{"id":447,"date":"2009-12-07T11:40:31","date_gmt":"2009-12-07T09:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=447"},"modified":"2009-12-07T11:40:31","modified_gmt":"2009-12-07T09:40:31","slug":"theater-zapping-sudkurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=447","title":{"rendered":"THEATER-ZAPPING (S\u00dcDKURIER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Z\u00fcrich sind Ren\u00e9 Pollesch und Christoph Schlingensief derzeit im Doppelpack zu sehen<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/IMG_9439_Bildgr____e___ndern.JPG\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 min.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Na endlich! Es wurde ja auch Zeit, dass das Theater den Markt entdeckt. Geboten werden muss, was verlangt wird, Bed\u00fcrfnisse wollen befriedigt sein, auch in der moralischen Anstalt. \u201eWie es euch gef\u00e4llt\u201c oder \u201eWas ihr wollt\u201c hat Shakespeare schon empfohlen und auch Goethe wusste: \u201eWer vieles bringt, wird manchem etwas bringen\u201c. Beneidenswert dumm dran sind allenfalls die geplagten Metropolen-Bewohner, die sich gar noch zwischen verschiedenen Theatern entscheiden m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Da lohnt doch, wie so oft, ein Blick in die Schweiz. In Z\u00fcrich gibt es jetzt Theater-Zapping. Ja, genau. Vom roten Pl\u00fcschsessel im Schauspielhaus Pfauen mitverfolgen, was dr\u00fcben, im Theater am Neumarkt, gerade so l\u00e4uft. Ganz ohne Fernbedienung, nur mit einer einzigen Eintrittskarte. Und dann nicht etwa Goethe oder Schiller, das w\u00e4re ja voll yesterday. Nein die f\u00fcr jeden Party-Smalltalk tauglichen Mode-Dramatiker Ren\u00e9 Pollesch und Christof Schlingensief gibt&#8217;s im Doppelpack. Publikumsliebling und B\u00fcrgerschreck zusammengespannt, das muss es doch sein.<\/p>\n<p>Beginnen wir gut bildungsb\u00fcrgerlich im ehrw\u00fcrdigen Schauspielhaus Pfauen. \u201eCalvinismus Klein\u201c. Das klingt witzig und vielsagend. Noch ist der Vorhang geschlossen und es erklingt Wagners Meistersinger-Ouvert\u00fcre. Dann sehen wir ein schick-gestyltes Paar, das sich \u2013 wie einst bei Karl Valentin \u2013 anschickt, ins Theater aufzubrechen. Die Zeit dr\u00e4ngt und die Aufregung ist gro\u00df, denn die beiden wollen in ein interpassives Theaterst\u00fcck gehen. Interpassiv? Ja, genau. Der jahrzehntelange Terror des interaktiven Theaters sei vorbei, sagen sie.<\/p>\n<p>Jetzt wollen sie nicht mehr l\u00e4nger selbst im Theater denken und f\u00fchlen m\u00fcssen und rufen nach Entlastung. Das Theater \u00fcbernimmt f\u00fcr seine Besucher den kompletten Denk- und Gef\u00fchlskram. \u201eDer Chor der griechischen Trag\u00f6die kann f\u00fcr mich ber\u00fchrt sein. Dann muss ich das nicht tun\u201c. Na, prima.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Markenzeichen von Ren\u00e9 Pollesch, dass seine St\u00fccke oft mit nur einem Grundgedanken auskommen, der dann auf Theaterabendl\u00e4nge gestreckt und mit Endlosschleifen eines schwindelerregenden pseudo-philosophischen Unsinns aufgep\u00e4ppelt wird. \u201eDie Seele ist eine Au\u00dfenbeziehung des K\u00f6rpers zu sich selbst.\u201c Ja genau. Ein Satz wie in Stein gehauen, tauglich zum Running Gag f\u00fcr die n\u00e4chste Stunde.<\/p>\n<p>Ein temporeiches Zwei-Personen-St\u00fcck, prominent besetzt mit Carolin Conrad und Martin Wuttke, die Zuschauer machen es sich bequem bei Polleschs Text-Snacks. Das ganze spielt in den Versatzst\u00fcck-Kulissen des Boulevard mit Treppen, T\u00fcren, Glamour-Lichterketten, Betten und einer Bar. Nicht zu vergessen st\u00e4ndig auf und ab fahrende Video-Leinw\u00e4nde. Das ginge vermutlich ewig so weiter, w\u00fcrden da per Video nicht immer wieder Szenen der gleichzeitig stattfindenden Schlingensief-Premiere am Neumarkt Theater eingespielt. \u201eUnsterblichkeit kann t\u00f6ten \u2013 Sterben lernen! Andersen stirbt in 60 Minuten\u201c hei\u00dft es dort. Und tats\u00e4chlich wird Martin Wuttke zur Leinwand blicken und sagen, \u201eHallo Christof, wie l\u00e4uft&#8217;s bei euch?\u201c \u201ePrima\u201c sagt da der Christof im wei\u00dfen Hermelin und fragt, ob denn im Schauspielhaus die Sache mit dem interpassiven Theater schon abgehandelt worden sei. Wuttke bejaht, da k\u00fcndigt Schlingensief in der Live-Schaltung f\u00fcr sich und seine Truppe baldiges Kommen an.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend Conrad und Wuttke mit ihrem Pollesch-Text weitermachen, setzt sich die Neumarkt-Premiere samt Publikum in Bewegung Richtung Schauspielhaus. Das Video zeigt, wie der titelgebende Herr Andersen bei winterlichen Temperaturen in den Z\u00fcrcher Gassen mit nacktem Oberk\u00f6rper unterwegs ist und auf den Schultern ein Kreuz tr\u00e4gt. Den eigenen Trauerzug, samt Geistlichen und Ministranten hat er gleich dabei.<\/p>\n<p>Der Kreuzweg f\u00fchrt zum Kunsthaus, dort wird noch eine Szene in einer Vitrine gespielt, bevor der ganze Tross unter Absingen von Trauerchor\u00e4len die Schauspielhaus-B\u00fchne entert und aus dem interpassiven doch noch interaktives Theater macht. \u201eHeute geht es ausnahmsweise einmal nicht um mich\u201c wird der schwer krebskranke Schlingensief sagen, der nun einmal mehr das Thema Sterben publikumswirksam zelebrieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gestorben ist in diesem Augenblick im zarten Alter von 60 Minuten auch das Pollesch-St\u00fcck, Carolin Conrad und Martin Wuttke werden hastig zur Verbeugung und zur Entgegennahme eines f\u00fcr ihre gro\u00dfartige Leistung d\u00fcrftigen Schlussbeifalls eines irritierten Publikums gen\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Noch einmal wird das Pollesch-St\u00fcck samt Schlingensief-Einlage zu sehen sein, danach gibt es dann wieder interpassives Theater pur. \u201eIrgendwelche schweren W\u00f6rter ziehen an einem leichten Band gasf\u00f6rmige K\u00f6rper hinter sich her\u201c, hei\u00dft es gleich zu Beginn im St\u00fcck. Treffender kann man es nicht sagen.<\/p>\n<p><em>Wolfgang Bager<\/em><\/p>\n<p>Mit Schlingensief-Einlage am 8. Dezember, danach Pollesch pur am 14., 16. und 18. Dezember.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Quelle: S\u00fcdkurier, 07.12.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Z\u00fcrich sind Ren\u00e9 Pollesch und Christoph Schlingensief derzeit im Doppelpack zu sehen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/447"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=447"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/447\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}