{"id":449,"date":"2009-12-07T11:47:20","date_gmt":"2009-12-07T09:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=449"},"modified":"2009-12-07T11:47:20","modified_gmt":"2009-12-07T09:47:20","slug":"seid-nett-zu-den-eidgenossen-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=449","title":{"rendered":"SEID NETT ZU DEN EIDGENOSSEN! (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Z\u00fcrich: Ren\u00e9 Pollesch und Christoph Schlingensief machen Theater in Zeiten des Minarettverbots<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/IMG_9296_Bildgr____e___ndern.JPG\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 min.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Wie sich die Bilder gleichen! Der neutrale Kleinstaat \u00d6sterreich, \u00fcber Jahrzehnte hinweg angeblich eine &#8222;Insel der Seligen&#8220;, geriet ins Gerede, bis er pl\u00f6tzlich seinen guten Ruf verloren hatte. Die Stichworte &#8222;Waldheim&#8220; und &#8222;schwarzblaue Koalition mit J\u00f6rg Haider&#8220; stehen einerseits f\u00fcr internationale Isolation, andererseits f\u00fcr die \u00fcberf\u00e4llige Auseinandersetzung mit der eigenen T\u00e4terschaft im Dritten Reich. Man f\u00fchlte sich arg missverstanden und verleumdet, ins Abseits der Europ\u00e4ischen Union gedr\u00e4ngt, geradezu von Feinden umringt. Man suchte Zuflucht in der Trotzhaltung des &#8222;Jetzt erst recht!&#8220;<\/p>\n<p>Ein schmerzhafter Bewusstseins- und Mentalit\u00e4tsprozess setzte ein. Viele lieb gewordene Klischees vom typisch \u00d6sterreichischen gingen in Br\u00fcche. Im Wende-Fr\u00fchling 2000 realisierte Christoph Schlingensief f\u00fcr die Wiener Festwochen vor der Staatsoper sein Container-Projekt &#8222;Bitte liebt \u00d6sterreich!&#8220; Eine satirische Big-Brother-Paraphrase mit echten Asylanten, die virtuell abgeschoben werden konnten: Jeder durfte am &#8222;Ausl\u00e4nder raus!&#8220; &#8211; Spiel teilnehmen.<\/p>\n<p>Die \u00f6sterreichische Seele, das goldene Wienerherz, das sich ertappt f\u00fchlte, kochte: Ungem\u00fctliche Tumultszenen waren die Folge. Schlingensief, der Kunstaktivist und Agent Provocateur des &#8222;gesunden Volksempfindens&#8220;, hatte damals wie kaum je sonst mit seiner Regie der Realit\u00e4t ins Schwarze getroffen, die Verh\u00e4ltnisse zur Kenntlichkeit entstellt.<\/p>\n<p>Seit Jahren muss die Schweiz \u00e4hnliche Erfahrungen machen wie vordem \u00d6sterreich. Manchmal geschieht ihr sogar grobes Unrecht. Die Dem\u00fctigungen des nationalen Selbstbewusstseins h\u00e4ufen und verst\u00e4rken sich, immer weiter scheint sich das Land in seinem Gef\u00fchl der Ohnmacht von Europa, in dessen Mitte es liegt, zu entfernen. Viele Schweizer verstehen die Welt, die ihnen die einst neiderf\u00fcllte Liebe entzogen hat, nicht mehr, igeln sich ein. Wo sind die stolzen Zeiten, da man als Modell der Korrektheit, als Idealmuster eines friedlichen Miteinanders galt, als sicherer Hafen des Geldes?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/IMG_9244_Bildgr____e___ndern.JPG\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 min.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Der Abstieg vom Helden zum Buhmann der V\u00f6lker ist wohl in der Tat schwer zu ertragen, der Niedergang treibt seltsame Bl\u00fcten. Dass das von der Mehrheit der Stimmb\u00fcrger beschlossene Minarett-Verbot vor allem in den Medien jenseits der Schweizer Grenzen auf Unverst\u00e4ndnis und Befremden st\u00f6\u00dft, sollte niemanden \u00fcberraschen. Doch ist das Image erst ruiniert, lebt sich&#8217;s g\u00e4nzlich ungeniert. Wer die j\u00fcngste Ausgabe der auch au\u00dferhalb der Schweiz beachteten Zeitschrift &#8222;Die Weltwoche&#8220; sieht, der traut seinen Augen kaum. Auf dem Titelblatt eine Art Steckbrief mit Schwarzwei\u00df-Fotos, unter anderem der Schweizer Justizministerin, des Theologen Hans K\u00fcng und zweier Rechtsprofessoren. Der Titel: &#8222;Die Totengr\u00e4ber der Demokratie&#8220;. Das seien sie, weil sie das Votum kritisiert, beziehungsweise nicht \u00f6ffentlich verteidigt haben. Im Inneren ist dann bereits von &#8222;Verr\u00e4tern und Verdrehern des Volkswillens&#8220; die Rede. Fazit: &#8222;Eine politische und juristische Elite, die, angespornt und unterst\u00fctzt vom Geheul der unterlegenen Linken, Volksentscheide auf dem Umweg via Ausland umsto\u00dfen will, verr\u00e4t und meuchelt die Demokratie.&#8220; Was f\u00fcr ein Geist spricht aus solcher Sprache? Sind es die Gespenster der verblichenen Dolchsto\u00dflegenden? In liberalen Gesellschaften haben &#8222;die Reihen&#8220; eben nicht &#8222;dicht geschlossen&#8220; zu sein, davon leben sie.<\/p>\n<p>In diese aufgeheizte Atmosph\u00e4re platzte nun abermals Christoph Schlingensief, mit einer hurtig improvisierten &#8222;Intervention&#8220;, wie derlei im Kunstbezirk hei\u00dft. Freilich kam &#8222;Unsterblichkeit kann t\u00f6ten&#8220; blo\u00df im Huckepack-Verfahren mit einer Urauff\u00fchrung seines Freundes Ren\u00e9 Pollesch am Z\u00fcrcher Schauspielhaus zustande. Keine Sorge: Pollesch und Schlingensief, die braven Deutschen, treten in Z\u00fcrich weder als Reiter der Schweizer Apokalypse noch als versprengte Reste von Peer Steinbr\u00fccks ber\u00fcchtigter Steuerkavallerie auf.<\/p>\n<p>Das Markenprodukt Pollesch gibt es einzig und allein in der Personalunion von Autor und Regisseur. Seit eh und je sind die Titel seiner Arbeiten die witzigsten im deutschen Sprachraum: &#8222;Calvinismus Klein&#8220; ist aber leider auch das Beste an dem St\u00fcck. Mag sein, dass Pollesch die Zwingli-Stadt Z\u00fcrich mit der Calvin-Stadt Genf verwechselte. Denn mit dem Calvinismus und der ber\u00fchmten Studie Max Webers &#8222;Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus&#8220; hat die Premiere so viel tun wie Lindt &#038; Spr\u00fcngli mit Calvin Klein.<\/p>\n<p>Der wahre Pate des Abends ist der Wiener Kulturphilosoph Robert Pfaller. Die Theorie der &#8222;Interpassivit\u00e4t&#8220;, des delegierten Genie\u00dfens, l\u00e4sst sich am einfachsten am Wesen der Pornografie veranschaulichen: Wir haben Lust an fremder Lust. Martin Wuttke und Carolin Conrad er\u00f6rtern das furios: &#8222;Warum m\u00fcssen wir immer selbst lieben? Ich will, dass das endlich jemand anderer f\u00fcr mich macht.&#8220; Indes hat das bew\u00e4hrte Pollesch-Prinzip, hochgestochenen Diskurs aus rasanten Plapperm\u00e4ulchen in hysterische Boulevardkom\u00f6die zu verwandeln, schon \u00fcberzeugender funktioniert. Gewiss, die Philippika gegen den p\u00e4dagogischen Terror des &#8222;interaktiven Theaters&#8220; in all seiner Bedeutungshuberei, mit der das Publikum zum Mitf\u00fchlen und sozialen Engagement animiert werden soll, sorgt f\u00fcr Heiterkeit genug: &#8222;Das ist voll yesterday&#8220;. Aber das geforderte &#8222;interpassive Theater&#8220; erleidet irgendwann Schiffbruch. Rettung bringt Schlingensiefs ber\u00fcchtigte Interaktivit\u00e4t: Dessen anfangs \u00fcber Video eingespielte theatralische Prozession mit Gesang, ein Kreuzweg vom Theater am Neumarkt \u00fcber das Kunsthaus bis zur Endstation im Pfauen, verleiht dem Nonsens-Slapstick abstrakter Begriffe eine tiefere Dimension. Das Motto im Untertitel &#8222;Sterben lernen!&#8220; hat den Beigeschmack emotionaler, existenzieller Wahrhaftigkeit, verbunden mit einer Frohbotschaft: Solange Christoph Schlingensief seine Krebskrankheit zum Tode zu inszenieren vermag, geht es ihm nicht ganz schlecht.<\/p>\n<p>Milder ist er jedoch zweifellos geworden, ebenso wie Ren\u00e9 Pollesch. Was w\u00e4re hier und heute nicht alles an griffigem, an untergriffigem Antihelvetismus denkbar und m\u00f6glich gewesen! Gro\u00dfz\u00fcgig verzichten sie darauf, ihre ironische Kritik wirkt eher handzahm. Und das ist auch gut so: Seid nett zu den Eidgenossen! Qu\u00e4le nie ein Tier zum Scherz, denn es sp\u00fcrt wie Du den Schmerz.<\/p>\n<p>Termine: 8., 14., 16., 18. Dezember; am 8. 12. gemeinsam mit Schlingensief. Karten: 0041 44 258 77 77.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Ulrich Weinzierl, die WELT vom 7. Dezember 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z\u00fcrich: Ren\u00e9 Pollesch und Christoph Schlingensief machen Theater in Zeiten des Minarettverbots<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/449"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=449"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/449\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}