{"id":448,"date":"2009-12-12T01:55:47","date_gmt":"2009-12-11T23:55:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=448"},"modified":"2009-12-12T01:55:47","modified_gmt":"2009-12-11T23:55:47","slug":"ruhrung-ist-zwar-voll-yesterday-aber-doch-nicht-ganz-zu-vermeiden-basler-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=448","title":{"rendered":"UNSTERBLICHKEIT KANN T\u00d6TEN (TAGESANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ren\u00e9 Pollesch legt die theoretische Basis, dann kommt Christoph Schlingensief und stirbt stellvertretend f\u00fcr die Leute. \u00abCalvinismus Klein\u00bb am Schauspielhaus beweist, wie erfrischend radikales Denken ist.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/IMG_9281_Bildgr____e___ndern.JPG\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 min.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Der Abend beginnt mit einem grossen Problem: Sie (Carolin Conrad) und er (Martin Wuttke) wollen ins Theater. Aber nicht in eines, in dem Leute im Publikum sitzen und sich als Teil einer nach dem gleichen Sinn suchenden Gemeinschaft verstehen, also nicht in ein \u00abinteraktives\u00bb Theater. Sondern in ein \u00abinterpassives\u00bb Theater, wo man nicht mehr selbst R\u00fchrung versp\u00fcren muss, denn Gef\u00fchle zu produzieren, ist auch bloss eine Form von Arbeit.<\/p>\n<p>Sie suchen also nach dem Theater, in dem man die Erledigung seiner Gef\u00fchle an einen Schauspieler delegieren kann. Er k\u00f6nnte einem Zuschauer etwa die Liebe abnehmen und sich einen Abend lang um dessen Frau k\u00fcmmern. Der Zuschauer k\u00f6nnte sich so entspannen und calvinistischer Askese hingeben. Und danach zu einem ganz neuen Welt- und Wertverst\u00e4ndnis kommen. Einem, bei dem die Gr\u00f6ssen, die einen Menschen so definieren \u2013 Geburt, Nation, Natur, Familie \u2013 nicht mehr wichtig sind, sondern nur noch das Jetzt, das Gegen\u00fcber, zwei K\u00f6rper, Ber\u00fchrung statt R\u00fchrung. Alles andere ist \u00abvoll yesterday\u00bb. Und damit auch alles, was das Premierenpublikum vom Freitag wohl bisher im Pfauen gesucht hat.<\/p>\n<p><strong>Entspannen im Unsinn<\/strong><\/p>\n<p>Das traditionelle Sinnsuchertheater dagegen ist absolut hohl: \u00abIrgendwelche schweren W\u00f6rter ziehen an einem leichten Band gasf\u00f6rmige K\u00f6rper hinter sich her\u00bb, sagt Wuttke. Und damit man sieht, wie bar jeder Illusion das Theater sein kann, hat das B\u00fchnenbild (Janina Audick) rein gar nichts zu verbergen. Es ist ein monstr\u00f6s sinnloses Ding, eine Art zweidimensionale Sperrholz-Boulevardb\u00fchne \u2013 so wie im Boulevardtheater ja niemand nach Tiefsinn sucht, sondern nach Entspannung im Unsinn. T\u00fcren klappern, Balkone werden beklettert, es gibt ein Drehpodest und in einer Wand ein rosa Klappbett. Hinter den T\u00fcren ist nichts, bloss weiterer B\u00fchnenraum, der vom Filmteam nach vorne gebeamt wird. Die beiden Schauspieler bewegen sich mal vorn, mal hinten.<\/p>\n<p>Sie spielen, wie immer bei Pollesch, mit Leib und Leben, denn ihre K\u00f6rper sind ja nicht gasf\u00f6rmig erhaben, sondern sehr pr\u00e4sent. Und wie immer bei Pollesch verschmilzt die hochkomplexe Interaktiv-Interpassiv-Theorie (die er sich beim Philosophen Robert Pfaller geliehen hat) mit einer sehr handfesten Verk\u00f6rperung, deftigen Kost\u00fcmen, Tricks und Zauberei. Feuerwerk spr\u00fcht, L\u00e4mpchen leuchten, Conrad wird in Einzelteile zerlegt. H\u00f6hepunkt dieser Publikumsentspannung ist eine dreist am\u00fcsante Giftkelchnummer, bei der sich die beiden pythonesk verhaspeln.<\/p>\n<p>Die Kost\u00fcme (Aino Laberenz) sind aus den Spielcasinos und Tanzpal\u00e4sten der 20er-Jahre geklaut, wo der Stummfilmb\u00f6sewicht Dr. Mabuse den Reichen mittels Hypnose das Geld aus den Taschen zog. Und hypnotisch ist auch, wie schamlos charmant Pollesch dem Pfauen-Publikum da eigentlich eine Beschimpfung unterjubelt.<\/p>\n<p><strong>Besuch von Onkel Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p>Dass an drei Abenden Ren\u00e9 Pollesch und Christoph Schlingensief zu einem Pollensief verschmelzen, ist nat\u00fcrlich grenzgenial. Wie ein komischer Onkel aus Havanna im Boulevardtheater st\u00fcrmt Schlingensief nach etwa einer Stunde mit allen seinen Darstellern durch die Foyert\u00fcren auf die B\u00fchne. Es gibt ein kurzes gemeinsames Gepl\u00e4nkel, dann zeigt Wuttke auf Schlingensief, sagt: \u00abMein Freund stirbt\u00bb, und meint damit den realen Freund, der real stirbt. Und weil Christoph vor uns auf der B\u00fchne steht und stirbt, delegieren wir im Zuschauerraum \u2013 der interpassiven Theatertheorie zufolge \u2013 nun unser Sterben kollektiv an ihn. Womit dann recht eigentlich Christus auf der B\u00fchne st\u00fcnde. Was f\u00fcr ein Theatermoment.<\/p>\n<p>Doch die Prozession muss weiter, zur\u00fcck ins Neumarkt (siehe Text nebenan). Dazu prescht eine von Polleschs Lieblingsmelodien durch den Pfauen, die sentimental-pomp\u00f6se Titelmusik aus \u00abPirates of the Caribbean\u00bb \u2013 und wir sitzen da und sind eben doch ger\u00fchrt, weil einem die Theaterpiraten das Herz gestohlen haben. Ob \u00abCalvinismus Klein\u00bb in all seinen theoretischen Ver\u00e4stelungen wirklich ganz aufgeht, k\u00f6nnen wir hier nicht sagen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns den Ren\u00e9 ohne Christoph noch einmal anschauen.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Vorstellungen: 8., 14., 16., 18. Dezember sowie im Januar; letzte Koproduktion mit Christoph Schlingensief: Dienstag, 8. Dezember.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Von Simone Meier, Basler Zeitung vom 7.12.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ren\u00e9 Pollesch legt die theoretische Basis, dann kommt Christoph Schlingensief und stirbt stellvertretend f\u00fcr die Leute. \u00abCalvinismus Klein\u00bb am Schauspielhaus beweist, wie erfrischend radikales Denken ist.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/448"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=448"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/448\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}