Neumarkt-Theater, wo in einem Parsifal-Teil nochmals das Heil gesucht und die Kommunion verteilt wird.<\/p>\n<p>Der skurrile, freakige, mystische Katholizismus, den der reine Tor Schlingensief jenseits aller offizi\u00f6sen Kirchlichkeit zelebriert, hangelt genau auf der Grenze zwischen Ernst und Parodie, zwischen Sinnsuche und Show; aber er hat einen tragischen Kern. Er bindet den Zuschauer ein, aber er l\u00e4sst ihm auch die Freiheit zu sagen: Ihr \u00f6det mich an mit eurem Krebs und eurem \u00f6ffentlichen Leiden. &#8222;Aktion aufrecht sterben&#8220; stand auf Schlingensiefs Demonstrationsplakat. Etwas sozialistischer k\u00f6nnte es auch hei\u00dfen: Einer trage des anderen Last.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Christian Gampert (Deutschlandfunk, Fazit, 05.12.2009)<\/em><\/p>\n<p><strong>Diesen Beitrag anh\u00f6ren: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/aod\/?station=1&#038;broadcast=57942&#038;datum=20091205&#038;playtime=1260030699&#038;fileid=cb6785f8&#038;sendung=57942&#038;beitrag=1082489&#038;\">Deutschlandfunk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Foto: Adrian Ehrat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs und Ren\u00e9e Polleschs Gemeinschaftsproduktion am Schauspiel Z\u00fcrich und am Theater Neumarkt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/453"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=453"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/453\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=453"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=453"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=453"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}